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Über die Schwierigkeiten, die wahre Wirklichkeit Berlins zu erklären
Welch Niedergang, welch Elend! Dass man nun gar erklären muss, wer Diedrich Diederichsen war! Also, das war der Große Steuermann, Staatsratsvorsitzende und Generalsekretär des Pop im Westdeutschland der achtziger Jahre, gern auch als Papst bezeichnet. Seine unfehlbare Eiligkeit hat nun ein Buch kompiliert (Diedrich Diederichsen: Der lange Weg nach Mitte. Der Sound und die Stadt, Kiepenheuer & Witsch, Köln 1999, 311 Seiten, 24, 90 DM), das nur deshalb kein Register hat, weil es sonst doppelt so dick geworden wäre. Denn das hat die Enzykliken des Masters of the Subverse schon immer ausgezeichnet, dass Stil nur ein missing link zwischen gedroppten Namen und geschraubten Substantiven war. Dem ist seit der politischen Ökumene Deutschlands und der popkulturellen Sektifizierung etwas die Gemeinde abhanden gekommen. Jetzt dämmert ihm, dass Besserwissen wohl immer bloß eine konservative Form des Nischen-Marketing war. Jetzt, wo es zu spät ist, gibt er sich einsichtig: »Was ich gerne tue, muss nicht mehr richtig sein. Auch in Deutschland nicht.«
Herr D. hat als Professor viel Zeit. Und so sieht man ihn jetzt häufiger durch seinen Gedankenkiez spazieren. Dort grüßt er freundlich die Dezentrierten und Unerwünschten und würde gerne der Boheme, wenn sie nur zuhörte, vom »mobilen neuen Kleinbürgertum« erzählen, das »zunehmend Verfahren der Architektur- und Urbanismus-Kritik sowie diverse Neo-Situationismen zwecks besserer Orientierung zwischen Zwängen und Angeboten« nutzt. Oh ja, er hat den Sound noch drauf! In der Szene, in der Transpiration als Freizeit mit Konspiration als Arbeit immer schon gekoppelt war, muss dieser gefährliche Urbanismus-Diskurs natürlich aus einer »Lancierung« stammen, die »eine neue Nation mit deutschem Pop und Hauptstadtarchitektur als neue deutsche Wirklichkeit« in den Herzen verankern soll. Mein Gott, er weiß das alles und kann nichts dagegen machen! Er weiß, ein wahrer Nostradiederich, dass wir auf ein schwarzes Loch zusteuern. Er weiß sogar, wo es liegt: »Dieses schwarze Loch ist Mitte. Der Berliner Stadtteil gleichen Namens, wo der deutsche Techno-Aufbruch begann, wo die Volksbühne wirkt und letzte gemeinsame Idole wie Schlingensief hervorgebracht hat.« Orpheus in der Unterwelt. Wenn er Euridike Schlingensief wiederhaben will, darf er nicht zurückblicken. Aber, Schicksal des Mythos, er tuts! Er tuts! Er singt seine alte Melodei. Nun ist er verdammt, miesepeternd um den Prenzlauer Berg zu traben und dort die Leute zu suchen, die er derzeit gerade eben noch in Friedrichshain fände. Früher hätte er sich auf den kommenden Alex oder den zukünftig verbauten Tempelhofer Flugplatz gefreut, heute lamentiert er dem Potsdamer Platz und den Hackeschen Höfen hinterher. Armer Orpheus. Es zerreißt ihn schier. Über sieben Brücken muss er gehen und merkt nicht, dass es die eine Eselsbrücke ist - zwischen Disco und Verbeamtung.
Mitte, das ehedem Zauberwort für urbane Peripherie, ist böse geworden. Ja, er hat ja recht, dass die Stadt das Dorf der Globalisierten ist. Und die »Neue Mitte« ist die Heimatbewegung der Sozialvormünder und Staatspfründner. Ja, die »Berliner Republik« war eine Ver-/Beschwörung vaterländischer Feuilletonjugend - und »Berlin Mitte« der Einspruch dagegen. Aber wie der Sozialismus in die Heimwehr des Ostens und das Heimweh vor Schröder zerfallen ist, wie Cuba in Tourismus und Zigarren, die Schröder von der FDP in den Italien-Urlaub nachgeschickt bekommt, so wächst in der Mitte nebeneinander, was nicht danach fragt, ob es zusammengehört. Berlin Mitte ist die Toscana daheim. Phantasialand aus kunstgewerblicher Restaurierung und Restaurants in Berliner Traufhöhe. Man macht Arbeitsurlaub auf Mallorca, das man den Putzfrauen, die es nie haben besitzen wollen, weggenommen hat, und den Rest des Jahres ist man frei zur Mitte. Wir wissen es, aber wir tun es. Im Unterschied zu Professor Diederichsen und dem linken ICE-Set benötigt der urbane Simulationskader allerdings nicht so viele Winkelzüge, um das Wohlbehagen in den eigenen Widersprüchen zu erklären.
Wenn man sich denn schon Erklärungen antun will, dann sollte man sich eher Bodo Morshäusers Liebeserklärung an eine häßliche Stadt anvertrauen (Liebeserklärung an eine häßliche Stadt. Berliner Gefühle, Suhrkamp 1998, 155 Seiten, 12, 80 DM). Die sind getragen von moderaten Einsichten und gelassenen Vergleichen. Und wenn sich darin Thesen auf steilen, dann sind sie von selbstbezüglicher Genügsamkeit. »Früher waren die Bewohner beim Film, wo sie in Ermangelung eines echten Stadtlebens sich eines simulierten, Film den ganzen Tag. Inzwischen sind die Bewohner beim Fernsehen und machen nur noch Fernsehen, Programm rund um die Uhr.«
Überhaupt die Erklärungen der wahren Wirklichkeit! Es wäre wunderbar, zuvor etwas wirklich beschrieben zu haben. Natürlich kann man das Aussterben der Sozialarbeiter, Schreiner, Pastoren und Landschaftsgärtnerinnen bequem beklagen. Natürlich kann jeder von uns sein flottes Spottlied auf Sonnenbanker, Bilanz-Friseusen, Konjunktur-Animateure und Investment-Bademeister singen. Aber so hinsehen, dass man statt der Sozialklischees wirkliche Menschen, Mit-Bewohner, zu erkennen meint, das können nicht eben viele. Alexander Osang ist dafür zurecht stets gerühmt worden. Er braucht nicht viel Theorie, um prägnant zu erfassen, wie es ist. »Der Diskjockey verkauft mir ein Gefühl. Nennen wir es Heimatgefühl. Er ist ein Heimatgefühlverkäufer.« Aus der Beobachtung von Berliner Rundfunkmoderatoren erläutert er die neuen Mittebewohner, die ihresgleichen verachten: »Sie finden das, was sie tun, schlimm, aber sie tun es gerne. Sie fühlen sich nicht wohl in ihrer Haut, aber es macht Spaß. [...] Und immer wollen sie den Eindruck erwecken, dass sie das, was sie tun, nur vorübergehend tun.« In seinem letzten Buch (Ankunft in der neuen Mitte. Reportagen und Porträts, Christoph Links-Verlag, Berlin 1999, 230 Seiten, 29,80 DM) beobachten wir Osang bei der Ankunft in der neuen Mitte. Die neue Mitte, hat Kurt Böwe kürzlich im Polizeiruf 110 sagen dürfen, sei schön übersichtlich. Außerdem weiß keiner, wo sie liegt. »Aber«, so Osang, »es ist gut dabeizusein. »Neue Mitte klingt nämlich so, als sei dort nur begrenzt Platz. Eine Art erster Klasse.« Was Wunder, dass er bei seiner Suche danach vor allem das Periphere und viel Verwirrung mitbringt. Osang ist nicht fixiert aufs partout Gegenläufige. Er macht mit dem Anderen bekannt. Er kann über den unsäglichen Pfarrer Eggert so einfühlsam schreiben, dass ich mich für die Gewissheit meines Urteils über ihn zu schämen beginne, ohne es revidieren zu müssen. Aber wenn er über die Friedrichstraße schreibt oder über die Brückenstraße, nun wirklich Berlin-Mitte, dann ahnt man, was die Stadt ist und was einer können muss, um das darzustellen. Ein Epiker des langen Atems in wenigen Zeilen. Wenn er z.B.die Verkäuferinnen im TIP-Markt in Frankfurt (Oder) besucht und ihren Kunden Jerzy Religa bei Slupsk, dann darf er sagen: »Die Zeiten mischen sich. Und die Menschen versuchen, Schritt zu halten. Es ist überall dasselbe.« Wie er auch enden darf: »Hier ist das Leben« - ohne dass man auf den Gedanken käme, hier gäbe es wohlfeilen Fatalismus. Viel eher hängt das mit der Einsicht zusammen: »Wahrscheinlich spürt man in der neuen Mitte viel mehr, dass man sich nicht bewegen kann.« Mitte ist, wenn man ahnt, dass sie vorbei ist. »Ich war kurz davor herauszufinden, welche Heimat ich wirklich vermißte.« - schreibt Osang zum Ende hin. Jetzt wird er für den SPIEGEL dorthin gehen, wo immer schon die Mitte für Berlins Wünsche war: New York.
Währenddes kommen die Amerikaner zum Potsdamer Platz. »Nirgendwo rast die Zeit so mystagogisch wie an dieser Verdichtung der Wünsche. [...] Die Baustellen spielten kapitalistischen Realismus vor: einen Bitterfelder Weg im anderen System, einen mit Zukunft verbrämten Effizienzsinn.« Was Winfried F. Schoeller zum Potsdamer Platz einfällt, ist auch Mitte, Mainstream des Main-Frankfurter Rotstich-Milieus. Wie überhaupt seine Reportagen (Nach Berlin! Reportagen, Schöffling-Verlag, Frankfurt am Main 1999, 155 Seiten, 28,- DM) vor den geläufigen Gewissheiten der linken Selbstgerechte sich nicht scheuen. Und so fragt man sich zunächst verblüfft, wie das unter die Aufforderung Nach Berlin! zu stehen kommt. Vielleicht fehlt der Nachsatz: »... und feste druff«?
Sieht man aber genauer hin, ist das ein überaus schlitzohriges Buch. Zwar ruft es auf den ersten Blick nach Berlin und beruft sich auf die gängigen Bilder. Doch dann bemerkt man schnell: Es geht gar nicht nach, sondern um Berlin. Hartnäckig umkreist Schoeller nämlich Berlin, fährt zum Stechlin, besucht Sachsenhausen und Wandlitz, Buckow und Karls horst, Peter Huchel in Wilhelmshorst und Gerhart Hauptmann in Erkner. Es geht ihm ums Erinnern, um die Orte des Gedenkens und des Vergessens. Und damit entsteht ein Subtext zu all' den Wie-wunderbar-Texten, einer der zur Mitte mitgelesen werden muss. Denn auch das gehört zu dieser merkwürdigen »Mitte«, dass sie sich so musterhaft um das Mitgedenken der Vergangenheit bemüht. Nur alles richtig machen wollen. Wir sind die Mittler der Mitte und darin sind wir ganz vorn. Schoellers Buch unterläuft das. Es zeigt immer wieder, wie wenig Erlebnislust und Moralkorrektheit sich miteinander verblenden lassen. »Die verbotene Stadt«, so lautet der Titel seiner letzten Reportage. Nicht Berlin, sondern Wünsdorf ist gemeint. Doch von hier aus liest sich Berlin als verbotener Genuss und der Titel des Bandes temporal: Nach Berlin. Wenn Berlin vorbei ist. Oder a la Benn: »Wenn die Brücken, wenn die Bogen von der Steppe aufgesogen«. Auch die Apokalypse hat seit je dazugehört. Auch damit bleiben wir mittendrin. Kopf hoch, Herr Diederichsen, es wird schon noch.
Ausgabe 06/12
09.02.2012
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