Politik

EIN FIKTIVES GESPRÄCH | 28.04.2000 | Im Gespräch

'... nicht sauber ausgeführt'

Kambodschas Ex-Diktator Pol Pot über Patriotismus und revolutionäre Härte

Am 15. April 1998 starb Pol Pot unter bis heute nicht ganz geklärten Umständen in einem Khmer-Rouge-Camp im Nordwesten Kambodschas. Er starb als Gefangener - verurteilt kurz vor seinem Tod durch ein "Volksgericht" im Dschungel. Unter dem Eindruck der Arrangements, die einstige enge Gefolgsleute wie Ieng Sary oder Khieu Samphan mit der Regierung in Phnom Penh suchten, hatte Pol Pot am 10. Juni 1997 seinen ehemaligen Verteidigungsminister Son Sen sowie dessen gesamte Familie hinrichten lassen. Das führte zu einer offenen Rebellion und der Entmachtung des früheren Diktators.

Zu dessen Lebzeiten waren alle Versuche gescheitert, ihn vor ein nationales Gericht oder ein internationales Tribunal zu stellen. Die Auseinandersetzung mit der barbarischen Gesellschaftstheorie der Khmer Rouge wurde dadurch jedoch nicht behindert, auch wenn bis heute vieles rätselhaft und undurchschaubar bleibt. Das folgende Gespräch ist fiktiv. Es stützt sich auf Reden und Schriften (s. unten) Pol Pots sowie das einzige Interview, das er kurz vor seinem Tod dem amerikanischen Journalisten Nate Thayer gab.

FRAGE: Warum haben Sie die Menschen Kambodschas 1975 dazu verdammt, in den Reisfeldern zu leben?

POL POT: Reis hat eine mythische Bedeutung - Reis ist für unser Volk der Ursprungs allen Lebens. Für die Entwicklung Kampucheas (*) galt immer, man muss in der Landwirtschaft einen Agrarüberschuss produzieren, um alles andere angehen zu können, die Industrialisierung, die Entwicklung der Städte ...

Aber Sie wollten doch keine Industrie, Sie haben die Städte verkommen lassen ...

Wir mussten es tun, weil die Städte dekadent und verfault waren.

Warum waren Sie davon so überzeugt?

Die Bauern hatten im Kampf für die Revolution und die Unabhängigkeit der Nation die größten Opfer gebracht. Sie mussten daher durch die Revolution auch am meisten belohnt werden. Und das ging nur, indem wir sie über die Städter stellten.

Aber weshalb haben Sie sich nie durch ökonomische Tatsachen belehren lassen, trotz riesiger Bewässerungsprojekte, trotz des Einsatzes von Millionen Menschen nur beim Reisanbau verarmte das Land zwischen 1975 und 1979 immer mehr.

Wir hatten es vielfach mit Sabotage zu tun und einem schlechten Führungspersonal. Es war unser Fehler, hier nicht eher eingegriffen zu haben.

Noch mehr Menschen getötet zu haben?

Nein, Feinde Kampucheas, die damals schon im Dienst der Vietnamesen standen. Wir standen im Krieg mit Vietnam, da mussten wir jeden Verräter hart bestrafen.

Den Krieg mit Vietnam hatten Sie doch angezettelt ...

Wir mussten diesen Krieg führen, weil uns Vietnam ansonsten unterworfen hätte. Sehen Sie genau hin - bis heute haben die vietnamesischen Truppen unser Land nicht verlassen. Die Soldaten haben sich Zivilkleidung angezogen und beherrschen uns.

Sie hätten sich nicht vom Normalisierungsprozess nach der Pariser Kambodscha-Konferenz zurückziehen dürfen, um das zu überwachen - Sie hätten auch 1993 an den Wahlen teilnehmen können ...

Wir wussten, wenn wir an diesen Wahlen teilnehmen, dann schneiden uns die Leute die Kehle durch ...

Lässt das auf Schuldbewusstsein schließen, wenn Sie Derartiges sagen?

Eigentlich nicht.

Sie kennen keine Gewissensqualen?

Erstens darf man nicht vergessen, dass wir 1975 sehr neu und unerfahren waren, wir standen unter großem Druck und mussten ständig Probleme lösen. Dabei haben wir Fehler gemacht, das gebe ich zu. Andererseits kämpften wir aus Liebe zu unserem Land und zu unserem Volk ...

Sie waren auch für das Konzentrationslager Toul Sleng in Phnom Penhs verantwortlich. Glaubten Sie wirklich, dass die 16.000 Menschen, die dort umgebracht wurden, Agenten einer fremden Macht waren?

Ich habe nur über die wichtigen Leute entschieden. Gewisse Leute schlossen sich der politischen Führung des Demokratischen Kampuchea an, aber sie waren weder wirkliche Parteimitglieder, noch wahre Patrioten. Sie hatten eine Verschwörung organisiert, um das Oberhaupt des Demokratischen Kampuchea - also mich - zu töten.

Ihr einstiger Mitkämpfer Ta Mok sagt heute, er sei zu den Khmer Rouge gegangen, weil die gesagt hätten, sie seien Patrioten, aber dann habe er gesehen, dass sie auch Menschenfleisch verschlingen. Sie seien eben kein Patriot, sondern ein brutaler Diktator gewesen.

Ich habe mich nie auf Kosten der Nation bereichert, was viele Diktatoren getan haben. Ich wusste nur, dass Härte im Interesse der Revolution nötig war.

Warum haben Sie am 10. Juni 1997 Ihren ehemaligen Verteidigungsminister Son Sen und dessen Familie töten lassen?

Im Januar 1997 haben meine Leute Dokumente von Son Sens Schwager gefunden und die deuteten auf Kontakte zur Regierung in Phnom Penh hin.

Bei der Exekution damals wurde nicht einmal ein vierjähriges Kind verschont..

Wenn sie mich zerstören wollten, musste ich mich wehren. Außerdem habe ich nur Son Sen und dessen Frau töten lassen, am Tod der anderen war ich nur indirekt beteiligt, es war nicht sauber ausgeführt.

Zusammenstellung Lutz Herden

(*) Der Khmer-Sprache entnommener Name für Kambodscha, der von den Khmer Rouge bewusst gebraucht wurde, um ihre Besinnung auf die Nation zu dokumentieren.

(Das Interview stützt sich auf Reden Pol Pots vom 30.4.1975, 17.4.1976, 27.4 1977 und 30.6. 1978 sowie den Essay Survive le peuple cambodgien von Jean Lacoutur.)

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