Kultur

QUIETSCHFIDELER ANTIFASCHISMUS | 06.08.1999 | Sabine Peters

Münchhausen auf Mallorca

Die Irrfahrten des Albert Vigoleis Thelen und seiner Frau

Vigo! Ola! Vigoleis! Vigolo!« Mit seinen eigenen Worten möchte man Albert Vigoleis Thelen nachträglich schmetternd grüßen, um dann nüchtern zu beginnen: 1953 erscheint »die Insel des zweiten Gesichts«, der dickleibige Roman eines kaum bekannten Exil-Autors, in Deutschland. Thelen, geboren 1903, gestorben 1989, verließ sein Land schon vor 1933, aus »Unbehagen« an deutscher Kultur; er spürte den aufkommenden Faschismus sehr früh. Die Insel schildert die Erlebnisse der beiden Helden Vigoleis und Beatrice auf Mallorca in den Jahren 1931 bis 1936. Thelen bekommt 1954 den Fontanepreis, das Buch findet begeisterte Leser und Kritiker - und bleibt ein Fremdkörper in der Literaturlandschaft, die vom »Kahlschlag« geprägt ist. Dagegen kommt die Insel als ein barock anmutender Schelmenroman daher, und Thelen wurde weniger mit Zeitgenossen verglichen, als mit Autoren wie Cervantes, de Coster, Jean Paul oder Balzac.

Eine Zusammenfassung dieses mäandrierenden Romans, der sich von hinten durch die Brust ins Auge und ins Hirn stiehlt, ist auf kleinem Raum unmöglich. Man kann da nur ein paar Wegweiser aufstellen. Also. Ein Telegramm mit der Nachricht »liege im Sterben«, abgesandt von Beatrices Bruder Zwingli, holt sie und Vigoleis aus Amsterdam nach Mallorca. Zwingli ist quietschfidel, schwimmt aber in Schulden, die die Ersparnisse seiner Angehörigen ruckzuck auffressen - vor allem jedoch sollen sie ihn von der »rasenden Bettgeißel«, einer Hure und deren Tochter, befreien. Nach dramatischen Kämpfen werden Vigoleis und seine Frau aus dem Haus gejagt; damit beginnt eine jahrelange Irrfahrt auf der Suche nach einer Unterkunft, in der sich arbeiten, das heißt für Thelen schreiben, läßt. Das Paar haust unter anderem in einer Schmugglerhöhle; Ratten fressen Manuskripte, die anliegenden Zimmer dienen als Bordell, es gibt keinen Tisch, der Schimmel sprießt zwischen den Schreibmaschinentasten - aber Vigoleis weiß, Hiob hat auf einem Misthaufen die Chronik seines Leidens geschrieben. Mit der Begabung eines Münchhausen erzählt Vigoleis dem deutschen »Bildungspöbel«, den »Herdenmenschen«, was ihm durch den Hirnkasten flutscht, er ergeht sich in tiefsinnigen Andeutungen, denn »Deutsche finden sich im Nebeldunst immer besser zurecht als auf den übersonnten Straßen der Welt«. Die Lage scheint sich auf bescheidenem Niveau zu stabilisieren, aber da erwacht Deutschland. Erste Hitleropfer, vor allem aber Nazis tauchen auf der Insel auf; einer, »alter Kämpfer, Ehrendolch, Blutorden, Meuchelstrippe« versucht, Thelen zu kaufen, andere bedrohen sie. Als die Falangisten losschlagen, müssen Beatrice und Vigoleis fliehen, auf einer Erschießungsliste des deutschen Konsuls stehen sie ohnehin. Mit knapper Not erreichen sie ein rettendes englisches Schiff. Am Ende ist Vigoleis der, der er immer war, »des Lebens Untüchte wie ein Zeichen an der Stirn«.

Der andere, der Autor Thelen, hat es trotz »Tüchte und Werkfleiß« alles andere als leicht gehabt oder sich leicht gemacht. Ein Roman durfte den Faschisten nicht in die Hände fallen und wurde zerstört, anderes fiel dem massiven Selbstzweifel zum Opfer; und, obwohl es nicht so ist, gilt Thelen immer noch als ein »Ein-Werk-Autor«. Dabei gab es sogar vor der Veröffentlichung der Insel seinerzeit zunächst Bedenken von Verlegerseite aus. So ein dickes Buch. Nun wird im Literaturbetrieb permanent gefordert, die Bücher sollten nicht so schwer verkopft sein, sondern leicht, unterhaltsam, ironisch verspielt - bei Thelen findet es sich: der nebenberufliche Erfinder Vigoleis, der einen »selbstwogenden Busenhalter« konstruiert. Der schüchterne Frauenverehrer, der eine vollfette Matrone 30 Jahre früher sicherlich angezwitschert hätte, »meine Carmen, meine Carmencita, Carmencitina, Carmencitilla, Carmencitititititla«. Es gibt die Philippika gegen die Kartoffel, »diese unbegeisterte Tuberkel, die es fertiggebracht hat, die gesamte abendländische Kultur zu unterwühlen« und den Respekt vor Fliegen; mit ihrer »ins billionenhafte gehenden Kindeskinderschaft sind sie ein schönes Beispiel für den Glauben an die Zukunft«. Trotzdem, die Propagandisten des »Leichten«, dem allenfalls noch ein bißchen Bildungsgut aufgeklebt wird, um die sprachliche Trivialität zu vertuschen, sie werden an Thelen zu beißen haben. Denn erstens ist hier die Sprache keine edel erstarrte und dabei gleichzeitig simple Schablone, sondern sie bewahrt sich eine Vielstimmigkeit; sie ist springlebendig, bockt, holpert, schwingt aus, tanzt. Und zweitens entlassen die Helden dieses Buchs auch heutige Leser nicht in einen ahistorischen Raum; bei aller satirischen Zuspitzung wird der Realität nicht aus dem Weg gegangen. Thelen zeigt noch einmal, daß Narren und Schelmenfiguren nie als Kumpane ihrer Zeitgenossen leben, sie funktionieren nur im kritischen Aufbegehren gegen das Bestehende. Mit der Insel hat man einen Roman vor sich, der Standpunkte vertritt; er enthält antimilitaristische und antifaschistische Elemente. Darin macht er sich gelegentlich auch angreifbar im Vergleich zu so vielen Romanen, die keinen umwerfen und keinem aufhelfen, die nur perfekt sind, glatt. Kleinere Einwände gegen Thelens sehr individualistischen Antifaschismus-Begriff sollten einen nicht davon abhalten, das komische und tragische Buch eines humanistischen Autors zu lesen, der vom »Erdenirrsinn« wußte, darunter litt und ihm mit seinem schrägen Humor begegnete. Denn so selbstverständlich ist es nicht, daß in Romanen noch oder wieder einmal der Spagat gewagt wird: Sich gegens Gewaltige Große Ganze aufzulehnen - und sich dabei doch den neugierigen, frechen, beteiligten Blick für das Kleine und Randständige zu bewahren.

Albert Vigoleis Thelen: Die Insel des zweiten Gesichts. Aus den angewandten Erinnerungen des Vigoleis. Claasen Verlag, München 1992, 916 S. 68,- DM, soeben auch erschienen als dtv-Taschenbuch, München 1999, 944 S., 29,90 DM

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