Kultur

LIEBE IN ZEITEN DES SPANISCHEN BÜRGERKRIEGS | 06.08.1999 | Susanne Alge

Klischee

Die neueste Publikation von Erich Hackl

Erich Hackl schreibt exzellent, seine Fähigkeit, politische Ereignisse und individuelle Schicksale in eins zu bringen, ist zurecht begeistert gelobt worden. Der Titel seiner jetzt erschienenen Erzählung Entwurf einer Liebe auf den ersten Blick erweckt auf Anhieb erfreuliche Assoziationen, nicht zuletzt die auf Hackls unprätentiösen, lakonischen Stil. Dem ist er treu geblieben. Auch als versierter Rechercheur und Rekonstrukteur beweist er sich erneut.

Nachgegangen wird der Liebe zwischen Karl Sequens, einem Spanienkämpfer aus dem Wiener Arbeiterbezirk Floridsdorf, und Herminia Roudière Perpinà, einer (verarmten) Unternehmerstochter aus Valencia. Als Belege dienen drei Briefe (aus Dachau, aus Lublin, aus Auschwitz), dazu Aussagen der Tochter, die dieser Liebe entspringt. Daneben muß die Liebe und deren Verlauf - wie im Titel angekündigt - entworfen werden. Zum Beispiel bringt Herminia ihrem Geliebten russische Zeitungen ans Lazarettbett - »auch sie liebte das Neue Rußland, das Spanien nicht im Stich ließ« -, sie unterhalten sich über Kunst und Literatur - »über Rilkes Gedichte, die er beim Abschied seiner Schwester geschenkt hatte« -, und er (der Spengler und Heizungsmonteur) vertraut ihr seinen Berufswunsch an: Journalist. »Ungefähr so stelle ich mir das vor.« - kommentiert der Chronist.

Das alles ist, ich will es noch einmal betonen, schön und berührend erzählt. Meinetwegen sogar lakonisch. Aber mir drängte sich unwillkürlich die Frage österreichischer Wurst- und Käseverkäuferinnen auf, wenn sie das Verlangte auf die Waage geschaufelt haben: »Derf's a bisserl mehr sein?« Und es darf immer ein bißchen mehr sein, wer wird um 33 Gramm streiten?

In diesem Fall hätte es ein bisserl weniger dick aufgetragen sein sollen, meine ich. Mußte denn die Schwester vom guten Karl wirklich einen arisierten Laden haben? Mußte dieses böse Weib nach dem Krieg sich Fleisch und Kartoffeln vom KZ-Verband erschwindeln, während Herminia und ihre Tochter Gloria frühmorgens Zeitungen austragen, um überhaupt überleben zu können?

Die Geschichte mag sich so abgespielt haben, und läse ich sie als Interview mit der Tochter, würde ich mit Empörung und Anteilnahme konstatieren, daß manche Menschen alles, aber auch wirklich alles abkriegen, was dem Menschen widerfahren kann. Bloß als Dichtung, als Erzählung kommt die Geschichte mir zu glatt, zu geschliffen daher. Klischee ist ein böses Wort.

Erich Hackl hat als Kritiker große Verdienste um das Bekanntmachen der Österreich lange ausgegrenzten Emigrantenliteratur. Auch hier waren es die, die im Schatten standen, die ihn interessierten und von denen er einigen zumindest ins Licht des Feuilletons verhalf. Eine von ihnen ist Elisabeth Freundlich. Ihre Erzählung Invasion Day bietet sich zum Vergleich an. Ebenfalls eine Liebesgeschichte zu Zeiten des spanischen Bürgerkriegs, ebenfalls - selbstverständlich - geprägt von antifaschistischem Kampf und sozialistischen Idealen, dem Glauben an eine Sowjetunion, die »Spanien nicht im Stich ließ«. Diese Erzählung erschien 1948. In späteren Publikationen, die das Exil (in Frankreich und den USA) behandeln, reflektierte Freundlich aber sehr wohl auch jene Sowjetunion, die die linken Exilanten, und unter ihnen gerade die Spanienkämpfer, durch Stalins Nichtangriffspakt mit Hitler in arge Bedrängnis und Verunsicherung stürzte.

Mir scheint, daß das Thema, im Gegenteil, mittlerweile etwas Zeitloses hat. Vor allem, wenn es schön berührend erzählt ist. Noch dazu sehr versiert. Und zu allem Überfluß den Floridsdorfer Heroismus so weit treibt, daß die 1938 geborene Tochter Gloria, die jetzt wieder Rosa Marià genannt werden möchte, noch im Jahre 1972 bereit ist, jeden Anspruch auf eine eigene Existenz zugunsten des Andenkens an die Liebe der Eltern auszulöschen. Wie aufregend könnten Rosa Marià-Glorias Konflikte sein, wenn sie die Ambivalenz zwischen dem Idealismus der Eltern und der Brüchigkeit ihrer Ideale auszuhalten hätte und sie auskämpfen würde.

So aber würde ich auf die Frage: »Wie ist denn der neue Hackl?« antworten: »Schön. Wie immer. Kannst deiner Mutter zum Geburtstag schenken, wenn sie seit Jahr und Tag aufrechte Sozialdemokratin ist.«

Erich Hackl: Entwurf einer Liebe auf den ersten Blick. Diogenes Verlag, Zürich 1999, 76 S., 22,90 DM

 
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