Kultur

SLOTERDIJK ÜBER NIETZSCHE | 08.09.2000 | Michael Jäger

Ungeheure Tatsachen

Auf den Appell des Anderen zu hören, wäre »alteuropäisch«

Vor einem Jahr glaubte Peter Sloterdijk, seine Zucht-«Regeln für den Menschenpark« vorschlagen zu dürfen; er erntete einen Sturm der Empörung. Die Nietzsche-Rede, die er jetzt gehalten hat, findet kaum Resonanz. Aber immerhin wurde sie von der FAZ veröffentlicht und ist dort in eine futuristische Debatte über das Ende des Menschen und den Aufstieg des intelligenten Roboters eingebettet. In der Nietzsche-Rede findet sich ein Passus, der Sloterdijks vorausgegangenen »Menschenpark«-Vorstoß gewissermaßen rechtfertigt. Es war da um eine moderne Tendenz gegangen, die der Philosoph sich ja nicht ausgedacht, sondern nur eben zu »regeln« unternommen hatte; und »ist Modernität«, schreibt er nun, »nicht bestimmt durch ein allem vorauslaufendem Bewusstsein von ungeheuren Tatsachen, gegenüber denen das Reden von Künsten und Menschenrechten immer nur eine Kompensation und eine Erste Hilfe darstellt?« Statt von vorauslaufendem Bewusstsein würden andere von voraus eilendem Gehorsam sprechen. Nietzsche aber ist »der paradigmatische Denker der Moderne, sofern sich diese durch die Unmöglichkeit definiert, das Reale durch kontrafaktische Korrekturen einzuholen«. Wir lassen uns durch die Denunzierung der Kritik nicht einschüchtern. Sloterdijk hat erneut einen hochproblematischen Vorstoß unternommen. Wie kommt er dazu, sich aus Anlass von Nietzsches Geburtstag über »Selbstdesign«, »profitable Nachrichten« und die Erzeugung von »Hochgefühlskollektiven« zu verbreiten?

Wir erinnern uns zunächst der Elemente bei Nietzsche selber, auf die Sloterdijk Bezug nimmt. Nietzsche war der Sohn eines Pfarrers und verkündete den Tod Gottes. Er wollte der nihilistischen Konsequenz dieses Ereignisses entgehen, die ihm die »ins Nichts rollende« Wissenschaft vor Augen führte. Der Mensch des wissenschaftlichen Zeitalters war zum »Tier, ohne Gleichnis«, mit »durchbohrendem Gefühl seines Nichts« geworden. Dem Christentum zufolge, wie Nietzsche es verstand, würde nach dem Leben noch etwas kommen und zwar das Eigentliche; der Wissenschaft zufolge nicht, aber in ihr war die Entwertung des Lebens nur noch gesteigert, da sie nicht nur kein jenseitiges, sondern überhaupt kein Lebensziel mehr setzte. Gegen diesen nihilistischen Sog lehnte Nietzsche sich auf und wollte ihn mit der bedingungslosen Bejahung des Lebens bekämpfen.

Was konnte es aber heißen, das Leben zu bejahen? Nietzsche zeigte es in einer Art Gedankenexperiment, der »ewigen Wiederkehr des Gleichen«: Angenommen, ein Leben in all seinen Momenten würde unendlich oft wiederholt, wäre man imstande, es dann immer noch zu wollen? Man müsste auch die schlimmen, hässlichen und »ekelhaften« Momente, an denen kein Leben vorbeikommt, in einen solchen Willen miteinbeziehen, also bereit sein, auch sie endlos immer und immer wieder zu erleben. Das war so schwer, dass es nur einem »Übermenschen« gelingen konnte. Der Übermensch war Nietzsches Ausweg aus dem Nihilismus-Problem. Von hier an dachte er elitär weiter. Der Übermensch war nicht einfach die Projektion einer neuen, illusionsloseren Stufe der Menschheitsentwicklung, sondern mit ihm würde die Entwicklungslinie der Starken fortgesetzt, die es, angefangen mit den sprichwörtlichen »blonden Bestien« der Vorzeit, schon immer gegeben hatte. Sie waren aber im Zeitalter der traditionellen, vor allem christlichen Moral von einem Bündnis der Schwachen egalitär gezähmt und so an der freien Entfaltung gehindert worden. Der Weg zum Übermenschen bedeutete den Bruch mit dieser Zähmung.

Die antiegalitäre Wendung rechtfertigte Nietzsche damit, dass es ja eben um das Leben ging. Wenn man studierte, was das Leben eigentlich war, machte es eben gar keinen egalitären Eindruck, sondern den eines struggle for life mit Siegern, die, um immer siegreicher zu werden, immer noch weiterkämpfen mussten. Woraus Nietzsche den Schluss zog, dass das Leben auf »Steigerung« angelegt war. Was er als Elite vorzeichnete, war nicht Elite um ihrer selbst willen, sondern hatte dem Leben zu dienen, das heißt sie musste in der Spanne ihres Wegs in den Untergang, als welche sich kämpfendes Leben darstellt, kreativ über sich selbst hinauswachsen. Den Schwachen hatte sie nicht zu dienen, im Gegenteil. Deren Zusammenschluss war ja gegen die Steigerung der Starken, somit gegen die Tendenz des Lebens gerichtet - sie waren die Verneiner des Lebens, von ihnen ging, geboren aus dem »Ressentiment«, das sie gegen die Starken hegten, der Nihilismus aus! Nicht zuletzt sie waren zu bekämpfen, ja dieser Kampf gegen ihre egalitäre, lebensverneinende Moral war überhaupt der härteste von allen. Die Spitze ihrer falschen Moral war aber das Christentum. Den christlichen Gott hatte die Wissenschaft zwar obsolet gemacht, die Herrschaft der christlichen Moral aber keineswegs gebrochen; Nietzsche las das besonders an der zeitgenössischen sozialistischen Bewegung ab. Da es sich um diesen Gegner handelte, verfiel er auf den Gedanken, sein Werk als alternatives »fünftes Evangelium« und sich selbst als alternativen Christus zu stilisieren - »Dionysos gegen den Gekreuzigten« -, ja er meinte sogar, von ihm ginge nun auch eine neue Zeitrechnung aus wie einst von Christus.

Wie taucht das bei Sloterdijk auf? Wenn je gesagt werden kann, dass jemand etwas auf den Kopf stellt, dann hier. Die Bejahung nicht nur des Lebens, sondern zuletzt seiner selbst als einer Person, die so bedeutend wie Christus zu sein glaubt - beides ineins gedacht: die Bedeutung seiner Person als eines besonders starken Exemplars des Lebens, weshalb er seinen Lesern zum Beispiel mitteilt, wie gesund die Kost sei, von der er sich ernähre -, sie ist in Nietzsches Werk in jedem Sinn des Wortes das Letzte. Danach kam nur noch der Wahnsinn. Wenn man von diesem Ende her zurückblickt, sieht man eine Reihe von Gedankenschritten, die bei jeder Wegkreuzung auch anders hätten fortgesetzt werden können. Der »Übermensch« aus Also sprach Zarathustra musste nicht zur »blonden Bestie« der Genealogie der Moral werden. Es war aber auch nicht notwendig, die Stärke der Eliten, die es historisch gegeben hatte, mit dem zeitgenössischen Vitalismus als Stärke »des Lebens« zu bestimmen. Und es war das Verständnis »des Lebens« vor darwinistischem Hintergrund mit der Konsequenz, dass Nietzsche schließlich über reinrassige Menschenzüchtung nachdachte, ein allenfalls von der Zeit, aber nicht von der Sache bedingter Zwang.

Am Anfang wollte er das Leben bejahen können, obwohl es rätselhafter- und unerträglicherweise »ins Nichts rollte« - am Ende war er so weit gekommen, seine private Ernährung zu »bejahen«!

Man könnte doch denken, dass ein Philosoph, der heute auf diesen Weg zurückblickt, die vitalistische und darwinistische Dimension von ihm abzustreifen sucht, um das immer noch Interessante und vielleicht noch heute Weiterführende an ihm zu entdecken. Aber nein - Sloterdijk beginnt mit dem Ende: Nietzsche hat seine lebendige Privatperson bejaht! Er hat sich gelobt. Und die Menschen vor ihm haben das nicht getan. Jedenfalls nicht so. Und darin sollen sie ein Problem gehabt haben, das Nietzsche nicht mehr hatte! Mit ihm beginnt das Zeitalter des Paradieses, nämlich der Werbeagenturen, für deren Werte - »Selbstdesign« - Sloterdijk nicht etwa die Trommel rührt; nein, er beansprucht zu wissen, dass die Menschheit nie andere hatte und es nur nicht immer zugab.

Da er die Sache auf den Kopf stellt, muss er das, was bei Nietzsche dem Selbstlob begründend vorausgeht, als erstaunlichen Nachtrag einführen. Ja, dass Selbstlob eine gute Sache ist, verstand sich immer von selbst - er redet nur zu solchen, die das undiskutiert klar finden -; aber nun muss Nietzsche und jeder, der ihm folgt, einen Preis dafür entrichten. Er macht die Augen auf und sieht, dass er sich da das Nihilismus-Problem eingehandelt hat. Denn sein Selbstlob muss das mögliche Gefühl der eigenen Nichtigkeit aufwiegen können. Zu diesem Zweck muss er höchst kreativ sein. Sein Leben auf Steigerung anlegen. Und das können immer »nur Wenige«! So führt unser Zeitgenosse Sloterdijk die elitäre Konzeption, Nietzsches Hass auf die traditionelle und christliche Moral inbegriffen, fraglos zustimmend wieder ein.

Dies nun aber nicht als Behauptung, die unter dem Begründungsgebot stünde, sondern als Diskurs, so dass es nicht gelingen kann, den Autor auf irgendeine Äußerung festzulegen. Der Rede-Text tastet sich in mal offen brutale, dann wieder närrisch harmlose Richtungen vor; jeder darf sich bedienen, der Narr wie der Brutale, und Sloterdijk braucht nicht einmal seine Hände in Unschuld zu waschen, da sein Diskurs solch »alteuropäisches« Zeug wie Schuldfragen gar nicht mehr zulässt. So steht unmittelbar neben der »Voraussetzung, dass nur wenige Individuen kreativ und steigerungsfähig wären«, im selben Satz die ganz andere Voraussetzung, dass die erforderte Kreativität überhaupt niemandem zu eigen sei. Dann heißt es aber wieder: »Wenn das Leben sich auf seine hohen Möglichkeiten zu gesteigert hat, kann sich das Eigen-Lob nachträglich analog entfalten.« Und gleich darauf die nächste Kehrtwende: das Eigenlob ist eigentlich ein Fremdlob! Man stellt es sich als Wollen vor, aber »Wille ist nur eine Redensart, es gibt nur Vielheiten von Kräften, Reden, Gebärden und ihr Sichkomponieren unter der Regie eines Ich, das sich bejaht«.

Also begreifen Sie doch: Wenn ein Ich »Regie« führt, heißt das nicht, dass es etwas will. Na, oder denken Sie bei »Regie« an Ihren Willen, nennen es aber nicht so. Wenn Sie den Willen nun aber unbedingt »Willen« nennen wollen, kommt es aufs Gleiche hinaus. Machen Sie, was Sie wollen!

Loben Sie das Fremde, indem Sie sich selbst loben, oder greifen Sie Andere an, indem Sie ihnen vorwerfen, ihr Fremdlob sei eine »Entselbstungsmoral«.

Seien Sie kreativ oder sagen Sie sich, dass es unmöglich ist, kreativ zu sein.

Sie können gleichzeitig elitär sein und mit gutem Gewissen abstreiten, dass so etwas wie Elite überhaupt denkbar ist.

Da sind viele Stützen, auf denen hin- und herspringend Sie einsickern oder ausweichen können. Wichtig ist nur, dass Sie den Feind kennen: die »Schlechtrede-Systeme«, die »der Weltverleumdung seitens der Zukurzgekommenen« dienen. Kümmern Sie sich nicht um diese, lehnen Sie deshalb auch jene »alteuropäische« Sprachauffassung ab, die sich von unserer selbstlobenden »Linguistik des Jubels« so un-»profitabel« abhebt, indem sie - was könnte es Absurderes geben - »das Sprachgeschehen als Antwort« beschreibt, »die durch den Appell des bedürftigen Anderen an mich hervorgerufen oder verweigert wird«.

Einen Scheiß auf Bedürftige!

Mit der Verwendung des Ausdrucks »Alteuropa«, der so etwas wie ein Schibbolet ist, gibt Sloterdijk zu erkennen, dass er sich zur Schule der sogenannten Systemtheoretiker zählt. Man findet ihn ständig bei Luhmann, der ihn auch genauso einsetzt: nicht mit Argumenten zeigt er, dass seine Erkenntnisauffassung anderen Erkenntnisauffassungen überlegen sei, sondern mit dem totschlagenden Hinweis auf deren »alteuropäischen« Charakter. Auch die bei Sloterdijk beobachtete Taktik, statt ernstgemeinter einzelner Behauptungen gleich einen ganzen Diskurs zu geben, findet in Luhmann, der nicht nur ein paar Bücher, sondern praktisch eine Bibliothek veröffentlicht hat, ihren Meister. Aber es ist auch tatsächlich die systemtheoretische Doktrin, die Sloterdijk von der Soziologie in die Philosophie überführt. Dadurch erklärt sich seine Perspektive des Selbstlobs, die auf den ersten Blick so verrückt erscheint, weil sie bei Nietzsche tatsächlich der Weg in den Wahnsinn gewesen ist. Das System der Systemtheoretiker ist eine nach außen insofern absolut abgedichtete Entität, als es alles ihm Zustoßende nur als Selbstbestätigung und -steigerung verwerten kann. Die Möglichkeit totaler Selbstkorrektur wie der, die dem König Ödipus zugestoßen ist - er wollte den Mörder suchen und töten und begriff, dass er es selbst war -, wird von der Systemtheorie ins Reich der Fabeln verwiesen. Sloterdijk übersetzt diese »gute Nachricht« in griffige philosophische Floskeln.

So versteht man erst seinen tragenden Spruch, dass »die Menschen die Sprache haben, um von ihren Vorzügen reden zu können« statt etwa von Auschwitz. Zunächst beruft er sich auf Marshall McLuhan: Verständigungen zwischen Menschen in Gesellschaften haben einen »autoplastischen Sinn«, das heißt sie »prägen ihnen die Rhythmen und Muster ein, an denen sie sich erkennen«. Dann der Gewaltschritt: die »Erkennungsmelodien« sind »schon meist die ganze Sendung«. Und es folgt jener Spruch. Systemtheoretikern wird er einleuchten, anderen Sterblichen nicht. Also noch einmal: die Redundanz der Sprache dient dem Sprechenkönnen; daraus soll die Umkehrung folgen, dass das Sprechenkönnen der Redundanz der Sprache dient; und warum diese Redundanz: natürlich damit wir uns selbst loben können. Hat das McLuhan geschrieben? Ist das der Ertrag, für den Nietzsche gelitten hat? Nun, so ganz ernsthaft wird es ja gar nicht behauptet. »Ich unternehme im folgenden den Versuch«, schreibt Sloterdijk nur, »Nietzsches Sprachidee, von der er selbst nur erste Anfänge skizzierte, aufzunehmen, um sie von einem zeitgenössischen Standort aus in die Zukunft zu verlängern«.

Das kommt gestelzt wie die Meistersinger-Ouvertüre daher, weil es wie diese Hohn ist. Hohn auf »alteuropäische« Regeln des Argumentierens. Wer in Sloterdijks Text Behauptungen widerlegen wollte, würde nur zeigen, dass er in der von ihm vorgesungenen »Erkennungsmelodie« nicht mitschwingt. Er würde buchstäblich in die Falle gehen: dem Philosophen nicht folgen können, ihn also allein lassen bei der sprachlichen Vorbereitung jenes »Hochgefühlkollektivs«, das seine erwählten Teilnehmer schon auch so finden wird und Einige, einen harten Kern, sicher längst gefunden hat. Da könnte Sloterdijk sich einmal wirklich auf Nietzsche berufen: »Ein Licht ging mir auf: nicht zum Volk rede Zarathustra, sondern zu Gefährten!« Sich da abzuwenden wäre gefährlich. Beobachtung ist besser.

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