Kultur

RUDERNDE STIMME OHNE AUFTRAG | 17.12.1999 | Walter van Rossum

Am Ende war Geschwätz der Anfang

Vor einem Jahr starb der amerikanische Schriftsteller William Gaddis

Es ist der 24. Dezember 1949. Das Abendland gibt seine Spätvorstellung - in New York. Die Branche der Wahrheitssucher gibt sich die Ehre: Maler, Schriftsteller, Komponisten und ihre diversen Zwischenhändler. In Stellvertretung des Jesuskindes krabbelt ein unbekanntes Baby zu Füßen der Gäste herum. Eine Frau nimmt es später einfach mit. Das nutzt ihr Mann, um mit einem anderen Typen zu vögeln. Das Palaver der Fragmente schwillt zur unfrommen Kakophonie und zersplittert in zahllose Apokalypsen. Jeder implodiert für sich allein - gefälscht bis auf die Knochen.

Es ist der 24. Dezember 1949 mitten in Manhattan. Und wir befinden uns ungefähr auf der 820. von insgesamt 1.240 Seiten eines Romans mit dem Titel The Recognitions. Das Buch erschien im Jahre 1955. Der Autor hieß William Gaddis. Er war damals 33 Jahre alt, völlig unbekannt und blieb es noch lange. Der Verfasser erhielt 700 Dollar und verkaufte ein paar hundert Exemplare. Wenige, dafür aber vernichtende Kritiken signalisierten sein Erscheinen.

Der deutsche Titel lautet Die Fälschung der Welt, und diese Fälschung beginnt damit, dass die Religionen und Philosophien das Abendland mit dem Heiligen Geist schlagen. Seitdem schmachten die Menschen nach Wahrheit, nach Erlösung, nach den letzten Dingen. Der Ruf Gottes machte sie zu Sündern, und er verhieß auch Erlösung von der Sünde der Existenz. Und als der Himmel allmählich verstummte, besetzten Künstler den verwaisten Kirchenraum: Seher, Propheten, Weise und Erleuchtete dekretierten das Gute, Schöne, Wahre.

Die Fälschung der Welt erfolgte in zwei Etappen. Die erste lange Strecke beginnt mit den Anfängen des Abendlandes: Im Glanz ewiger und unantastbarer Wahrheit war alles Irdische per definitionem nur Vorübergehendes, Schein, unleserliche Abschrift und ähnliches Gräuel. Die zweite Etappe führt in die Gegenwart: Die Wahrheit wird zum Produkt einer Branche. Die Zunft der Deuter buhlt um die Gunst des Publikums, ringt um Marktanteile - und führt das Spektakel des Heiligen Geistes auf. Die Deutung der Welt ist zur käuflichen Auslegeware geworden.

Danach verschwindet Gaddis volle 20 Jahre von der Bühne der Literatur. 1975 erst erscheint sein zweiter von insgesamt nur vier Romanen. - Aber kam der Misserfolg so unerwartet? Jahrelang hatte William Gaddis an einem sprachlichen Meisterwerk gefeilt, das ausschließlich gegen sich selbst zeugte: Über 1.200 Seiten im permanenten Stimmbruch der hohen Sprache. Er hatte die große Entlarvung nicht einmal mit den Tröstungen einer neuen Wahrheit versehen, sondern den Ort kaputt erzählt, an dem wir die erschütterndsten Dramen auszuhalten pflegen: die Kunst. Mit der verstellten Stimme eines großen Epikers, der virtuos die sensiblen Töne und das erzählerische Rankenwerk beherrscht, hatte er ein opulentes Fresko der Unwahrheit geschaffen, das im Glanz zahlloser und kostbarer Details nichts als gefälschte Ansichten von der großen Farce der gefälschten Welt zeigte.

Er hatte es sich von Anfang an nicht gerade leicht gemacht. Aber wie wollte er durchhalten? Alle Mission der Kunst hatte er verworfen - und noch nicht einmal höflichen Applaus bekommen.

Der größte Teil von Die Fälschung der Welt spielt in den Wochen vor und nach jenem 24. Dezember 1949. In jenen Tagen wurde der Autor 27 Jahre alt. Er war Jahrgang 1922 und stammte aus New York City. Seine Eltern trennten sich früh, und ihr Sohn kam mit fünf Jahren in ein Internat in Neuengland. Seine schwache Gesundheit ersparte ihm nach der Schule den Militärdienst und also auch den Krieg. Statt dessen studierte er in Harvard. Aber auch diese ruhmreiche Zwingburg des Geistes konnte ihn nicht auf ihren Glauben verpflichten.

Nach dem Studium tummelte er sich geraume Zeit in Greenwich Village, dem Künstlerviertel von New York. Da lernte er eine ganze Legion hybrider Spinner, Ausgebuffte, Bluffer und komischer Gottsucher - das Personal seines Romans - kennen. Er floh nach Europa, durchstreifte Frankreich und lebte vor allem in Spanien. In diesen zwei Jahren sammelte er Material für Die Fälschung der Welt und begann mit der Arbeit an der Niederschrift. Doch die gefälschte Welt zuckte nicht mal und ließ ihn mit seiner monströsen Drucksache einfach im Regen der Realität stehen. Gaddis mußte sich jetzt einen Job suchen, um seine kleine Familie durchzubringen. Eine Weile drehte er Dokumentarfilme für die Army, stieg wegen Vietnam aus und verdingte sich als Redenschreiber von Managern und Finanzleuten. Da er ohnehin den Stoff seiner Romane akribisch und besessen zu recherchieren pflegte, sammelte er nunmehr sozusagen von Berufs wegen Erfahrungen mit jener Welt, die ihm seit geraumer Zeit für sein nächstes Buch vorschwebte.

Der Roman erschien 1975. Diesmal begnügte sich Gaddis mit 1.000 Seiten, allerdings über ein in der Romanliteratur äußerst seltenes Gebiet. Obendrein verblüffte er sein Publikum mit einer außergewöhnlichen Erzählhaltung. J.R. lautet der Titel: die Initialen seines denkwürdigen Helden: ein elfjähriger Junge, der vom großen Erfolg träumt, aber kein Genie ist. Also guckt er den anderen dabei zu. Vom Telefon seines Internats aus baut er ein ganzes Imperium auf. Er spekuliert mit Aktien, kauft Scheinfirmen und bringt die Börsenkurse zum Tanzen. Als eine der Firmen zusammenbricht, macht er Riesengewinne. Er weiß zwar nicht genau, was er da gemacht hat, aber in der Zeitung liest er, was für einen tollen Coup er gelandet hat und hält sich wirklich für ein Genie.

Finanzexperten versichern allerdings, dieser Roman könnte auch in der Gattung Gebrauchsanweisung bestehen. Was als kuriose Geschichte beginnt, führt zu haarsträubenden Einblicken in die Traumbuchhaltung der Ökonomie und mündet im Verlust des Glaubens: Das Geld, die tragende Säule aller materialistischen Gesellschaften und Währung ihres Glücks, repräsentiert keinerlei Wert. Es zirkuliert bloß und zirkuliert ausschließlich durch den Glauben seiner Diener und durch die Unzahl von Operationen, die auf Geld aufbauen. Das lehren keineswegs dunkle metaphysische Reflexionen des Autors. Das ist die Geschäftsgrundlage eines Elfjährigen, der von seinem Internat aus per Telefon das Geld, das er nicht hat, vermehrt.

Wir lesen so etwas wie Abschriften von Gesprächen oder von Äußerungen aller Art. Vergleichbar vielleicht mit Partituren, wo man zu jeder Tonnotierung den Klang im Kopf erzeugen muss, erst recht den Zusammenklang vieler Instrumente. Allerdings lauscht Gaddis nicht edlen Geistern, die in vollendeter Höhenkammprosa schwadronieren, sondern eher den Straßenkämpfen der gesprochenen Sprache. Nicht nur, dass wir es mit Verschriftung des sonst Ungeschriebenen zu tun haben, diese verbalen Niederungen erzeugen auch noch die ziemlich komplexe Gesellschaftsarchitektur.

Die Stimmgeräusche protokollierten Geredes verwandelt der Leser zu Informationen, die er braucht, um zu verstehen, wer wen täuscht oder sich selbst reinlegt. Und aus diesen Situationen setzen wir die böse Geschichte von J.R. zusammen, der sich genau auf diese Weise alle Informationen beschafft, die zu seinen spektakulären Börsen-Erfolgen führen.

Die Kommunikation der Börse wird geradezu zu einem idealtypischen Modell für gesellschaftliche Komplexität. Alles ist unkontrollierbar mit allem vernetzt, und alle beobachten alle - ohne allerdings zu wissen, was sie sehen können oder sollen. Der leuchtende Fluss digitaler Zahlen entspringt dunklen Quellen und folgt magischen Operationen.

Mit J.R. wirft er uns mitten in einen deregulierten Text, der in die deregulierte Realität führt. Es scheint, Gaddis hat eine Romantechnik gefunden, die auf Augenhöhe mit dem letzten Stand der Dinge verkehrt. Er behält sie auch in den beiden letzten Romanen bei.

Wenn wir lange genug den Turbulenzen des Chaos, den flüchtigen Strukturen und den Peilgeräuschen der Stimmen gefolgt sind, dämmert uns allmählich die extreme Zerbrechlichkeit der Welt. Die Monstren der Macht, die Hyänen des Geldes, die furchteinflößende Autorität der Texte, kurz, der kolossale Aggregatzustand des Realen besteht aus nichts als verschalteten, schwirrenden und abgelagerten Reden. Das Geschwätz ist der Rohstoff der Welt. Erheblicheres wird nie sein. Und wir werden auch immer nur eine Stimme haben. Es scheint, jedes Mal wenn eine Stimme sich in der Welt Gehör verschafft, fängt alles an. Auf dem Grund des nicht zu ordnenden und irreparablen Infernos entdeckt man nach der Zerbrechlichkeit: - die Freiheit. Man könnte einfach was anderes sagen. Am Anfang steht - ein anderes Wort. Es sind nicht gerade liebenswerte Figuren, die Gaddis' Romane bevölkern, doch die Genauigkeit und Hingabe mit der er in einer Stimme intimste Bedeutungen vernehmbar macht, hat fast schon etwas Zärtliches.

J.R. erschien 1975. Diesmal war die Kritik besser vorbereitet und begrüßte den Roman wohlwollend bis begeistert. Der Autor wurde sogar mit dem National Book Award geehrt - der bedeutendsten US-amerikanischen Literaturauszeichnung. Gaddis war geehrt. Immerhin hatte er jetzt die 50 bereits deutlich überschritten und sich mit seinem fulminanten Roman wenigstens eine Atempause verdient.

In dieser Zeit entsteht Carpenters Gothic, was man ungefähr mit "Fachwerkhausidylle" übersetzen kann. Tatsächlich lebte Gaddis jetzt weitgehend auf Long Island - einem idyllischen Landstrich, unweit von New York. In eine ähnliche Gegend haben sich die Protagonisten Elisabeth und Paul zurückgezogen. Sie ist Erbin eines Millionenvermögens, doch kommt sie nicht an ihre Anteile ran. Paul ist Vietnam-Veteran. Verbittert und wütend leiert er Dutzende von Projekten an, um endlich Geld zu machen. Fast alle Personen in diesem Roman, der auf deutsch Die Erlöser heißt, sind irgendwie mit Texten beschäftigt. Elisabeth schreibt heimlich an einer Art Roman - in dem sie ihre realen Umstände stilisiert. Ihr Mann übt sich in einer Textstrategie, mit der sich Gaddis bestens auskannte: PR-Broschüren. Paul versucht, Kampagnen für einen fundamentalistischen Prediger zu organisieren. Elisabeth sucht in der Fiktion Identität, Paul sieht darin ein Instrument der Macht. Beide sind von ihren Fiktionen so vereinnahmt, dass sie einander nur noch als Störfall des Realen wahrnehmen.

Ein Kammerspiel vom unmöglichen Kammerspiel. Durch alle Ritzen dringt die wütende Unruhe der Welt. Es erschien 1985. Zehn Jahre hatte Gaddis nichts veröffentlicht.

1994 folgte sein letzter Roman - noch einmal eine umfangreiche und komplexe Gesellschaftserkundung in satirischer Verpackung: Letzte Instanz. Es scheint, wir sind wieder am Anfang, bei Die Fälschung der Welt, bei der Kunst, aber auch bei der Wirtschaft. Diesmal fälscht das Recht die Welt, um sie finanziell zu normen, und Juristen übernehmen dabei die alte Deutungsarbeit von Schriftstellern, um nunmehr unbegabtere Künstlerdichter mit Geld entschädigen zu können.

In den Arkanien der Grundfrage, ob es bloß ums Geld geht, oder ob Geld in Wahrheit die Währung eines anderen Sinnes ist, verirrt sich Oscar. Er liegt im Krankenhaus. Sein eigenes Auto hat ihn überrollt. Er klagt bereits gegen Hersteller und Versicherung, und bald wird dieser erfolglose Dramatiker noch eine Riesenklage wegen Plagiats erheben. Denn der verschrobene Theatermanns glaubt, dass ein mächtiger Hollywood-Produzent ihm eine Idee aus einem seiner nie gespielten Stücke geklaut hat. Er sucht auf juristischem Wege seine Anerkennung als Künstler - allerdings in Dollar und nicht in spirituellen Werten. Selbstredend handelt sein Werk von großen Seelen, die einer materialistischen Welt unterliegen.

Gaddis geht mit seiner atemberaubenden Groteske weit über ein bisschen Justizkritik und Kunstsatire hinaus. Oscar, der Künstler, ist zwar insoweit von dieser Welt, dass er seinen Teil vom Kuchen abbekommen will, aber dann kommt ihm sein Künstlertum in die Quere: Er verwechselt die Ebenen: Recht mit Gerechtigkeit; Wahrheit mit Wahrheitsstrategie. So wenig wie seine Kunst ist der Künstler auf der Höhe der Dinge.

Darum geht es auch wieder in seinem allerletzten Text. Den hat Gaddis für den Deutschlandfunk geschrieben und kurz vor seinem Tod vollendet. Er heißt Torschlußpanik und ist ein Hörspiel. Der Romancier, der die Welt in Hörspieltexte verwandelte, sorgte jedoch für Verwirrung, weil ausgerechnet sein einziges Hörspiel ein Monolog zu sein schien. Ein alter Mann palavert vor sich hin: Der Künstler am Ende seines Lebens - krank und hinfällig, dem Tode nahe und ans Bett gefesselt, umgeben von Büchern und Dokumenten. Er geht die Aufzeichnungen zu einem alten Projekt durch: der Geschichte des mechanischen Klaviers, der Versuch, den Künstler durch einen perfekten Automaten zu ersetzen - woraus später die globale Digitalisierung hervorging. Sätze, Figuren, Motive aus Gaddis' Romanen tauchen auf und verschwinden wieder im Gewölk des Lamentos. Wie William Gaddis hadert er mit den Vorgaben der Kunst, geht ins Gericht mit den Mystifikationen des Geistes und dem Kult der Empfindsamkeit. Und sucht ihn so doch: den Künstler - und durchlebt immer noch die ganze Palette seiner klassischen Leiden.

Zwar hatte Gaddis stets postuliert, dass die Gefühle und Meinungen des Autors völlig unerheblich seien für sein Werk. Doch unzweifelhaft bezieht sich sein letzter Text auf sein Werk und die Umstände seines Lebens. So liegt es nahe, in dem alten Mann William Gaddis persönlich zu vermuten - eine Art Rückfall ins Private angesichts des nahen Todes. Wie auch immer. Der alte Mann enttäuscht grandios unsere kindlichen Erwartungen vom letzten authentisch verglühenden Dichterwort. Bis zuletzt spricht der Schriftsteller Williams Gaddis: - den ergreifenden Abgesang auf Abgesungenes.

Er spricht mit sich selbst - aber das sind viele, und die vielen sind nicht gerade die besten Freunde. So fällt er sich dauernd ins Wort. Er lauscht dem Klang seiner Stimme, um sie sogleich anzufauchen. Themen, Theorien, Fakten, Motive, Stimmungen, Ein- und Ausfälle reihen sich zu einem Rückblicksunternehmen in voller Auflösung. Informationstheoretisch gesprochen, produziert die Stimme jede Menge white noise - weißes Rauschen: das Grundrauschen. Die Stimme gleitet dahin - zunehmend gewisser, unverständlich zu bleiben, Unauffindbarkeit herzustellen. Hatte er sich denn je verstanden? Hatte er einen Auftrag und ihn erfüllt? Nein, ein Leben macht keinen Sinn - nur Spuren. Ankommen ist nicht. War nicht. Identität ist keine Substanz, sondern ein schwebendes Verfahren. Doch man soll sich nicht täuschen: Gaddis war davon auch fasziniert. Deshalb konnte er dem Palaver-Lärm so hingebungsvoll lauschen. Und vielleicht hatte er vor allem um sie gerungen, um die Lärmpartikel, die nichts bedeuten und doch alles sind. Entropie, Auflösung, Fragmentierung - der Künstler ist nicht ihr privilegierter Zeuge, sondern auch nur eine rudernde Stimme ohne Auftrag.

William Gaddis ist am 16. Dezember 1998 kurz vor seinem 76. Geburtstag gestorben.

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