Politik

ITALIEN | 10.12.1999 | Jens Renner

Das Staatsmassaker

Vor 30 Jahren, am 12. Dezember 1969, begannen in Mailand die bleiernen Jahre

Es ist einer der folgenschwersten Tage der italienischen Nachkriegsgeschichte. Innerhalb einer Stunde detonieren am 12. Dezember 1969 vier Bomben, drei davon in Rom: zwei am Altar des Vaterlandes an der Piazza Venezia, eine in einem unterirdischen Gang der Banca Nazionale del Lavoro. Während in der Hauptstadt insgesamt 18 Menschen verletzt werden, verursacht der vierte Anschlag ein Blutbad. Dabei sterben in der Mailänder Landwirtschaftsbank an der Piazza Fontana 16 Menschen, etwa 100 werden verletzt. Eine fünfte Bombe wird in einer Bank an der Piazza della Scala in Mailand gefunden und von einem Sprengmeister der Polizei gezündet.

Der zunächst nur von der radikalen Linken erhobene Vorwurf, in Mailand habe es sich um ein "Staatsmassaker" (Strage di Stato) gehandelt, wird im Laufe der Jahre fast zur Gewissheit. Das Motiv der mit den Bomben eingeleiteten "Strategie der Spannung" liegt auf der Hand: Die im "heißen Herbst" rebellierenden Linken sollen demoralisiert und von den Straßen fern gehalten - begleitet von Rufen nach Sicherheit und Ordnung soll die Aufrüstung des starken Staates durchgesetzt werden.

Ihren Ausgangspunkt nahm die Bombenkampagne allerdings nicht erst am 12. Dezember 1969. Schon am 25. April 1969, dem Feiertag zur Befreiung vom Faschismus, gingen in Mailand zwei Bomben hoch: eine am FIAT-Pavillon auf der Mustermesse, eine andere an der Wechselstube der Handelsbank am Hauptbahnhof. Bei diesen und weiteren Anschlägen im August gab es mehrere Dutzend Verletzte. Jahre später wurden dafür die Rechtsterroristen Franco Freda und Giovanni Ventura zu je 15 Jahren Haft verurteilt.

Sturz aus dem vierten Stock

Anfangs nur zu erahnen war, wie Rechtsterroristen und Staatsbeamte in ihrem mörderischen Kampf gegen die Linke direkt zusammenarbeiteten. Federführend war das Büro für spezielle Angelegenheiten des Innenministeriums. Dessen Leiter, Umberto D'Amato, Mitglied der 1981 aufgeflogenen Geheimloge Propaganda Due (P2), versorgte die Faschisten unter anderem mit gefälschten linksradikalen Plakaten. Diese wurden in der Umgebung faschistischer Attentatsziele verklebt. Dass auch der US-Geheimdienst in die subversiven Machenschaften verstrickt war, behauptet der ehemalige CIA-Agent Carlo Digilio. Wenige Tage vor dem 12. Dezember will er seinen Verbindungsmann, den US-Offizier David Carret, von bevorstehenden "großen Attentaten" informiert haben. Er sei an der "Operation" in Mailand beteiligt gewesen, habe sich nach dem Massaker der Faschist Delfo Zorzi gebrüstet. Carlo Maria Maggi, wie Zorzi Führungskader des ultrarechten Ordine Nuovo (ON) in Venetien, habe die Bomben als Teil eines Plans dargestellt, der von einem "organisierenden Kopf oberhalb unserer Ebene" ausgeklügelt worden sei. Ein weiterer Kronzeuge, das ehemalige ON-Mitglied Martino Siciliano, bestätigte nicht nur die Selbstbezichtigung des Attentäters Zorzi, sondern auch dessen Andeutung, die Anschläge von Rom und Mailand seien "auf hoher Ebene beschlossen und vorbereitet worden".

Während unmittelbar nach dem Blutbad eine Hexenjagd gegen die Linke einsetzt, können sich die Mörder weitgehend sicher fühlen. Der Mailänder Kommissar Luigi Calabresi setzt alles daran, den Anarchisten Pietro Valpreda für die Tat verantwortlich zu machen. Schon am 17. Dezember wird Valpreda von der Presse als "Schlächter" und "brutale Bestie" präsentiert. Er sitzt bis Ende 1972 und wird erst 1985 freigesprochen. - Zu den Anarchisten, die unmittelbar nach der Explosion festgenommen werden, gehört auch der 41-jährige Eisenbahner Giuseppe ("Pino") Pinelli. Kommissar Calabresi, der ihn verhört, will vor allem Auskünfte über den "irren Valpreda". Pinelli wird ohne Haftbefehl festgehalten; gegen Mitternacht des 15. auf den 16. Dezember stürzt er aus dem vierten Stock des Polizeipräsidiums und stirbt. Es war Selbstmord, versichert die Polizei. Pinelli habe geglaubt, Anarchisten seien für das Massaker verantwortlich; mit dem Ruf "Das ist das Ende der Anarchie" habe er sich aus dem Fenster gestürzt. Später wurde die Selbstmordversion durch eine andere ersetzt. Nach dem Urteil des Richters D'Ambrosio gilt nun die Version eines Unfalls, ausgelöst durch einen "plötzlichen Schwindelanfall" und eine "schützende Bewegung in die verkehrte Richtung".

Tod von "Kommissar Fenster"

Die Urheber des Massakers von Mailand werden voraussichtlich ebenso davon kommen wie die Mächtigen der "Ersten Republik", die von den mörderischen Machenschaften zumindest gewusst haben müssen: Delfo Zorzi, der mutmassliche Attentäter, lebt als angesehener Geschäftsmann mit japanischem Pass in Japan; Giulio Andreotti, der zu sämtlichen dunklen Episoden der italienischen Nachkriegsgeschichte zumindest als Zeuge vernommen wurde, ist in den vergangenen Monaten zweimal freigesprochen worden. Während die Christdemokraten auf ein Comeback hoffen, haben es sich die Neofaschisten in der Mitte der Gesellschaft bequem gemacht. Anfang der siebziger Jahre wurde nicht nur Pino Rauti, jetzt Anführer der ultrarechten Fiamma Tricolore, sondern auch der langjährige MSI-Sekretär Giorgio Almirante als Auftraggeber des Rechts terrorismus verdächtigt. Almirante aber war der politische Ziehvater Gianfranco Finis, dessen Alleanza Nazionale heute vielen als respektable rechtskonservative Partei gilt.

Auch wenn das Verbrechen vom 12. Dezember 1969 ungesühnt bleiben sollte - die politische Kontroverse um die Verwicklung des italienischen Staates in den rechtsextremen Terror geht weiter. Dafür sorgt paradoxerweise auch der im Oktober wieder aufgenommene Prozess gegen die ehemaligen Lotta-Continua-Mitglieder Sofri, Bompressi und Pietrostefani wegen angeblicher Beteiligung an der Ermordung Calabresis. "Kommissar Fenster" wurde am 17. Mai 1972 in Mailand auf offener Straße erschossen. Mit seinem Tod endete auch der Verleumdungsprozess, den Calabresi gegen Lotta Continua angestrengt hatte, weil die Gruppe ihn für den Tod Pinellis verantwortlich machte. Auch darüber wird anlässlich des Sofri-Prozesses neu zu reden sein. Schon 1970/71 hatte sich der Prozess gegen Lotta Continua, bei dem die widersprüchlichen Aussagen der Polizei offenkundig wurden, mehr und mehr gegen den Kläger gewendet.

 
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