Politik

MONGOLEI | 14.07.2000 | Im Gespräch

»Die nächste Katastrophe zeichnet sich längst ab«

Heike Michel, deutsche Entwicklungshelferin, über Reformstau und soziale Notstände in der Mongolei

FREITAG: Sie sind seit über zwei Jahren in der Mongolei und haben die jüngste Jahrhundertkatastrophe miterlebt. Wie sieht es vor Ort aus?

HEIKE MICHEL: Ökonomisch unverändert schlecht. Der nächste Winter kommt bestimmt und zwar bald. Es hat sehr wenig, in den meisten Landesteilen überhaupt nicht geregnet. Das heißt, die nächste Katastrophe ist im Prinzip programmiert. Das Vieh hatte keine Chance, Fett anzusetzen. Es wird also auch im nächsten Winter wieder zu großen Verlusten kommen.

Wie bereiten sich die Hilfsorganisationen auf den nächsten Winter vor?

Die meisten arbeiten noch an der Beseitigung der letzten Winterkatastrophe. Das Hilfsprogramm des UNDP (*) blickt jedoch voraus und zielt stärker als zuvor auf langfristige Planung. So will man beispielsweise Futterreserven anlegen, um den Nomaden wieder eine Lebensgrundlage zu sichern.

In der Mongolei hat ein politischer Machtwechsel stattgefunden. Sind davon Verbesserungen zu erwarten?

Es wäre schon ein Erfolg, wenn sich zumindest das Chaos lichten würde, das die jungen Demokraten bedingt durch ihre politische Unerfahrenheit in den vergangenen vier Jahren mit ihren häufigen Regierungswechseln angerichtet haben. Die MRVP konnte ihren unglaublichen Wahlerfolg vor allem deshalb verbuchen, weil die Bevölkerung glaubt, dass diese Partei über jahrelange Leitungserfahrung verfügt und die Zeit in der Opposition genutzt hat, für die Bürger attraktiver zu werden. Die Leute wollen Ordnung und Transparenz.

Nun haben die Jungdemokraten dem Land eine ökonomische Schocktherapie verordnet. Welche Alternative bieten die neuen Machthaber?

Sie haben keine Alternative. Die Volkspartei wird das Reformprogramm weiterführen müssen. Etwas langsamer vielleicht und mit stärkerem Gewicht auf eine bessere Sozial- und Bildungspolitik. All das funktioniert aber nur bei einer stabilen Wirtschaft. Dazu braucht es Investitionen, vor allem in der Infrastruktur. Die aber lässt sich nicht von heute auf morgen aus dem Boden stampfen. Man wird sich also auf einen längeren Weg einlassen müssen, der auch mit Einschnitten für das Volk verbunden sein wird. Anders geht es nicht.

Welche Rolle kommt da den NGOs zu?

Die meisten engagieren sich primär im sozialen Bereich, arbeiten für Straßenkinder, machen sich für soziale Randgruppen stark. Ich selbst betreue für eine kleine italienische NGO ein basisorientiertes Rehabilitationsprogramm für Behinderte. Ein absolut weißer Fleck in der mongolischen Soziallandschaft. Wir kümmern uns hauptsächlich um die Weiterbildung von Ärzten und Lehrern, um integrierte Schulbildung, um Berufsausbildung und die Vergabe von Kleinkrediten. Was Behinderte vom Staat an Rente kriegen, ist viel zu wenig. Die sechs bis zwölf Dollar im Monat reichen selbst auf dem Land nicht.

Könnte die Mongolei ohne diese Art externer Sozialhilfe existieren?

Das Land würde sicherlich funktionieren. Aber die NGO's haben einen großen Anteil daran, den Leuten die neue Zeit zu erschließen. Da geht es auch um Wissensvermittlung: Was ist der Staat, was ist Demokratie, welches sind meine Rechte? Das wird nicht nur von den Betroffenen, sondern inzwischen auch von der Regierung honoriert.

Weil die NGOs den Staat entlasten ...

Ja, auch. Der Staat verlässt sich ein bisschen darauf. Unsere Organisation ist die einzige im ganzen Land, die sich um Behinderte kümmert. Im Gesundheitsministerium werden schöne Pläne erarbeitet, man hat aber nicht die Mittel, diese auch umzusetzen. Verantwortlich sind dann immer wir. Das sprengt oft den Projektrahmen und wir müssen dann darauf hinweisen, dass wir zwar helfen, aber nicht die soziale Probleme der Mongolei lösen können.

Das Gespräch führte Torsten Wöhlert

(*) UN-Entwicklungsprogramm

 
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