Politik

NPD-JUGENDLICHE | 07.07.2000 | Martin Knobbe

Hillers Nibelungen

Eine Fahrt von Eisenach nach Passau - zum "Zweiten Tag des Nationalen Widerstandes"

Der Kampf gegen das System beginnt mit einer Viertelstunde Verspätung. Die Kameraden aus Mühlhausen haben den geheimen Treffpunkt nicht gleich gefunden. Zu versteckt liegt der Parkplatz hinter dem Marktkauf im Eisenacher Gewerbegebiet, und die Neonröhren der Straßenlampen sind ausgeschaltet. "Kameraden, ihr seid zu spät", sagt der Führer, und seine Stimme ist schneidig. Die Jungen klettern aus dem Auto, scharfer Scheitel folgt auf Glatze. Weil es verboten ist, mit "Heil Hitler" zu grüßen, stoßen sie die Losung nur undeutlich zwischen den Zähnen hervor. "Heil Hiller", zischt es. "Heil Hiller."

Der Führer ist in dieser Nacht der kleinste Junge auf dem Platz. Patrick Wieschke, 19, Schädel kahlrasiert bis auf ein Büschel Deckhaar, vorbestraft - dazu will er nichts sagen. "Ich führe einen Kampf ohne Gewalt", sagt er stattdessen. "Wir sind politische Soldaten", sagt er. "Wir kämpfen für unsere Nation", sagt er, "und gegen das System." Die Sätze kommen hart und scharf wie frischgestanzte Eisenlettern.

Patrick Wieschke ist Stützpunktleiter der Jungen Nationaldemokraten (JN), Mitglied der Nationaldemokratischen Partei (NPD) und Anführer einer der 140 rechtsextremen Kameradschaften in der Bundesrepublik. Die "Kameradschaft Eisenach" ist ein Zusammenschluss von Jugendlichen, die sich selbst als Nationalisten und den Nationalsozialismus als beste Epoche der Menschheit bezeichnen: "Weil das Dritte Reich funktioniert hat, und heute nichts mehr funktioniert", sagt Patrick. Seine Kämpfer kommen aus den Dörfern und Städten zwischen Eisenach und Erfurt. Einer ist Lehrling in einer Fleischerei, ein anderer studiert Geschichte. Die wenigsten sind arbeitslos. Sie tragen braune Hemden, schwarze Feldblusen oder T-Shirts mit der Aufschrift "Wer mutig für sein Vaterland gefallen, der baut sich selbst sein ewig Monument" oder schlicht "Pitbull". Sie sind meist nicht älter als 18 Jahre und ihren Eltern haben sie erzählt, dass sie bei der Freundin übernachten oder ins Theater gehen. Über Internet und Handy wurden sie in dieser Nacht zum Parkplatz gerufen, um mit nach Passau zu fahren. Die NPD veranstaltet den "Zweiten Tag des nationalen Widerstands", und Patrick Wieschke ist stolz, dass fünf Mal so viele Kameraden mitkommen wie vor zwei Jahren. "Unsere Bewegung trägt die ersten Früchte des Erfolges", sagt er.

1.15 Uhr, die Fahrt zu den Gleichgesinnten beginnt auf abgewetzten Polstern. Die 52 Kämpfer lärmen im Bus wie eine alt gewordene Schulklasse. "Kassel ist eine scheiß Pollacken-Stadt," ruft ein Taxifahrer, der aus Kassel nach Eisenach gereist ist, um nach Passau zu fahren. "Ist in Eisenach nicht anders", ruft ein anderer. "Jemand Waffen dabei?", fragt Patrick. "Wär ja dumm", sagt ein anderer. "Die Bullen warten." Und Patricks bester Freund Christian erzählt, was ihm seine Freundin zum Abschied ins Ohr geflüstert hat. "Pass auf Dich auf!" Und: "Ruf mich an." Er wäre jetzt schon gern bei ihr, sagt der 18-Jährige. In ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung mit der Einbauküche und der Polstergarnitur, auf der sie noch vor einer halben Stunde herumgealbert und geknutscht haben. "Aber", sagt Christian, "man muss Prioritäten setzen."

Patricks und Christians Priorität heißt "Kampf für unser Land", und sie meinen damit Kampf gegen andere: Gegen Politiker, die Ausländer ins Land lassen, "weil Ausländer eine andere Kultur haben." Gegen den Geschichtsunterricht, "weil er ein Märchen ist." Gegen den amerikanischen Kapitalismus, der sich als Marlboro-Zigarette in die "völkische Rasse" eingeschlichen habe. Christian raucht "Cabinet würzig", die einzige Ost-Marke, die nach der Wende nicht von westlichen Konzernen übernommen worden sei. "Die DDR war auf jeden Fall deutscher als die BRD." Gegen den Einfluss des Westens müsse man kämpfen, sagt Christian. Früher hat er das mit Springerstiefeln, Bomberjacke und einer Kahlrasur getan. Heute trägt er eine schwarze Krawatte auf weißem Hemd, eine graue Jacke und Turnschuhe. Seine Haare ließ er ein paar Millimeter länger wachsen und sich Koteletten stehen. Statt auf Straßenkampf setzt Christian heute auf Schulungsarbeit. Für den Kameradschaftsabend bereitet er Referate vor. Darin erklärt er, dass es im "Deutschen Reich" keine Menschen mit starker Behinderung mehr geben werde. "Solche Kinder werden nicht geboren. Ich weiß nicht, das ist doch kein Leben." Christian macht gerade eine Lehre als Industriemechaniker. Heute morgen noch hat er Laderampen gebaut - für Rollstuhlfahrer.

Im Bus ist der nationale Widerstand kollektiv eingeschlafen. Es riecht nach Bier, alkoholfrei, Anweisung des Führers. Nur Patrick ist wach. "Ich werde nicht schlafen", sagt er. "Ich hab doch die Verantwortung." Ein Wort, das sonst kaum aus seinem Munde kommt. Feind, Kampf, Lebensraumorientierung, Völkergemeinschaft, Kameradschaft - das sind die Begriffe, aus denen der Tischler-Lehrling seine Welt zusammenzimmert. Begriffe wie aus einem 50 Jahre alten Lehrbuch für die nationalsozialistische Revolution. Wenn er an der Macht wäre, würde er zuerst den Verhandlungsführer für die Entschädigung von Zwangsarbeitern, Otto Graf Lambsdorff, hinter Gitter bringen, "den Volksfeind". Die Todesstrafe würde er einführen für Kinderschänder und Drogendealer. Seit wann er Nationalsozialist ist, wisse er nicht, sagt Patrick, und er redet nur wenig über seine Vergangenheit. In der Schule habe er eine "Sonderrolle" gehabt, weil ihn im Unterricht vor allem die Kriegsgeschichten und die Zeit des Nationalsozialismus interessiert hätten. Das hätten viele nicht verstanden. "Aber das Schema Außenseiter und deshalb Rechtsradikaler, das passt nicht auf mich." Angefangen habe seine Begeisterung für die "nationale Bewegung" in der dritten Klasse. "Da habe ich die Symbole der Wehrmacht in den Büchern gesehen, und irgendwie haben mich die fasziniert."

Als "Faszinosum" für junge Leute bezeichnet auch der Thüringische Innenminister Christian Köckert (CDU) die NPD. Sie berge eine "innere Sprengkraft" und eine schillernd bunte Vielfalt unter ihren Anhängern. Das mache sie attraktiv für Jugendliche. Der Verfassungsschutz meldet in Thüringen einen Mitgliederzuwachs der NPD um 300 Prozent in zwei Jahren, 1999 hatte die rechtsextreme Partei 260 Mitglieder in Thüringen. Viel größer aber ist die Anzahl der Rechtsradikalen, die nicht in einer Partei gebunden sind. 350 Skinheads und 400 Neonazis hat der Verfassungsschutz in Thüringen im vorigen Jahr gezählt. "Und in Eisenach festigt sich die Szene", sagt ein Mitarbeiter.

Die Aktionen der jungen Rechtsradikalen haben in Eisenach Erfolg: Bei der letzten Veranstaltung sei der Saal voll gewesen, sagt Patrick. "Wir sagen halt, was viele Leute denken." Warum die rechten Parteien gerade im Osten Deutschlands stark im Aufwind sind, erklärt der 19-jährige mit den strukturellen Voraussetzungen. Die DDR und der Nationalsozialismus seien sich doch "sehr ähnlich" gewesen - beide hätten die Merkmale einer Diktatur besessen. "Die HJ wurde zur FDJ, die Gestapo zur Stasi, und Hitler hieß Honecker." Deshalb, sagt Patrick, falle den Menschen hier die "Rückkehr zum Nationalsozialismus" leichter. Die nationale Revolution beginne zuerst im Osten. "Der völlige Umsturz wird nicht gleich morgen kommen, vielleicht erst, wenn ich alt und tattrig bin. Dann müssen halt meine Kinder weitermachen."

Heute ist die Revolution in Passau angekommen. 5000 Rechtsradikale sind am Morgen angereist, die Innenstadt scheint nur noch aus Polizisten mit Schusswesten zu bestehen. Die Gegendemonstranten wurden abgeschirmt, nur vereinzelt feixen Punks gegen die anrollenden Busse. In der Nibelungenhalle hängen schwarze und rote Banner von der braunen Empore, "Blood and Honour". Die verschlafenen Kameraden aus Eisenach stellen sich in Dreier-Reihen auf und marschieren die 30 Meter zum Eingang, im Gleichschritt. Trommelwirbel in der Halle, dann Einzug der 22 Fahnenträger. "Conquest of Paradise", dröhnt aus den Lautsprechern, die Hymne, zu der einst Henry Maske in den Ring marschierte. Christian marschiert zur Bühne und trägt eine rote Fahne der JN. Rings um ihn haben sich junge Menschen in Uniformen, braunen und weißen Hemden auf die Biertische gestellt. Einer weint, Fotoapparate blitzen auf. "Das ist Wahnsinn, alle schauen auf dich, das ist Wahnsinn", sagt Christian hinterher. Als Redner wird ein ehemaliger General im persönlichen Regiment Adolf Hitlers angekündigt. "Blut und Ehre für die Waffen-SS", brüllen die Kameraden. Offiziell verboten. Egal, Christian brüllt mit. Einer der Hauptredner ist Horst Mahler, einst RAF-Terrorist, heute Rechtsanwalt und NPD-Vordenker. "Dass Deutschland zweimal einen Weltkrieg angefangen haben soll, ist klar wissenschaftlich widerlegt", sagt er. Dann doziert er über den "jüdischen Geist", der nicht in der Lage sei zu begreifen "was Volksgemeinschaft ist". Seine jungen Zuhörer in der Halle ruft Mahler dazu auf, im Kampf gegen das System auch vor einem Gesetzesbruch nicht zurückzuschrecken. "Das Gefängnis, liebe Kameraden, das Gefängnis ist unsere Fronterfahrung."

An den Ständen wird braunes Propagandamaterial verkauft. Magazine, die "Landser" oder "Zentralorgan" heißen. "Wir danken euch, ihr tapferen Helden der Waffen-SS", steht auf den Titelseiten. Oder "Juden raus" in großen Lettern und als Kleingedrucktes: "aus Österreich, so forderte es Israels Staatspräsident Ezer Weizman sinngemäß nach dem Wahltriumph der rechtsgerichteten Haider Partei FPÖ." Christian kauft mehrere Blätter und gewinnt an der Tombola ein Buch über die Geschichte der NPD. "Ich lese doch so gerne".

Später bei der Rückfahrt nach Eisenach sagt Christian, dass ihm nur die Rede von Horst Mahler nicht gefallen hat. "Was der über den Geist des Judentums gesagt hat, war hart." Christian denkt kurz nach, zu kurz, dann glänzen wieder die Augen. "Nö, sonst war alles sehr informativ". Die Stimmung im Bus ist gut. Es gibt Bier, alkoholhaltig. Anweisung des Führers. "Pollacken klatschen" dröhnt irgendeine Skin-Band aus den Boxen. Vorne geht das Foto einer Tochter herum, eingefasst in einen silbernen Herzchen-Anhänger. "Blond und blauäugig, so wie ich mir das gewünscht habe", sagt der Vater. Ein Junge ruft, "hoffentlich sieht mich mein Chef nicht im Fernsehen, scheiße." Und hinten auf der letzten Bank kotzt ein 16-Jähriger auf den Boden. Patrick Wieschke rennt nach hinten. "Kamerad, das machst du alles selber weg", sagt der Führer, und seine Stimme ist schneidig. Der blasse Kamerad schaut ihn mit glasigen Augen an. Dann kotzt er weiter.

Bereits das zweite Mal seit 1998 veranstaltete die NPD im Frühsommer in Passau den "Nationalen Tag des Widerstands". Nach Angaben der Partei sollen sich dieses Jahr 6.000 Anhänger in der Nibelungenhalle versammelt haben. Als Redner traten u. a. Manfred Roeder und Horst Mahler auf. Rechte Parteien wie NPD und DVU finden sich schon seit etwa zwanzig Jahren regelmäßig in der niederbayerischen Stadt zusammen. Passau hat sich vergeblich etliche Male mit juristischen Mitteln dagegen zu wehren versucht.

FAQ Archiv Impressum AGB Kontakt Datenschutz-Richtlinien Edition Nettiquette
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG