Kultur

Interaktiv | 29.01.1999 | Kathrin Tiedemann

Es muß nicht immer Hightech sein

Die Berliner Ausstellung »crossLinks« präsentiert Medienkünstlerinnen und Cyberfeministinnen

Das Hinweisschild am Eingang in den Ausstellungsraum, das die Besucher auffordert, sich dort nicht zu bewegen, übersieht man leicht. Drinnen dreht man flugs ein paar Runden, schaut etwas ratlos auf Navigationshinweise: north, south, east, west, up, down... und wird plötzlich von einer Computerstimme angesprochen: »Dear Visitor! Don't move your body, or the communication will not go on.« Die Regungslosigkeit der Besucher wird in der Installation von Christin Lahr zum Auslöser einer Klanginstallation. »Displaced_Persons say Nothing to Nobody« ist aber nicht nur ein Spiel mit den Erwartungshaltungen der Ausstellungsbesucher und ein heimtückischer Kommentar der Künstlerin zum Multimedia-Reizthema »Interaktivität«, sondern ein ziemlich komplexes und schlau durchdachtes Environment, in der das soziale Verhalten an der Schnittstelle zwischen virtuellem und realem Raum zum Gegenstand wird. Das »Kunstwerk« entsteht live in den Zwischenräumen einer vernetzten Struktur, zwischen den beteiligten Internetnutzern, Ausstellungsbesuchern und den fiktiven Akteuren eines vorgefertigten »Drehbuchs«. Eine Arbeit, die zeigt, daß es bei Medienkunst um mehr und anderes gehen kann als um flackernde, bunte Bildschirme.

Die Ausstellung crossLinks, die vergangenen Freitag in der Galerie im Marstall eröffnet wurde, dessen Defizite immer wieder auf die Lücke verweisen, die die Schließung der Kunsthalle in der Budapester Straße hinterlassen hat, ist in mehrfacher Hinsicht ein ungewöhnliches Projekt. Zum einen, weil die Ausstellung unmittelbar ein Resultat des Künstlerinnenprogramms der Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur ist. Im Katalogtext merken die Kuratorinnen Kathrin Becker und Beatrice E. Stammer dazu an: »crossLinks ist aus Sicht der Kuratorinnen kein Ausstellungsvorhaben traditionellen Typs. Eher stellt es ein Modell zum Thema Medienkunst dar. Die elf vorgestellten Positionen sind - ausgeschrieben als Werkstipendien im Bereich Medienkunst durch das Künstlerinnenprogramm bei der Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur, Berlin - durch eine Fachjury ermittelt worden.«

Bislang konnten sich im Rahmen dieses Förderprogramms Künstlerinnen aller Sparten um Stipendien und Projektmittel bewerben, die nach dem Votum eines interdisziplinär zusammengesetzten Beirats vergeben wurden. 1998 setzte die Senatsverwaltung erstmals inhaltliche Akzente, indem die Ausschreibung auf Film und Medienkunst beschränkt wurde. Ein Versuch, das Förderprogramm stärker zu profilieren. Das Ziel, die »Frauenquote« bei der Mittelvergabe zu erhöhen, hatte sich seit der Einrichtung des Programms unter Kultursenator Roloff-Momin 1992 zunehmend als problematisch erwiesen. Man hofft, mit dem neuen Vorgehen, die Fördermittel - auch im Sinne der geförderten Künstlerinnen - durch Konzentration und größere öffentliche Wirksamkeit effektiver als bisher einzusetzen. Der Nachteil liegt freilich auch auf der Hand: die Zahl der geförderten Künstlerinnen sinkt, denn schließlich haben eine Ausstellung und Kuratorinnen ihren Preis.

Interessanter ist allerdings, daß sich mit crossLinks erstmals eine größere Ausstellung in Berlin mit Positionen der Medienkunst auseinandersetzt. Denn Berlin, das als Kulturmetropole so vieles gerne wäre, ist eines mit Sicherheit nicht: ein Zentrum für Medienkunst. Zwar findet alljährlich parallel zu den Filmfestspielen die Transmediale (ehemals Videofest) im Podewil statt, aber Institutionen vom Range des Zentrums für Kunst und Medien (ZKM) in Karlsruhe oder der Kunsthochschule für Medien in Köln fehlen in der Hauptstadt und mit ihnen eine Infrastruktur aus Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen sowie privates Sponsoring, ohne das im Bereich Medienkunst heute fast gar nichts mehr geht. Statt dessen gibt es eine autonome, sehr aktive Szene, die sich schon seit Jahren um die Förderung von Netzkultur bemüht. Sie gruppiert sich um Vereine wie »Mikro« oder »shift«, deren Aktivitäten nicht nur im Internet, sondern auch in der Stadt nicht mehr zu übersehen sind: mit Veranstaltungen wie den mikro-lounges im WMF-Club, internationalen Treffen etwa zum Thema Internet-Radio und Ausstellungen.

Typisch für die Arbeitsweise dieser Szene ist ihr auf informellen, ja freundschaftlichen Kontakten und Eigeninitiative basierendes »networking«. Die Kommunikation über Mailinglisten sorgt für internationale Kontakte der über den ganzen Globus verstreuten Verbündeten untereinander. Wer sich der Netzkultur verschrieben hat, führt in Real Life häufig eine nomadisierende Existenz als digitaler Wanderarbeiter. Und ab und zu gelingt es, die Institutionen des traditionellen Kulturbetriebs wie ein Virus zu befallen und in ihnen temporäre Zonen der Netzkultur zu installieren. Der Hybrid Workspace im Rahmen der documenta X 1997 war dafür ein gutes Beispiel. Er beherbergte unter anderem auch die »erste Cyberfeministische Internationale«, ein Treffen von 40 Netzaktivistinnen, Medienkünstlerinnen, Theoretikerinnen und Programmiererinnen aus 12 Ländern, die ihre Strategien im Umgang mit Computer- und Internettechnologie debattierten. Einige der Mitorganisatorinnen (Valentina Djordjevic, Ellen Nonnenmacher, Cornelia Sollfrank) sind auch an crossLinks beteiligt, ja man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß ohne ihr Knowhow das ganze Unternehmen »Medienkunst von Frauen« eine ziemliche Pleite geworden wäre.

Diese kleine Vorgeschichte kann vielleicht helfen, einige der in der Ausstellung vorgestellten, auf den ersten Blick äußerst heterogen wirkende Positionen zu unterscheiden. Das größte Problem dieser Gruppenausstellung ist nämlich, daß den Arbeiten, so wie sie präsentiert werden, ihr spezieller Kontext fehlt, die Parameter »Medien« und »Künstlerin« lassen allzuviel Spielraum für Beliebigkeit. Da steht die 3D-Animation »Dream of Beauty 2.0« von Kirsten Geisler, ein auf »Lebensechtheit« abzielender, kahlköpfiger Frauenkopf, der auf Knopfdruck minimal die Gesichtszüge verändert, sich leicht bewegt oder der Betrachterin einen Kuß zuwirft, gegenüber einer Serie digitaler Fotografien von Bettina Hoffmann, in der die Künstlerin mit Identität spielt, indem sie die eigene Person doppelt, drei- oder fünffach, im Bett, in der Küche, auf dem Friedhof ins Bild setzt. Da ist die Betrachterin aufgefordert, sich in den mit Dia-Überblendungen arbeitenden Projektionen von Dörte Meyer und Gabriele Stellbaum einmal von der Illusionswirkung, das andere Mal von der Fiktionalität der Bilder faszinieren zu lassen. Oder man klickt sich am Computer stehend durch Cristina Perinciolis CD-ROM »Kulturtest Rebellion«, auf der es darum geht, den Lifestyle-Code einer politischen 70er Jahre WG zu identifizieren. Oder man taucht in Andrea Sunder-Plassmanns multimediala Ambient-Höhle aus Surround-Projektionen und -Klängen ein, die überraschende Ähnlichkeit zu der Atmosphäre im Webcasting Studio der Station Rose aufweist, wo visuelle und akustische Datensamples live gemixt werden. Die Arbeiten haben alle einen gewissen Unterhaltungswert, sind aber in der Zusammenschau von einer geradezu erschreckenden Harmlosigkeit. Von der im Katalog-Vorwort der Kuratorinnen heraufbeschworenen, das zeitgenössische Kunstverständnis »maßgeblich beeinflussenden« Wirkung der technischen Medien ist in diesen Arbeiten wenig zu spüren. Ebenso von einer kritischen Analyse der geschlechtsspezifischen Rollenverhältnisse in der zeitgenössischen Medienlandschaft. Die künstlerische Reflexion beschränkt sich ganz traditionell aufs Material oder auf Inhalte. Daß das Medium selbst eine Message hat, scheint die meisten der Künstlerinnen gar nicht zu berühren, sie versuchen - und das ist das eigentlich Irritierende dieser Ausstellung - ernsthaft und unbeirrt, individuellen künstlerischen Ausdruck zu produzieren.

Die wenigen Arbeiten, die explizit zur Medialisierung der Wirklichkeit Position beziehen, fallen deshalb um so deutlicher auf.

Zu nennen ist da der von Ellen Nonnenmacher organisierte Kongreß »Capital Training« (12./13. Februar), der mit Vorträgen, Performances und Workshops progressive Umgangsweisen mit Computern und Netzen vorstellen wird. Wenn man sich die dazugehörige Website (www.thing.de/Capital) anschaut, verspricht dieser Teil der Ausstellung so etwas wie ein Crashkurs in Sachen Frauen und Medientechnologie zu werden.

Absolut empfehlenswert sind auch die Ergebnisse der Internetrecherche von Valentina Djordjevic, die auch die Website zur Ausstellung eingerichtet hat, wo sich Links zu einer Vielzahl von Aktivitäten von Künstlerinnen im Netz finden lassen.

crossLinks, bis 18. Februar, Galerie im Marstall, Schloßplatz 7, 10178 Berlin-Mitte, Mi-Fr 14-20 Uhr, Sa/So 12-20 Uhr, Katalog: 18,- DM

 
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