Kultur

GESCHLECHTER UND MACHT | 30.06.2000 | Ingo Arend

Überall liegt etwas herum

Bis zum Dritten Geschlecht der Politik ist es noch ein langer Weg

Als Angela Merkel zur neuen CDU-Vorsitzenden gewählt wurde, wurde vom deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder berichtet, er habe sich recht erfreut über die Wahl gezeigt, allerdings geäußert, die Dame, also Merkel, besitze kein beef. Erfolgreiche Parteiarbeit, so muss man den Bundeskanzler wohl verstehen, ist nur möglich mit dem Körper, dem Fleisch und dem Muskel des Rindes. Denn das bedeutet das Wort beef auch. Man kann sich darüber amüsieren oder es beklagen, dass der Bundeskanzler diese Kategorien in einer gewissen Reinkultur verkörpert. Und seine Frau die Begegnung mit dieser Spezies auch noch für einen Glücksfall wie einen - "Sechser im Lotto" hält. Wichtiger ist aber die Kategoriendefinition, die sich hier in den öffentlichen Diskurs einschleicht: Schröder macht Leiblichkeit und körperliche Dominanz zur Voraussetzung von guter Politik. Nun gibt es also eine rot-grüne Reformkoalition und ihr Chef fällt in die abgehalftertsten Kategorien hegemonialer Männlichkeit, um mit dem amerikanischen Männerforscher Robert W. Connell zu sprechen, zurück, die sich denken lassen. Währenddessen hebt die Union eine Frau auf den Schild, die anscheinend die neuen Werte in der Politik verkörpert.

Die repräsentative Demokratie in diesem Lande hatte ja schon immer das Problem des gender gaps, also einer niedrigeren Partizipation und Repräsentation vor allem von Frauen, aber auch von Minderheiten. Diese Ungleichheit und Ungerechtigkeit aufzuheben, war das Anliegen der klassischen Frauenpolitik, der Frauenförderpolitik und der Quotierung. Das hat - trotz der Annahmen Margarete Mitscherlichs von der friedfertigen Frau - aber nicht zwangsläufig zu einem neuen Habitus, zur Abkehr von dem Typus des klassischen Exekutors von Machtpolitik geführt. Margaret Thatcher oder - nehmen wir als deutsches Beispiel die ehemalige Treuhandchefin - Birgit Breuel - verkörpern wahrscheinlich nicht unbedingt den Typ von Politikerinnen, den wir uns wünschen.

Auch in der zeitgenössischen Politik ist das Modell der hegemonialen Männlichkeit, also des machtorientierten, machtbewussten Politikers, der auf Kontrolle setzt, immer noch zu Hause. Nicht nur der derzeitige Bundeskanzler mag dafür als Beleg dienen. Auch dem Bundesaußenminister sagt man eine gewisse Vorliebe für diesen politischen Typus nach. Und wenn man den straffen Strategen Edmund Stoiber und die bewegliche Angela Merkel nebeneinander auf dem Talk-Show-Sofa sitzen sieht, wird dieser Kulturbruch ebenfalls sinnfällig. Klassische Machtpolitik ist keine Frage von Prominenz. Jeder kennt die Beispiele der lokalen Platzhirsche in der Kommunalpolitik in Rat und Partei, die dort massenhaft noch immer das Sagen haben. Freilich sollte man nicht allzu sehr auf einzelne Personen sehen, wenn man überlegen will, wie Geschlechterdemokratie in der Parteiarbeit aussehen kann. Männliche Hegemonie ist auch eine Strukturfrage. Und womöglich auch mehr als eine Geschlechterfrage. "Überall auf der Straße liegt etwas herum, das Macht heißt. In den Buddelkästen, Kneipen, Büros, Straßenbahnen, in den Betten, überall liegt es. Ein bisschen nimmt sich jeder, und manche können nicht genug haben, die werden Polizisten, Pförtner und Politiker. Mehr gibt es nicht zu verstehen", schreibt Monika Maron 1991 in ihrem Roman Stille Zeile sechs.

Aber das Gender-Zeitalter lässt auch hoffen, dass, wenn schon alles kulturelle Konstruktion ist, Gender-Politik das "Dritte Geschlecht", um mit Magnus Hirschfeld zu sprechen, des garantiert antihierarchischen, antihegemonialen, antisexistischen, kooperationsbereiten und gendermainstreamigen Politikertypus vielleicht selbst klonen kann. Bevor es jedoch zu dieser aufregenden Perspektive kommt, ist eine neue Bestandsaufnahme der tristen Realität von Macht und Geschlecht in der Politik angesagt.

 
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