Kultur

ILSE LANGNER | 09.06.2000 | Monika Melchert

Eigen

Brigitta Schultes Porträt einer Dramatikerin

Schon als Zwölfjährige fasste sie den Vorsatz, einst die Welt hinzureißen, und vereinte als Dramatikerin große Erfolge und ebenso große Misserfolge. Ilse Langner - nie gehört?

Birgitta M. Schulte hat zum 100. Geburtstag der Schriftstellerin ein Porträt geschrieben, das erstmals einen Gesamtblick auf Ilse Langner ermöglicht. Die Biographin zeichnet Langners Entwicklung nach und findet auch Gründe für deren Scheitern in der Nachkriegszeit: "Ilse Langners Leistung wurde nicht erwartet". Erst in den neunziger Jahren entdeckte die feministische Literaturwissenschaft die beinahe vergessene Autorin.

Schulte hat Ilse Langners Werk nicht literaturhistorisch bewertet. Sondern sie versucht, die Persönlichkeit der Frau und Künstlerin hervortreten zu lassen. Entstanden ist ein phantasievoller, gut recherchierter Text, ein sorgfältig gestaltetes, reich illustriertes Buch. Die Textgestalt ist zweigeteilt: Jeweils im Druckbild links sind Auszüge aus Ilse Langners Werken - dramatische, epische, auch lyrische - angeordnet, rechts Schultes Spurensuche, Kommentare, Reflexionen.

Sie zeigt, was diese Schriftstellerin, die ganz auf sich selbst vertraute und als junge Frau aus der schlesischen Provinz ins (deutsche) Zentrum der künstlerischen Avantgarde kam, aus ihrem Leben machte. Berlin war ein verheißungsvoller Ort. 1929 wurde Ilse Langners erstes Stück, die Antikriegs-Chronik "Frau Emma kämpft im Hinterland", im Theater Unter den Linden erfolgreich uraufgeführt. Alfred Kerr bescheinigte Mut und Vehemenz und gab der Autorin den Beinamen "Penthesilea Langnerin". Tatsächlich folgte bald das Stück "Amazonen", eine Komödie mit starken Seitenhieben gegen das nationalsozialistische Frauenbild. Prompt verboten es die Nazis schon im Frühjahr 1933. Fortan variierte Langner ihr zentrales Thema "Frau und Krieg" in immer neuen Dramenentwürfen, vorrangig in Adaptionen antiker Mythenstoffe ("Klytämnestra", "Iphigenie kehrt heim", "Dido"). Ilse Langner emigrierte nicht, doch sie hatte während der Nazizeit keine Publikations- und Wirkungsmöglichkeiten. Also ging sie auf Weltreise (China, Japan).

Immer wieder schuf Langner starke Frauengestalten in konfliktgeladenen Geschlechterverhältnissen, machte Angebote, wie eine Frau in der Gesellschaft produktiv werden kann. Doch diese Vorschläge sind eigentlich nur in den wenigen Jahren bis 1933 angenommen worden. Ihre Frauenfiguren sind Modelle eines emanzipatorischen Potentials, wie sie nur bei wenigen Protagonisten der Zeit in Dramatik und Prosa zu finden waren: widerständig und verantwortungsvoll zugleich.

Ihre nach 1945 entstandenen Stücke, die wieder Geschlechterverhältnisse reflektieren, wurden kaum gespielt; der Staat allerdings zeichnete sie aus.

Brigitta M. Schulte, Ich möchte die Welt hinreißen... Ilse Langner 1899-1987, Ein Porträt, Christel Göttert Verlag, Rüsselsheim 1999, 336 S., 44 DM.

 
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