
Die Rechte hat die Insignien einer Jugendbewegung abgelegt und trifft auf gelassene Gleichgültigkeit bis unverhohlene Sympathie
Vor einigen Wochen stolperte ich in eine Art Gespräch mit der Sprechstundenhilfe meines Zahnarztes. Ich kannte sie schon eine Weile, meiner angegriffenen Zähne wegen. Bis zu jenem Nachmittag war sie mir eine kleine Hilfe gegen meine Furcht gewesen. Wir sprachen angenehm über Belangloses, so dass mir die Zeit kurz wurde. Ich betrachtete sie in altmodischer Manier als einen »anständigen Menschen«. Gerade hatte die hauptsaisonale Urlaubszeit begonnen, und so drehte sich unsere Plauderei um das Naheliegende. Sie informierte mich darüber, dass Deutschland schön sei, insbesondere das ostdeutsche Umland, seine Seen, Berge und das Meer. Ich sprach von einer Polenreise und meinen damaligen Erfahrungen mit polnischen Jugendlichen. Tatsächlich hatte ich mit einigen von ihnen, die mich offenbar für ein deutsches Mädel hielten, teils starke Erlebnisse. Manche begegneten mir mit herablassendem Spott, andere mit direkter Aggression. Einmal wurde ich in einer Art symbolischer Steinigung mit Kieseln beworfen. Die Werfer unterstrichen ihre Handlung mit dem Ruf »Nazisau!«
Davon erzählte ich aber nichts, sondern beließ es dabei, meiner Gegenüber von der Spannung zu berichten, und wie unangenehm mir die beinahe unterwürfige Freundlichkeit mancher älterer Polen gewesen sei. Mit ihrer Entgegnung legte sie ein umfassendes Zeugnis ab. Die Freundlichkeit jener Polen, die »dabei gewesen» waren, so behauptete sie, erkläre sich aus deren Erfahrungen, die diese damals mit den Deutschen gemacht hätten. Die »wissen nämlich, dass das alles gar nicht so schlimm gewesen« sei. Die jungen Leute hingegen ließen sich bloß von ewigen Schwarzsehern etwas einreden. Sie beendete ihren kleinen Vortrag mit der mittlerweile notorischen Phrase, dass es ohnehin und für immer genug gewesen sein soll. Nicht nur für sie war und ist es bereits beim allerersten Wort schon immer zu viel gewesen.
Nun war ich selbst an der Ostseeküste. Ich habe im »entzückenden Fischerdorf» Rerik gewohnt, außerdem Kühlungsborn, Neubuckow und Rostock besucht. Ich behaupte, dass das, was ich gesehen habe, der Sprechstundenhilfe weder Furcht noch Freude eingeflößt hätte.
Die braune Krawatte auf dem Weg ins Einkaufsparadies
Ich habe fünf junge Nationalsozialisten in einen schwarzen Golf steigen sehen. Ihre Gesichter waren frisch, ihre Freizeituniformen gepflegt, ihr Gebaren entschlossen und lässig zugleich. Ich habe Glatzen gesehen, die in einem Supermarkt Stoff einholten für den späteren Abend. Eine Frau mittleren Alters, aber in hochwertiger Garderobe, fragte mit sanfter Höflichkeit, ob die Jungs sie vorlassen könnten. Hätte sie schwer zu tragen gehabt, so würden die beiden zu Pfadfindern mutiert sein. Ich habe eine fröhliche Runde von Kadern gesehen, in einem guten Lokal, in weiblicher Begleitung an einem lauen Sommerabend. Ohne die Zeichen und Symbole ihrer Mission wären sie nicht zu unterscheiden gewesen von den anderen. Ich habe eine junge Funktionärin gesehen, hellbraunes Hemd, braune Krawatte, auf ihrem Weg in ein Einkaufsparadies. Ein teurer Anzug, darin ein fein parfümierter Körper, saß mir gegenüber. Die Hemdsärmel durch feine Manschettenknöpfe gehalten, endeten in einer Hand, an deren Finger ich einen Ring entdeckte. Die Gravur zeigt das Knielaufschema, besser bekannt unter dem Namen »Hakenkreuz«. In Rostock habe ich schließlich nichts anderes mehr gesehen. Bloß Varianten des Gleichen.
Anderen Urlaubern und den Einheimischen sind die Protagonisten der jungen Bewegung nicht aufgefallen. Stattdessen spürten mein Freund und ich die scharfen Blicke, dieses kaum spezifische Missfallen, weil der Falsche von uns lange Haare trägt, weil das Lesen einer bürgerlich-liberalen Zeitung bereits ein Grund für Misstrauen bedeutete. Weil wir am Tisch über das sprachen, worüber ich hier schreibe. Die Beklemmung, die ein gegen die eigene Person gerichtetes Ressentiment erzeugt, hat uns in dieser »Urlaubswoche« fast nur verlassen, wenn wir uns in einer Landschaft ohne Menschen aufhielten. Einmal noch saßen wir in einem Restaurant neben einem schwulen Paar. Wir haben uns immer wieder angeschaut und einander zugelächelt. Für eine kurze Zeit fühlten wir uns behütet durch unser solidarisches Wissen umeinander. Und einmal hat uns eine fahrende Gesellin aus einem anfahrenden Zug zugewunken als seien wir ihre Freunde, von denen sie Abschied nimmt.
Noch etwas anderes ist von Interesse. Und es liegt im Offenbaren. Die neofaschistische Szene in den relativ wohlhabenden Regionen der Ostseeküste hat ihren subkulturellen Charakter verloren, ohne dadurch ihre Attraktivität einzubüßen. Im Gegenteil. Ihr fehlt im Unterschied zu vielen anderen Jugendbewegungen die alternative Geste, der Widerstand gegen die Erwachsenennorm, die Rebellion gegen Hygienismus, Kleiderordnung, pragmatisches Denken, Sprechverbote oder moralische Tabus.
Bis in die achtziger Jahre war der politisch-ästhetische Widerstand von einem links-emanzipativen Umfeld ausgegangen. Dessen ehemalige AktivistInnen haben sich inzwischen von ihren politischen Programmatiken getrennt und deklarieren Forderungen als erfüllt, bloß weil sie selbst kein Interesse mehr an ihrer Durchsetzung haben. Alternativlosigkeit als fortgeschrittenes Resultat realistischer Anpassung ist besonders ungeeignet, dem »rechten Weltbild« entgegen zu treten. Stattdessen hat sich eine strenge Skepsis gegenüber Intellektuellen ausgebildet, häufig gleichzeitig verbunden mit der Weigerung, linke Theorien weiterhin auch nur zu diskutieren. Tatsächlich hat sich die Rede vom »ewig Gestrigen« von rechts nach links verlagert. Ideologisch gilt, dass alle die volle Entscheidungsgewalt über das eigene Leben haben. In Wirklichkeit sind sie umstellt vom Zwang zur Disziplinierung, Anpassung und der Notwendigkeit zur Selbstausbeutung. Dieser Abgrund zwischen Behauptetem und Realem wird zu Recht als Betrug empfunden, um den sich die offizielle Politik nicht im mindesten kümmert. Der Staat schiebt seine bloß eingebildete oder wirkliche Schwäche vor und entbindet sich so von einer Verantwortung, die er an anderer Stelle als Macht ausübt. Sei es in der Verschärfung der so genannten Ausländergesetzgebung, der restriktiven Handhabe in Fragen des Asylrechts oder der Durchsetzung von Reformen, die ganz offensichtlich zu Lasten der Schwächeren gehen.
Die junge faschistische Rechte profitiert von dieser Entwicklung. Ihre Mitglieder leben schon immer das Falsche im Falschen, wodurch es im Auge des Betrachters allemal richtig wird. Entscheidend ist die Beschaffenheit des Betrachters. Auf unserer Reise sind wir sehr verschiedenen Sozialtypen - früher hätte man gesagt politischen Klassen - begegnet. Man darf nicht glauben, dass bloß der »faschis toide Kleinbürger« seine geheimen Wünsche artikuliert findet. Auch die vielbeschworene Mitte erlebt Bedrohungen, auf die sie mit dem Bedürfnis nach schuld- und sühneloser nationaler Identität reagiert. Schon längst nimmt kaum jemand ernstlich Anstoß an einer Rede, wonach ein starkes Nationalgefühl eine Souveränität nach sich ziehe, welche wiederum ein Schutzschild gegen nationalistische Aggression und damit Voraussetzung für europäische Völkerverständigung sei.
Der freie Kamerad - für die einen mutiges alter ego, für andere kleiner Bruder
Das von uns beobachtete ausnahmslos selbstbewusste Auftreten der Neofaschisten, gleichgültig ob sie als Gruppe oder Einzelne in Erscheinung traten, verdankt sich dieser politischen Atmosphäre. Sie spüren, dass ihre Gesinnung auf große Nachgiebigkeit, gelassene Gleichgültigkeit oder kaum verborgene Sympathie stößt. Die Szene hat auf Kritik ordentlicher Bürger reagiert und ihr Image zum Teil verändert. An die Stelle des ungewaschenen Bürgerschrecks und sozialen Verlierers ist eine Selbstdarstellung getreten, die besagt, dass die Proklamation und tätliche Durchsetzung nazistischer Ziele nicht Folge einer Notwehr sind, sondern das Ergebnis einer freien Entscheidung. Gepflegte Garderobe, höfliche Umgangsformen und die Vermittlung des Eindrucks von stetiger Tätigkeit sind Mittel dieses Imagewechsels. Das - nicht die rebellische Bonzenfressallüre - fördert die Möglichkeit zur Identifizierung. Für den sich übervorteilt und gefährdet fühlenden Kleinbürger wird der freie Kamerad eine Art mutigeres alter ego. Für die anderen, die in eigentlich rundweg gesicherten Lebensverhältnissen leben, aber diese nur durch überfordernde Selbstausbeutung halten können, ist der Neofaschist wie ein kleiner Bruder oder jüngerer Freund, für dessen Eskapaden man Verständnis hat. Und ihn nur zu seinem eigenen Schutz milde ausschilt.
Wie sagt ein neues deutsches Sprichwort: Hauptsache, gut gemacht. Und gut gemacht haben sie es bislang, die (auf)rechten Bank kauflehrlinge, Kfz-Mechaniker, Bäckergesellen und BWL-Studenten. Sie sind Teile eines Randes, der schon längst bis zur Mitte reicht. Und umgekehrt.
Brankica Becejac ist Schriftstellerin und lebt in Berlin-Kreuzberg