Politik

ZWISCHEN LUFTSCHUTZKELLER UND E-MAIL-ACCOUNT | 16.04.1999 | Ein Kriegstagebuch

Wir haben Angst vor der Sonne

Tagebuchaufzeichnungen aus Novi Sad von Vladislava Gordic

26. März 1999

Hallo, allerseits,

ich bin Vladislava Gordic aus Novi Sad in Jugoslawien, eine von den Millionen wütender, frustrierter, moralisch und seelisch erschütterter Opfer der NATO-Bombenangriffe. Obwohl meine Stadt in der Provinz Vojvodina liegt, also im Norden, dem Kosovo genau entgegengesetzt, ist sie eines der ersten Ziele. Als die NATO am 24. März, gegen acht Uhr abends, ihre Angriffe startete, waren ihre ersten Ziele sogenannte militärische Objekte in Novi Sad. Was tatsächlich zerstört wurde, waren seit langer Zeit leerstehende Kasernen. Bei dem Versuch, diese Kasernen zu treffen, wurde die nahegelegene Grundschule »Svetozar Markovic Toza« schwer beschädigt. Zum Glück waren zu diesem Zeitpunkt keine Kinder mehr im Schulgebäude. Schlauerweise begannen die Angriffe zu einer Tageszeit, zu der die meisten Familien zuhause sitzen, um Abendbrot zu essen, fernzusehen und sich zu entspannen. Es gab keinen Luftalarm vor den Angriffen. Ich saß zum Beispiel gerade vor meinem Computer, um meine Mail zu checken, als unser Haus von den Detonationen erschüttert wurde. Der Himmel war hell erleuchtet von gelben und orangenen Flammen, verursacht durch die Einschläge in der Nähe.

Die Angriffe trafen uns überraschend und unerwartet, viele Luftschutzkeller in den Mietshäusern und die Keller in Einfamilienhäusern waren abgeschlossen, feucht und nicht für den Ernstfall ausgestattet, weil niemand mit dieser Situation gerechnet hatte - logischerweise waren die Leute davon ausgegangen, das Kosovo würde das Ziel der Angriffe sein, schließlich befinden sich dort die militärischen Ziele, von denen immerzu die Rede war, und nicht hier, oder? Aber nach allem, was wir jetzt sehen und hören, werden auch private Häuser sowie Fabriken, die Lebensmittel und Medizin herstellen, getroffen. Es heißt, daß zehn oder mehr Flüchtlinge aus Kroatien und Bosnien bei einem Bombenangriff ums Leben kamen, als Kursumlija und Prokuplje angegriffen wurden, nur weil sie in einem ehemaligen militärischen Objekt untergebracht waren ...

Wenn man so nachdenkt, scheint diese Kategorie der »militärischen Ziele« sehr weit auslegbar. Angenommen, serbische Soldaten essen Schokolade, sollten NATO-Bomben dann alle serbischen Schokolade-Fabriken zerstören, um zu verhindern, daß serbische Soldaten sich etwas Süßes gönnen und Energie tanken, damit sie »Völkermord an den Albanern« begehen können? Dies ist alles völlig absurd. Die NATO will eine menschliche Katastrophe im Kosovo verhindern, indem sie die Bevölkerung in Serbien und Montenegro in Bedrängnis bringt. Jetzt leiden also unsere Babys an Milchknappheit. Lebensmittel und Benzin werden knapp. So läßt sich wohl kaum für die Verbreitung von Demokratie sorgen. Es sei denn, Demokratie wäre ein tödlicher Virus!

Ich bin Dozentin für amerikanische und englische Literatur an der Universität von Novi Sad. Ich habe die Vereinigten Staaten besucht und erfahren, daß es tatsächlich ein Land der Möglichkeiten ist. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die sich über den amerikanischen Traum lustig machen. Trotzdem, nachdem ich zwei Tage in einem feuchten Keller gehockt habe, mit einem entzündeten Zahn, ohne in diesem ganzen Schlamassel zum Arzt gehen zu können, fühle ich mich sehr angespannt, fast am Rande meiner Kräfte. Ich möchte nicht ausfallend werden, gegen niemanden. Nur, bitte, macht aus dem amerikanischen Traum keinen jugoslawischen Alptraum!

Samstag, 27. März, 06:21:43

Ich schreibe dies bei Tagesanbruch; die dritte Nacht der Angriffe auf Serbien liegt hinter uns. Eine unruhige Nacht, die ich hauptsächlich damit verbracht habe, rauf und runter zu laufen, alle zwei Stunden hin und her zwischen Keller und Wohnung. Der erste Griff geht nicht zu Wasser oder Nahrung, sondern nach meinem Computer... So lange wir Strom haben, solange die Telefone funktionieren, solange wie mein Modem (ein Oldtimer) und mein entzündeter Zahn erlauben, werde ich weiter schreiben. Dieses Desaster festhalten. Dabei fällt mir ein Lied von Kate Bush ein: »As people around me grow colder, I turn to my computer ...«

Was soll man sagen über die Kälte der Menschen? Eigentlich geht's nur darum, daß einer mit einem großen Schwanz und einem kalten Herzen beschlossen hat, (lau)warmherzig zu werden und eine »humanitäre Katastrophe« zu verhindern, indem er eine noch größere verursacht... Es geht darum, daß jemand beschlossen hat, dieses Land der Unterdrückung, in dem ich lebe, in ein Bombenland zu verwandeln.

Als vergangenen September erstmals damit gedroht wurde, Serbien zu bombardieren, machten die Belgrader einen Witz darüber, daß Belgrad umbenannt werden würde in »Bomb-ay«. Genau das ist jetzt in der Nacht von Freitag auf Samstag passiert: Belgrad wurde mitten im Stadtzentrum getroffen, die Stadt brennt, Giftgas entweicht aus einer zerstörten Fabrik am Stadtrand.

Burn, baby, burn - wahrscheinlich haben die Angreifer diese Melodie im Ohr. Kinder sterben, mittelalterliche Klöster (die unter dem Schutz der UNESCO stehen) werden zerstört, der Campus der Universität von Nis in Südserbien wurde getroffen, ebenso Museen und Schulen. Was für eine schöne Ansammlung von militärischen Zielen. Burn, baby, burn.

Ich melde mich wieder sobald wie möglich. Ich muß mich jetzt ein bißchen ausruhen, bevor der nächste Angriff kommt.

Samstag, 27. März, 10:56:29

Der Morgen des 27. März, 11 Uhr. Wir erwarten den nächsten Luftalarm der Sirenen, die uns wieder in die feuchten, ungemütlichen Verstecke ohne Klimaanlage oder Möbel bringen werden. Zusätzlich zu meinem Zahnproblem bekomme ich jetzt auch noch eine Erkältung. Wir befürchten weitere Angriffe. CNN stellt die Gerüchte über den Völkermord an den Albanern im Kosovo als erwiesen dar. Offenbar werden Entschuldigungen gebraucht, um weiterhin Schulen, Tankstellen, Ausflugsziele und Fabriken zu bombardieren.

CNN-Reporter beschweren sich über die Bewölkung, die die Bomber daran hindert, noch zerstörerischer zu sein. Sollen wir, frustrierte und traumatisierte Zivilisten, uns auf das schlechte Wetter verlassen als Schutz vor der NATO-Invasion?

Ich versuche zu lesen, aber ich kann nicht. Mein Vater sucht Zuflucht in einem Buch von Roald Dahl mit dem Titel Stories of the Unexpected. Ein passender Titel.

Samstag, 27. März, 11:00:24

Das mittelalterliche, unter dem Schutz der UNESCO stehende Kloster Grananica wurde von der NATO bombardiert.

Samstag, 27. März, 14:00:00

Was für ein friedlicher, sonniger Tag, völlige Ruhe. Keine Sirenen, kein Alarm, ein Moment der zeitweisen Erholung für unsere Nerven und Gedanken.

Teile einer NATO-Rakete wurden bei Tuzla in Bosnien gefunden. CNN berichtet, es seien Teile eines jugoslawischen Flugzeugs, was nicht sehr wahrscheinlich ist. Ich war angeekelt, als ich hörte, daß Günter Grass die NATO-Angriffe unterstützt und den Einsatz von Bodentruppen im Kosovo fordert. Er fügte hinzu, das sei nicht zu vergleichen mit den faschistischen Aggressionen im Zweiten Weltkrieg. Vielleicht hat er Recht - wahrscheinlich sind die Angriffe auf Jugoslawien noch monströser. Kroatien fragt schon nach Entschädigung für eine verdorbene Sommersaison. Mit Recht - bei diesen Bomben und Raketen, die hier überall herumfliegen, kann man sich nirgends mehr sicher fühlen. Heute morgen bin ich in eine Apotheke gegangen, um Antibiotika zu kaufen. Mein Gesicht sieht übrigens schrecklich aus - an die übliche Gesichtspflege ist nicht zu denken, und ich kann meine Kosmetika nicht mehr finden in all den Taschen, die meine Mutter gepackt hat für den Fall, daß wir die Stadt verlassen und aufs Land flüchten müssen. Ich habe ein paar Freunde getroffen, die versuchten sich über die ganze Sache lustig zu machen. Wie unterschiedlich die Leute reagieren - manche trauen sich gar nicht mehr aus den Schutzräumen, in denen man sich wie in einem Beichtstuhl fühlt, andere weigern sich ganz bewußt, diese Räume aufzusuchen. Panik ist am schlimmsten.

Ich kann nicht mehr schlafen. Falls ich mal für eine halbe Stunde einschlafe, rede und schreie ich im Schlaf. Ich wage kaum daran zu denken, wie es meinem 92jährigen Großvater gehen muß, der völlig erblindet und bettlägerig ist. Aber er befindet sich in einem Zustand zweiter Kindheit und völliger Selbstvergessenheit. Vielleicht ist es so leichter, das alles zu ertragen.

Es werden schwere Angriffe auf Novi Sad angekündigt. Also, wenn ihr von mir nichts mehr hört - abgebrochene Kommunikation heißt nicht unbedingt Tod. Ich werde das nächste Mal meinen Walkman mitnehmen in unseren Keller und ausschließlich Musik aus NATO-Mitgliedsländern hören - die portugiesische Band Madredeus und die neue Sheryl Crow. Die einzige Wahl, die ich habe!

Sonntag, 28. März, 11:08:04

Wir sind die ganze Zeit in Alarmbereitschaft. Viele zivile Ziele wurden getroffen, und die Leute sind wütend und verlieren die Nerven, sie sind bereit, menschliche Schutzschilde um ihr Land zu bilden. Das ist alles schrecklich, barbarisch...

Sonntag, 28. März, 11:20:04

Jetzt schreibe ich online, man kann nicht wissen, wann und wie man die Verbindung zum Internet kriegt. Bitte, wer immer das hier liest: Tut etwas gegen diese Apokalypse! Was die NATO hier macht, bringt in erster Linie die NATO-Staaten selbst in Gefahr. Erwartet nicht, saubere Luft atmen zu können, wenn dieser Krieg vorbei ist. Unbestätigte Berichte sagen, daß die NATO Flächenbombardements durchführt, was laut UN-Konvention verboten ist, sie töten Zivilisten. Ein Anstieg der atomaren Strahlung wird gemeldet. Hier wird gerade Europa zerstört. Vielleicht wird Jugoslawien der Garaus gemacht, aber man sollte auch daran denken, daß damit möglicherweise Europa einen unheilbaren Krebs eingepflanzt bekommt.

Sonntag, 28. März, 13:00:04

Friedensdemonstrationen finden statt - die Theater werden weiter spielen (natürlich tagsüber), und in Belgrad sollen jeden Nachmittag Rockkonzerte stattfinden. Was bleibt einem anderes übrig? Die erste Welle aus Schock, Angst und Frust scheint abzuebben. Diese Gefühle werden ersetzt durch Trotz - jetzt wollen die Leute sich stolz und würdig zeigen. Meine Angst läßt auch nach, jedenfalls tagsüber. Aber wir sind alle sehr geräusch empfindlich geworden. Ich springe bei jedem kleinen Geräusch auf, schon wenn eine Tür ins Schloß fällt.

Sonntag, 28. März, 17:57:14

Es gab heute Mittag ein großartiges Konzert in Belgrad. Tausende kamen mit Ansteckern in Form von Zielscheiben auf ihren Mänteln. Sie trugen Transparente auf denen stand: »Sorry, we did not know it was invisible«, was sich auf den abgestürzten F-117A Stealth Bomber bezieht. Ich war emotional völlig überwältigt. Egal, wie tief die Wunden sind, die Menschen finden die Kraft durchzuhalten und zeigen ihre Energie und ihren Widerstand. Nach dem Schock kommt jetzt ein anderes Gefühl des Lebenswillens und der Stärke.

Meine depressiven Gefühle schwinden. Ich beobachte, wie die Leute in unserem Luftschutzkeller langsam wieder zu Sinnen kommen. Es gibt keine Panik. Frauen verlassen den Bunker nach der Entwarnung und bereiten eine kleine Mahlzeit zu oder maniküren ihre Nägel - ob ihr's glaubt oder nicht! Nach 21 Stunden in Alarmzustand kann man sich das kaum vorstellen. Um ehrlich zu sein, ich verwechsle meinen Herzschlag manchmal immer noch mit dem Geräusch weit entfernter Explosionen. Aber heute habe ich endlich meine Gesichtsreinigungsmittel in Mutters Taschen gefunden! Morgen werde ich wieder Make-up benutzen. Versprochen.

Düstere Stimmung macht sich breit, wenn man erfährt, daß ein weiteres mittelalterliches Kloster zerstört wurde, das Kloster Rakovica in der Nähe von Knezevac wurde letzte Nacht in seinem Schutzwall getroffen. Ebenso Schulen und Kindergärten, aber davon sieht man nichts auf CNN.

»After the pain, a formal feeling comes,« schreibt meine amerikanische Lieblingsschriftstellerin Emily Dickinson. Ich liebe es, ihre Texte zu unterrichten, insbesondere das Gedicht, das mit »Our lives are Swiss« anfängt. Lest es mal bei Gelegenheit für mich.

Montag, 29. März, 16:13:54

»Serben sterben singend«, steht auf einem Transparent bei einem Protest-Konzert in Belgrad. Das Konzert begann Punkt zwölf Uhr, und 50.000 Leute kamen, ohne Angst vor irgendwelchen Überraschungsangriffen. Das ist das zweite Konzert dieser Art. Die Slogans der Leute sind scharf und witzig: auf einem wurde Präsident Clinton umbenannt in »Bill Clitoris«. Ein anderes sagt: »Serbien ist nicht Monica«.

Ich schaue mir das live im serbischen Fernsehen an. Ich schalte zwischen den Kanälen hin und her und finde auf CNN und Sky News nur Diskussionen, in denen Politiker und Kriegstreiber zu beweisen versuchen, daß die Luftangriffe noch nicht ausreichen und Bodentruppen gebraucht werden. Ich kann es nicht fassen. Bomben zerstören serbische Schulen und Klöster, Wohnhäuser und Flüchtlingsunterkünfte, sie bringen Serben um (genauso Albaner, da Bomben und Raketen nicht zwischen Nationalitäten unterscheiden können), um albanische Terroristen zu beschützen. Aber die NATO kann nicht genug kriegen, offensichtlich soll das ganze Land ausgedörrt werden.

Ich bekomme viele e-mails aus dem Ausland, die Unterstützung, Wut und Verbitterung zum Ausdruck bringen. Leute schicken gute Wünsche. Das jugoslawische Volk ist sehr verbittert, aber der Lebenswille und Trotz wachsen mit jeder Minute. Die Meinungsunterschiede verschwinden, und die Leute rücken zusammen zu einer geschlossenen Basis - vereint gegen die große Ungerechtigkeit, die Jugoslawien widerfährt.

Von heute an nehme ich Bücher mit in den Luftschutzkeller, wenn der Luftalarm ertönt. Shakespeare, Gilles Deleuze und Heraklit. Bei Heraklit habe ich gerade ein wunderbares Fragment gefunden: Die Sonne ist so groß wie eines Menschen Fuß. Traurig aber wahr, manche Menschen denken, sie könnten die Sonne daran hindern zu scheinen oder sie verstecken. Aber die Sonne läßt sich nicht verstecken, nicht einmal mit dem Flügel eines F-117A. Verlaßt Euch bloß nicht darauf.

Dienstag, 30. März, 16:20:20

Bei Einbruch der Dunkelheit trafen zwei Missiles das Stadtgebiet von Novi Sad - zivile Ziele, wie immer. Mittags begann ein erstes Konzert gegen die NATO-Angriffe, zu dem sich Tausende Menschen versammelten, viele Slogans. Übrigens, heute habe ich mich zum ersten Mal seit Beginn der Luftangriffe wieder getraut, in die Stadt zu gehen und habe es nicht bereut. Die Stimmung erinnert sehr an die Zeit der Studentenproteste von 1996: Lächelnde, srahlende Gesichter, Leute mit Zielscheiben an ihrer Kleidung oder auf der Stirn. Die Slogans auf englisch oder serbisch sind ironisch und pointiert wie Haikus: »Monica, putz Dir die Zähne« (ich gestehe, daß mir der am besten gefällt; die Serben machen sich hauptsächlich über Clintons fatale Schwäche für Fellatio lustig, und Monica Lewinsky wird zum Symbol, mit dem sich die Opposition gegenüber Clintons Politik ausdrückt), »Clinton fuck Hilary for a change«, »NATO wanted«, »Wellcome to Bujanovci« (das Dorf, in dem der F-117A herunterkam), und viele, viele mehr. Die Schaufenster sind voll mit Slogans und Cartoons, Grafitti mit dem obligatorischen »NATO« überall. In dem Wort NATO ist das »T« manchmal durch ein Hakenkreuz ersetzt. Das spricht Bände, denn die NATO-Angriffe werden häufiger mit den faschistischen Aggressionen von 1941 gleichgesetzt als nicht.

Später war ich bei einem Treffen der Autoren-Organisation der Vojvodina, das in der Matica srpska, der ältesten serbischen Kulturinstitution stattfand. Matica srpska veröffentlicht die weltweit älteste Literaturzeitschrift, Letopis Matice Srpske, die 175 Jahre alt ist. Soviel zur serbischen Barbarei. Meine Freunde und Kollegen machten ihrem Protest und ihrer Verbitterung Luft. Mein Kollege Jovan Popov, dessen Frau seit Tagen in den Wehen liegt, verlas ein Sonett mit dem Titel »Mars über der Geburtsstation«. Angeregt wurde er zum Schreiben, als er aus dem Krankenhausfenster einen roten Punkt am nächtlichen Himmel sah: Mars, der Planet des Krieges.

Ich erschrak, als ich die albanischen Demonstranten auf Euro News sah - sie riefen »NATO« und »Clinton«, forderten, daß die NATO-Angriffe verstärkt werden sollten, selbst wenn das Opfer unter den Kosovaren bedeuten würde. Kann man sich vorstellen, einen Krieg zu unterstützen und damit das Leben seiner eigenen Kinder auf's Spiel zu setzen? Das scheint mir barbarisch. Jedes Leben zählt oder etwa nicht? Ist das ein altmodischer Glaube?

Mittwoch, 31. März, 13:57:08

»Fear no more of the heat of the sun« - eine berühmte Zeile von Shakespeare. Wir haben Angst vor der Sonne, weil ein klarer Himmel bedeutet, daß auch tagsüber weitere Angriffe durch die NATO zu erwarten sind. Die NATO weitet ihre Angriffe auf militärische Ziele jetzt auch auf Staubsauger aus! Die Staubsaugerfabrik in Cacak wurde während der letzten Tage langanhaltend unter Beschuß gesetzt.

Die dritte Phase der Angriffe soll jeden Augenblick beginnen. Sie soll sich vor allem auf die Zerstörung von Kommunikationszentren in ganz Jugoslawien konzentrieren. Das könnte einen völligen Kommunikationszusammenbruch bedeuten. Ich glaube kaum, daß das den Albanern helfen wird, wieder in ihre Häuser zurückzukehren. Immerhin verstehe ich jetzt die traurigen Verse der portugiesischen Band Madredeus. In einem ihrer Songs auf dem Album Lissabon geht der Refrain so: »If I fall into the sea, who will rescue me?« Worte, die die tiefe Resignation eines einsamen Menschen zum Ausdruck bringen. Wer wird Serbien vor diesen Luftangriffen retten, vor Flächenbombardements, Verstrahlung und Feuer? Wer wird die mittelalterlichen Klöster wiederaufbauen, die Museen, Schulen, Kindergärten? Wer wird uns wieder an die Zivilisation anschließen, wenn wir kein Internet und keine Mobiltelefone mehr haben? Vielleicht niemand. Alle machen sich Sorgen um albanische Flüchtlinge (versteht mich nicht falsch, aber ich habe die »humanitäre Katastrophe« dieser Menschen auf keinem der Fernsehkanäle erkennen können), niemand scheint sich um die serbischen Jugendlichen zu sorgen, die überall auf den Plätzen im ganzen Land singen. Das Konzert fand heute wieder statt, noch ausgelassener als zuvor. Wie kann jemand Leute umbringen, die nichts weiter machen als singen?

Mittwoch, 31. März, 19:01:28

Im Laufe des Nachmittags habe ich nur sechs größere Explosionen gehört in der Nähe von Novi Sad. Man hat niemals längere Ruhephasen. Jede Detonation läßt mich die Luft anhalten und weckt die Schmetterlinge in meinem Bauch auf.

Die Statistiken hören sich schrecklich an: innerhalb einer Woche wurden 15 Fabriken in Novi Sad von Bomben und Raketen ernstlich zerstört. In der Staubsauger-Stadt Cacak, die ich schon erwähnte, sind 5.000 Leute ohne Arbeitsplatz, und 20.000 ihrer Familienangehörigen ohne Brot und finanzielle Unterstützung.

Diese Zahlen klingen entmutigend, trotzdem: in dieser ersten Woche der NATO-Angriffe wurden allein in meiner Stadt, in Novi Sad, 107 Babies geboren! Serbische, ungarische, kroatische, ruthenische, slowakische, rumänische und albanische Babies, katholische, orthodoxe und moslemische. Traurig, aber wahr, sie alle beginnen ihr Leben in dunk len feuchten Kellern. Die Babies erinnern mich an einen jugoslawischen Drummer, der gestern auf dem Konzert in Belgrad sagte, wie er mit seinem zweieinhalbjährigen Sohn umgeht. Wann immer der Luftarlarm ertönt, fangen er und seine Frau an zu jubeln, um den Jungen davon zu überzeugen, es handle sich beim Gang in den Luftschutzkeller um ein lustiges Spiel, auf das sie sich schon die ganze Zeit freuen. Erinnert das nicht an Roberto Begnini in Das Leben ist schön? Trotzdem, so mußte der Drummer zugeben, blieb der Junge mißtrauisch, egal wie überzeugend seine Eltern spielten.

Donnerstag, 1. April, 06:36:39

Ich fühle mich heute verheerend, mehr als je zuvor. Bei Tagesanbruch ist die älteste Brücke in Novi Sad von einer NATO-Rakete zerstört worden. Ein Bus mit Arbeitern wollte gerade die Brücke passieren, kurz bevor die Brücke explodierte. Reines Glück rettete ihr Leben. Man weiß nicht, wieviel Menschen bei der Explosion der Brücke gestorben sind.

Die philosophische Fakultät, an der ich unterrichte, ist ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen. Das Gebäude befindet sich ganz in der Nähe der Brücke und alle Fenster auf der Vorderseite sind zerborsten. Aber das ist noch nicht alles: auch das Museum der Voj vodina, das viele unbezahlbare Ausstellungsstücke vom Anfang dieses Jahrtausends beherbergt, hat es getroffen. Die Grundschule Djordje Natosevic wurde ebenfalls zerstört. Und, das ist immer noch nicht alles - die Einwohner von Novi Sad haben sich an der zerstörten Brücke versammelt wie eine Trauergemeinde in einer Kirche. Diese Brücke war der unverzichtbare Bestandteil jeder Ansichtskarte. Genau an der Brücke befindet sich ein Krankenhaus, ich weiß nicht, ob es zerstört wurde oder nicht. Ich ertrage es nicht länger, mir diesen Schrecken anzugucken. Ein Alptraum.

Mein Liebster lebt in Belgrad - mein Hypnose-Teil. Jetzt sind wir weiter voneinander entfernt denn je, getrennt durch einen Fluß, der nicht mehr überquert werden kann. Getrennt durch »the door ajar that oceans are«, Emily Dickinson, eine Dichterin aus einem NATO-Mitgliedstaat, nur zur Erinnerung.

Freitag, 2. April

»Sie haben unsere Brücke umgebracht«, sagt ein Mädchen mit Tränen in den Augen Die Varadin Brücke, die Novi Sad mit Petrovaradin und Belgrad (das ungefähr 80 km von meiner Stadt entfernt ist) verbindet, liegt im Wasser der Donau wie ein Vogel mit gebrochenen Flügeln oder besser gesagt wie ein kaputtes Kinderspielzeug. Die Leute kommen, um sich die Trümmer anzusehen, um eine Träne der Trauer zu vergießen, eine Kerze anzuzünden oder Blumen an den Stahlüber resten niederzulegen, die am Ufer liegen. Bei den Brückenruinen einige Protestschilder: Sie sind nicht mehr geistreich und scharf, beziehen sich nicht mehr auf »Bill Clitoris« oder verspotten die NATO. Sie sind traurig, voller Zweckoptimismus. Sie sagen (in serbisch oder gebrochenem Englisch) »Wir werden eine schönere bauen.«, »Die Brücke ist tot, lang lebe die Brücke«. Ich habe ein Stück Beton vom Strand mitgenommen zur Erinnerung an diese schreckliche Zeit.

Jemand hat mir eine e-mail geschickt, um mir zu sagen, daß meine Tagebuchnotizen nicht der Wahrheit entsprechen. Ich kann niemanden vom Gegenteil überzeugen. Ich kann nur schwören, daß ich gesehen habe, wie diese Dinge passieren, und daß ich sie selbst erlebt habe. Persönliche Erfahrung zählt am meisten, glaube ich.

Samstag, 3. April

Ich bin völlig sprachlos - die NATO hat vergangene Nacht das Stadtzentrum von Belgrad bombardiert, das Gebäude des Innenministeriums wurde zerstört, und damit auch die nahegelegene Geburtsstation in Gefahr gebracht, in der 70 Neugeborene liegen. Wenn damit irgendjemandem geholfen sein sollte, dann werde ich sofort mein Tagebuch beenden und in Schweigen verfallen, denn falls so ein Angriff irgendjemandem nützt, ist meine Stimme wertlos. Kann irgendjemand ein Gebäude, in dem Pässe ausgestellt werden, als militärisches Ziel erkennen? Kann es einen kalt lassen, daß dieser Angriff sogar selbstmörderisch genannt werden muß, da die amerikanische Botschaft sich in derselben Straße befindet?

Die Belgrader standen vergangene Nacht auf der Brücke über die Save als menschliches Schutzschild. Was sonst kann man tun? Dies ist ein Angriff einer außerirdischen Macht, dies ist kein Bürgerkrieg, in dem Leute Partei ergreifen. Dies ist ein einzigartiger Fall von ferngesteuertem Mord. Behaltet das im Gedächtnis.

Falls fröhliche Ostern heißt, sich über Zerstörung und Mord zu freuen, dann möge es fröhlich sein für die, die mit dieser monströsen NATO-Operation einverstanden sind.

Sonntag, 4. April

Eine weitere Brücke in Novi Sad wurde zerstört! Verwundete werden gemeldet. Der Angriff erfolgte um acht Uhr abends Ortszeit, ohne Vorwarnung. Muß man mehr sagen? CNN und Sky News jubeln über Flammen in Belgrad und die zerstörte Brücke in Novi Sad. Dies ist so unfaßbar grausam...

Es ist wie ein déjà vu - die Ereignisse vom 24. März scheinen sich zu wiederholen. Ich saß wieder an meinem Computer, hörte auf zu schreiben, weil ich angerufen wurde, und eine starke Druckwelle erschütterte die Wände. Die Brücke liegt nur fünf Minuten von der Wohnung meiner Eltern entfernt. Vielleicht wundert Ihr Euch, warum sich alles so in der Nähe zuträgt. Die Antwort ist einfach: Novi Sad ist eine kleine Stadt. Und falls behauptet wird, sie läge im Kosovo, das ist falsch. Kosovo ist Südserbien, Vojvodina, dessen Hauptstadt Novi Sad ist, liegt im Norden. Was Jugoslawien angetan wird, ist die größte Schande dieses Jahrhunderts. Wie schon gesagt: Schmerz nimmt kein Blatt vor den Mund.

Montag, 5. April

Heute ist der 13. Tag der NATO-Luftangriffe. Vergangene Nacht wurden mehrere Ziele getroffen: die Schule in Zemun, von Belgrad aus gesehen am anderen Ufer der Save, wo es keine militärischen Ziele gibt, soweit ich weiß; eine Zigarettenfabrik und ein Kinderkrankenhaus in Nis, Südserbien, Städte in Kosovo, wie immer.

Diese Fakten werden langsam bedeutungslos. Die Anschläge wiederholen sich täglich. Man muß sich daran gewöhnen und irgendwie weitermachen. Ich glaube nicht, daß ich immun werde gegen die täglichen Schocks des Kriegslebens. Ich bekomme immer größere Angst, daß es sobald kein Ende nehmen wird. Aber wen interessieren schon meine Gedanken? Das Leben geht weiter, was auch kommen mag.

Heute war ich auf dem Markt, wo ich eine Freundin traf, die freie Journalistin ist. Sie erzählte, daß jetzt Postkarten gedruckt werden sollen mit der zerstörten Brücke von Novi Sad und, wenn möglich, weltweit verschickt werden sollen. Mein Vater, der eine Literaturzeitschrift herausgibt, erzählte, daß die ganze April-Ausgabe in der Druckerei auf der anderen Seite des Flusses liegt und daß es unmöglich ist, an sie heranzukommen, weil es keine Transportmöglichkeit über den Fluß gibt. Was soll's, wer kann sich zur Zeit schon aufs Lesen konzentrieren?

Dienstag, 6. April

Eine Halskette aus Bomben droht Serbien zu erwürgen. Letzte Nacht wurde das Geschäftsviertel von Aleksinac, eine kleine und strategisch unwichtige Stadt in Zentral-Serbien, total zerstört. Viele Wohnhäuser wurden in Trümmer gelegt, unter denen wahrscheinlich Tote begraben sind. Viele Verletzte wurden gemeldet. Die Zerstörungen sind schrecklich. Sie erinnern an den 6. April 1941, als Belgrad unter einem Bombenteppich der deutschen Wehrmacht begraben wurde. Mission: unklar.

In meiner Stadt, Novi Sad, wurde ein Öl-Lager beschossen, nicht völlig zerstört, aber die Serie schwerer Explosionen (Perlen einer Kette - diese kranke barocke Metapher will mir einfach nicht aus dem Kopf gehen) war das Schlimmste, von dem ich bisher gehört habe. Eine Kette von Flammen, die in den Himmel empor schlagen. Nur wenige Minuten vor diesen Explosionen kam mein Vater in den Luftschutzkeller, um uns zu erzählen, wie sein Verwandter Voja Mihic ums Leben kam. Dieser serbische Flüchtling aus Mostar starb in Belgrad. Er wurde »aus Versehen« getötet - Voja saß in einem Bunker, nahe der Stahltür, die plötzlich durch die Kraft der Explosionen aus den Angeln und ihm direkt auf den Kopf fiel. Er war sofort tot. Die würgende Kette trifft einen, sogar wenn man im Bunker Schutz gefunden hat.

Konzerte finden immer noch statt, gestern in Belgrad den neunten Tag. Papier-Zielscheiben sind zum universellen Symbol geworden, nicht als alberne Selbstopferung, sondern als mit Ironie gefärbter Protest. Die Leute wollen darauf aufmerksam machen, daß jeder und alles ein mögliches Ziel ist, daß keine militärische Aktion harmlos ist. Keine noch so punktgenaue Treffsicherheit macht das Leben der Zivilisten sicher. Wir können nicht schlafen, so lange die NATO wütet. Das Risiko ist zu hoch, weil keines der militärischen Ziele einsam in der Gegend steht, weil Brücken, Fabriken, Kindergärten und Öl-Lager offenbar als militärische Ziele betrachtet werden. Wenn sie getroffen werden, werden die Zukunftsaussichten von elf Millionen Menschen, die hier leben, vernichtet. Zum Beispiel die Zerstörung der Novi Sad-Brücke vom 3. April bringt möglicherweise Tausenden Kranken den Tod, weil sie jetzt nicht die Herzklinik am anderen Ufer erreichen können. Sie sind zum Tode verdammt.

John Webster kommt mir in den Sinn. Seine »Duchess of Malfi« sagt, daß die Art des Todes egal ist. Für sie ist es dasselbe, ob sie mit einem Stück Schnur erdrosselt wird oder von einer Kugel erschossen. Sie sagt auch, daß der Tod eine Tür in merkwürdigen geometrischen Angeln sei. Findet die Stelle und lest sie. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern.

Die Nachricht von mindestens 19 toten NATO-Soldaten, die im Kampfeinsatz getötet wurden, erreicht uns über die griechischen Medien. Es heißt, daß die Leichen auf geheimem Wege in Blechsärgen über die makedonische Grenze gebracht wurden.

7. April 1999

Die Zahl der Opfer in Aleksinac, ein kleinen Bergbaustadt, die ironischerweise aus Versehen beschossen wurde, ist auf 14 gestiegen, vielleicht höher. Wohngebiete in Pristina sind offenbar angegriffen worden und niemand wagt, sich die Zahl der Verletzten und Toten vorzustellen. Es ist demoralisierend fernzusehen. Entweder Todes-Shows im serbischen Fernsehen oder zynischer Spott und falsche, einseitige Sorge auf den ausländischen Kanälen. Jemand schreibt mir, daß die serbische Bevölkerung CNN oder Sky gucken sollte, um Informationen über die künftigen Ziele zu bekommen und dann die Menschen zu evakuieren. Aber, wenn es an die 150 geplante und unzählige ungeplante Ziele gibt, wo soll man da hinlaufen? Man würde von einem Ort des Todes zum nächsten fliehen, immer im Kreis. Das scheint mir keine Möglichkeit, das Leben von Millionen Jugoslawen zu retten.

Jetzt etwas Persönliches: mein Zahn wurde heute operiert, eine riesige Zyste entfernt. Dadurch, daß nicht früher operiert werden konnte, wurde alles noch schlimmer. Ich hatte Glück, daß diese Operation überhaupt durchgeführt wurde, Dank des guten Willens meines Arztes, da alle Operationen abgesagt wurden, als die Angriffe begannen. Mir geht's jetzt wieder gut, ich bin bereit, wieder den Luftschutzkeller aufzusuchen.

Übersetzt aus dem Englischen von Kathrin Tiedemann

 
Senden Bookmarken Drucken


Meistkommentiert
7 Tage
Monat
Bisher
Liebeshandlung - Eugenides

Berlinale

Freitag_Salon

PortletSalon_120216.png

Christoph von Marschall Was ist mit den Amis los? Herder Verlag 2012

260 Seiten. Gebunden.

18,99
 
Warum sie an Barack Obama hassen, was wir lieben. 2012 steht in den USA im Zeichen des Präsidentschaftswahlkampfs und auch Europa schaut gespannt zu. Christoph von Marschall erklärt die unterschiedlichen politischen Kulturen dies- und jenseits des Atlantiks und entlarvt typische Vorurteile auf beiden Seiten >> mehr
Occupy

portlet_occupy.png

Augstein und Blome

IGEL

portlet_IGEL.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Anti-Terror-Zelle Kraftklub

Ausgabe 06/12
09.02.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_05_06.jpg

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG