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In seinem Standardwerk zur neuen Männer forschung »Der gemacht Mann« zeigt der australische Soziologe Robert W. Connell die Konstruktion von Männlichkeiten und plädiert für eine neue Bündnisstragie im Kampf der Geschlechter
Männer erhalten zwei Drittel des privaten Einkommens in fortgeschrittenen Volkswirtschaften, besitzen den größten Teil der vorhandenen Waffen und dominieren die meisten Berufe ...« - wir kennen diese Leier. Nur meistens hören wir sie anders: Wir hören, dass der Anteil der Frauen in der Politik, im Management, in der Wissenschaft unter zehn Prozent liegt, dass Frauen doppelt so viel arbeiten und weniger als halb so viel verdienen wie ihre Artgenossen des anderen Geschlechts, dass Frauen Opfer sexueller Gewalt sind. Wir hören von der weiblichen Benachteiligung. Die gefräßige Akkumulation von Macht in männlicher Hand ist - logisch - die Kehrseite. Zitiert wird sie erheblich seltener. Wenden wir also den Blick um 180 Grad und nehmen die Männer ins Visier.
Einer der zur Zeit renommiertesten Forscher auf diesem Gebiet, der australische Soziologe Robert W. Connell, hat sich die Umkehrung der Perspektive zu eigen gemacht und beforscht nicht das Besondere, sondern das Allgemeine, die Konstruktion von Männlichkeiten im ausgehenden 20. Jahrhundert. 1987 veröffentlichte Connell die umfassende Studie Gender and Power, 1995 folgte Masculinities, das jetzt, als erstes seiner Bücher, unter dem Titel Der gemachte Mann auf Deutsch erschienen ist.
Wenn man dem Buch etwas zugute halten muss, dann ist es seine Ausgewogenheit. Fern von aller zänkisch verletzlichen Aufregung, die Geschlechterfragen so gern begleitet, begibt Connell sich auf die Metaebene soziologischer Untersuchung. Sachlich, ohne kühl zu sein, präsentiert er einen Überblick über den Stand der Männerforschung, analysiert anhand von Fallstudien verschiedene maskuline Sozialisationsmuster, zeichnet idealtypisch Formen gegenwärtiger Männerpolitik und formuliert seine politische Utopie, die am hehren Ziel der Gerechtigkeit orientiert ist.
Zentral für den ganzen Ansatz ist die ungewöhnliche Rede von »Männlichkeiten«. Der Plural sagt es deutlich: hinter den verschiedenen Formen männlicher Geschlechtsausprägung steckt keine gemeinsame Wurzel, die bei genügend tiefschürfender Wesensanalyse als »wahrer Mann« ans Licht gezerrt werden könnte. »Männlichkeiten sind durch das Geschlechterverhältnis strukturierte Konfigurationen von Praxis«, lautet Connells Defini tion, die - erkenntnistheoretisch klug - der Mythenbildung ums Geschlecht heilsam vorbeugt.
Die Crux am Plural-Konzept »Männlichkeiten« besteht jedoch darin, etwas fassen zu können, wofür - so meint Connell - die alte Geschlechtsrollentheorie blind gewesen sei: Macht. Während das Modell der Geschlechtsrolle zu einfach im bipolaren Schematismus bleibt, begreift Connell »Männlichkeiten« als differenziertes Muster gesellschaftlicher Macht. Schon in Gender and Power entwickelte er den Begriff der »hegemonialen Männlichkeit«, derjenigen Form von Männlichkeit, »welche die momentan akzeptierte Antwort auf das Legitimationsproblem des Patriarchats verkörpert und die Dominanz der Männer sowie die Unterordnung der Frauen gewährleistet«. Keine Frage, dass die derzeitige virile Vorherrschaft eher im Designeranzug mit Börsenblatt unterm Arm daherkommt, als muskelbepackt und ölverschmiert im Feinripp-Shirt.
Die hegemoniale Männlichkeit - zu der es, nach Connell, kein weibliches Pendant gibt - bildet das Bezugsschema für die Entwicklung von Geschlechtsidentitäten, die sich durch Protest, Unterordnung oder Komplizenschaft zur dominanten Form patriarchaler Macht verhalten. Das Lebenskonzept einer Gruppe von meist arbeitslosen Outlaws, die ihre virile Identität über Motorräder, Drogen, Tatoos und Gewalt herstellen, schildert Connell als marginalisierte, »protestierende Männlichkeit«, während die in der Umweltbewegung sozialisierten Männer oder auch die schwule Community durchaus auch komplizenhafte Züge tragen können. [Die Beschreibungen Connells zeigen die Widersprüchlichkeiten der männlichen Weltanschauungen auf, doch sie sind durchweg empathisch, manchmal geradezu zärtlich: »Mal Walton ist ein lebendes Kunstwerk. Sein Körper ist mit kunstreichen Tätowierungen übersät, die er über Jahre mit ebensoviel Sorgfalt geplant und finanziert hat, als handelte es sich um einen Kleiderschrank voller Haute Couture«.]
Einleuchtend am Konzept ist, dass »Männlichkeit« zwar durch Abgrenzung zum »Weiblichen« entsteht, vor allem aber kollektiv innerhalb der eigenen Geschlechtsgruppe ausgehandelt werde. «... die Begriffe 'männlich' und 'weiblich' verweisen ... auf die Art und Weise, wie sich Männer untereinander unterscheiden und Frauen sich untereinander unterscheiden«.
In der ganzen Diskussion darf der männliche Körper nicht fehlen. Die Gender-Theorie hat in den letzten Jahren viel geleistet und ihre neuen Selbstverständlichkeiten sind auch bei Connell zu finden. Eine scharfe Kritik am angeblich natürlichen Unterschied der Geschlechter versteht sich hier von selbst. Nachdem die Religion als Legitimation der Geschlechtsunterschiede obsolet geworden sei, müsse nun die Biologie dafür herhalten, meint Connell und gibt vor allem der Soziobiologie einen kräftigen Laufpass. Doch ganz postmodern und virtuell will Connell das Geschlecht nicht konstruieren. Der Körper sei weder eine »Maschine«, die abhängig von der Hormongabe verschiedene Charaktere produziere, noch eine bloße »Landschaft«, in die ein soziales Geschlecht eingetragen werde. Behutsam verhilft Connell der leiblichen Erfahrung zu ihrem Recht, indem er den Körper als Teilnehmer am sozialen Geschehen begreift. »Körper sind sowohl Objekte als auch Agenten der Praxis«, mit dieser gleichsam dialektischen Auffassung einer »körperreflexiven Praxis« kann Connell dann Sexualität, Erregung, Körpersensationen denken, die in neueren Geschlechtertheorien oft außen vor bleiben. [Er kann auch die Bedeutung von Sport für die Konstruktion eines männlichen Selbstgefühls einschätzen und die Auswirkungen, die ein kranker, widerständiger Körper haben kann. »Es scheint«, meint er, »dass Körper nicht nur subversiv, sondern auch Spaßvögel sein können.«]
Gute Feministinnen haben gemeinhin ein idiosynkratisches Verhältnis zur Männerforschung. Immerhin hat man erleben können, wie ein großer Teil der Männerbewegung, nach anfänglicher Identifikation mit feministischen Zielen in ödipalen Protest verfiel und fortan den unterdrückten Mann beklagte. Auf Connell trifft das nicht zu, im Gegenteil, wie Balsam wirken seine Texte auf die geplagte Frauenseele. Der deskriptive soziologische Blick macht's möglich. Kritisch nimmt Connell Männlichkeitstherapien unter die Lupe, die fleißig dabei sind, sich in einem »reaktiven Patriarchat« einzurichten und neue Kulte zu entwickeln. Connell weiß um das methodische Paradox einer Männerbewegung, die mit der Abschaffung des Patriarchats die Beseitigung eigener Privilegien fordern würde. Eine Revolution der Geschlechterverhältnisse kann von männlicher Seite aus daher nicht die Form einer Befreiungsbewegung haben. Connell hofft auf Widersprüche im System, auf die Krisenanfälligkeit des Geschlechterarrangements und beobachtet, dass derzeit Veränderungen sich eher an den Rändern, nicht im Zentrum von Geschlechterpolitik vollziehen.
Connell ist kein Prophet einfacher Lösungen, doch die Weisheit, scheint es, ist ganz leicht. Alles im »gemachten Mann« ist gut durchdacht. Das Buch gibt den großen Überblick, es thematisiert und zitiert alles, was das Herz begehrt - doch hierin liegt der Nachteil: es fehlt im einzelnen die Schärfe. Passagen, auf die man sich besonders freuen könnte, wie die empirischen Untersuchungen verschiedener Männlichkeits-Milieus, wirken stark gerafft und bleiben in der Summe doch zu breit. Die 300 Seiten lesen sich wie die Zusammenfassung von 3000, das Buch hat, gerade weil es kursorisch so viel Wahres sagt, auch seine Längen. Und weil alle Thesen richtig sind, wirken sie unspektakulär, ein bisschen langweilig, sozusagen »soft«.
Zum guten Ende optiert Connell für eine Bündnispolitik, die Männer, Frauen und verschiedenste politische Gruppen einbezieht. Es müsse, schreibt er, »sich in gewissem Sinne um eine Politik jenseits von Interessen handeln, eine Politik der reinen Möglichkeit. Obwohl das vielleicht nur eine andere Art ist, das gemeinsame Interesse aller Menschen auf diesem Planeten an sozialer Gerechtigkeit, Frieden und Harmonie mit der Natur auszudrücken«. Da möchte man das Buch mit einem fromm geseufzten »Amen« zuklappen. Der Mann ist zu geläutert. Doch Recht hat er. Und - wer weiß? - vielleicht kann Männerforschung, vernünftig angewandt, uns eines Tages noch aus unserem postfeministischen Elend erlösen.
Robert W. Connell: Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeiten, Verlag Leske und Budrich, Opladen 1999, 300 S. 36,- DM
Ausgabe 35/10
02.09.2010
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