Kultur

MEDIENTAGEBUCH | 26.11.1999 | Brankica Becejac

Digitaler Kapitalismus

Manches trifft noch immer wie ein gerader Schlag mit der harten Hand ins Gesicht. Ich erinnere nichts Besonderes an der Stimme von Peter Glotz. ...

Manches trifft noch immer wie ein gerader Schlag mit der harten Hand ins Gesicht. Ich erinnere nichts Besonderes an der Stimme von Peter Glotz. Irgendwas zwischen Tenor und Bariton. Er spricht gepflegt und geflissen akademisiert. Einer der wenigen Intellektuellen in der Politik. Ein junger Radiomoderator spielt den Interviewer bei diesem vollständig konfliktfreien Gespräch im Deutschlandfunk.

Glotz soll über sein jüngst erschienenes Buch Die beschleunigte Gesellschaft - Kulturkämpfe im digitalen Kapitalismus Auskunft geben. Darin geht es um die realistische Vorsehung gesellschaftspolitischer und bildungsökonomischer Zustände im Jahr 2010. Die Digitalität des angeblich futuristischen Kapitalismus erweist sich rasch als hinlänglich bekanntes Novum. Beschleunigung werde durch den populären, pragmatischen und breitenwirksamen Einsatz von elektronischer Datenverarbeitung und vom Datentransfer erzeugt. Dies führe zu einer globalen Mobilitätsspirale, die ihrerseits ein hohes Niveau an Flexibilität erfordere. Glotz resümiert hinreichend sinnvoll: die Elite der Zukunft wird global und mobil sein.

Bis zu diesem Punkt seiner Rede galt meine bevorzugte Aufmerksamkeit eher meiner häuslichen Tätigkeit als diesem immergleichen weltpolitischen Geschwätz. Erst die Frage nach dem heute 12jährigen Sohn von Peter Glotz brachte diese Ordnung durcheinander. Dieser werde, so der Moderator, im Jahre X 23 Jahre alt sein. Glotz bestätigt. Was er sich denn für eine Zukunft für seinen Nachwuchs vorstelle? Nun, wenn er versage, so werde er härter fallen als bislang vorstellbar. Wenn er aber das Richtige tue, so werde er sich in der großartigsten Weise etablieren. Gewaltig werde seine Karriere sein und ohne Behinderungen seitens einer ewig nörglerischen kulturpessimistischen Minderheit. Glotz kommt jetzt in Fahrt. Und die führt uns rasant in eine Hölle der Inhumanität, die keiner so trefflich zu illustrieren versteht wie der humanistische Bildungsbürger, als der sich Glotz gewiss versteht. Ihn empören die Zukunftsverweigerer, die er in den Technologiefeinden wittert und stellt. Wenn, so munter weiter, die Angestellte X sich den härteren Bedingungen im Dienstleistungssektor nicht stellen wolle, so sei das ihr gutes Recht. Nur müsse die Dame sich dann auch nicht wundern und schon gar nicht Klage führen gegen wenig komfortable Lebensbedingungen. Insbesondere die nicht abschwellen wollende Beschwerde der randständig Unteren scheint das zukunftsweisende Ethos des SPD-Mannes zu verletzen. Aber auch wenn seine Ansprache einem futuristischen Menschenmodell gewidmet ist, so ist in ihr doch viel Vertrautes. Wäre nicht der akademische Sprachwulst, so würde ungehindert der Satz sichtbar werden: Wer will, der hat noch immer gekonnt.

Aber einige Sätze später erfährt die jetzt sitzende Hörerin, dass ein Wille und somit der Widerstand gegen nachhaltige ökonomische Entwicklungen restlos liquidiert sein wird. Nicht etwa durch staatliche Repression - Glotz ist selbstredend ein Feind staatlicher Reglements in Wirtschaft und Gewerbe - sondern durch die selbstregulativen Kräfte der Gesellschaft, deren Eliten strukturell und individuell wirken werden. Denn die Menschen werden sich "ob mit Lust oder Unlust anpassen. Es ist gleichgültig, ob sie es mit Freude tun werden. Jedenfalls, anpassen werden sie sich." (Da das Badezimmer in der Nähe ist, habe ich wenig Sorge, dass ich mich auf dem frischgewischten Küchenboden entleere.)

Bei alledem betont Glotz, dass er keineswegs ein Visionär sei. Dieses despektierliche Geschäft überließe er gerne anderen. Er nennt Virilio und Baudrillard, die im deutschen Wissenschaftsbetrieb ohnedies nur mit einem schiefen Lächeln erwähnt werden und als eine Art verspielter Blumenkinder gelten. Er wolle nicht wie diese einen abgehalfterten Minderheitengeschmack bedienen. Das verspricht keinen Erfolg. Es ist offenbar, dass das Maß der Affirmation hegemonialer Kulturpraxen darüber entscheidet, welche einer Minderheit zugeschlagen werden und welche in den Rang von Eliten aufsteigen.

Aber der Ritt durch eine baldigst zu beerdigende Gegenwart hinein in eine von der Vergangenheit ganz entbundene Zukunft ist noch nicht vorbei. Das eigentliche Motiv des erwachenden Deutschland fehlte noch. Bei aller Modernisierungspropaganda, die eine technologische Internationale beschwört, ist Glotz doch genug Sozialdemokrat, um ein solider werdendes Nationalgefühl nicht zu gefährden. Ganz allgemein plaudert er darüber, dass die Amerikaner Deutschland schon seit langem als einen "schlafenden Riesen" bezeichneten. Dieser könne, erst einmal aufgewacht, entscheidende, ja führende Positionen in den Sektoren Wirtschaft, Technologie und Bildung besetzen. Die Universitäten, ein Steckenpferd des Redners, sollten endlich ihre überkommene Scheu vor einer pragmatischen, programmatischen und ideellen Einbindung von Wirtschaftskonzernen und -interessen in Lehre und Forschung überwinden. Bis dahin jedoch ist es für junge und sehr junge Menschen unabdingbar, sich im Neuen Kontinent behende umzutun. Jedenfalls in Fällen, in denen ein Interesse an angemessener Lebensqualität bestünde. Auslandsaufenthalte in Erstklasseländern werden die erste und unhintergehbare Voraussetzung sein. (Für dieses, jenes und kein drittes.)

Wenn man Peter Glotz einen Sozialdarwinisten nennt, tut man ihm damit nur einen Gefallen. Er verdeckt seine Haltung, die als Resultat einer abwägenden Vernunft erscheinen soll, mit keiner Silbe. Und es ist auch gleichgültig, wie man diesen Einen nennt oder beschimpft. In ihm zeigt sich das Ausmaß sozialer Brutalisierung, die - und das ist entscheidend - als Königsweg und Bedingung ziviler Progression und Völkerfreundschaft verkauft wird. Welche aber als Volk und welche bloß eine Ethnie, ein Stamm oder eine Volksgruppe zu sein haben, entscheidet ausschließlich deren ökonomische Prosperität und Aggressivität. Das ist nicht neu, aber wiederholenswert angesichts der Resentimentalisierung der offiziellen politischen Rede. Diese verbirgt ihre allen bekannten ›sachlichen‹ Motive mittels einer operettenartigen Vorführung moralischer Zerquältheit und mitleidender Teilnahme (ich erinnere an den jüngst geführten Krieg gegen die serbische Ethnie).

Glotz' Vortrag ist nicht sentimental. Er tritt auf in der Rolle eines restlos aufgeklärten Rationalisten. Ein Herold des unumgänglich Kommenden. Damit repräsentiert er die Kehrseite der partiell und strategisch humanisierten Politphrase, derer er sich nicht bedienen muss, da er aus dem Parteipolitikgeschäft ausgestiegen ist. Er spricht als gesellschaftlich engagierter Privatmann, der das Privileg voller Redefreiheit genießt.

Aus Glotz jr. kann aber doch noch etwas werden. Schließlich stammen die radikalsten politischen Kräfte mitunter aus süddeutschen Pfarrershäusern.

 
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