Kultur

AUF DEM SCHMALEN GRAT ZWISCHEN LEBEN UND TOD | 13.10.2000 | Thomas Kraft

Nichts weiter als ein kurzes Sehnen

Halina Poswiatowskas autobiographisches Buch »Erzählung für einen Freund«

Es gibt literarische Texte, die sich ungeachtet ihrer ästhetischen Qualität literaturkritischen Parametern entziehen. In ihnen blitzt eine Form von Authentizität auf, die bekenntnishafte, intime Züge in sich trägt und so offen Angriffsflächen bietet, dass sich umgehend Beißhemmungen einstellen. Zuweilen wünschte man sich, dass diese Entblößungen privat blieben. Nicht jeder Narzismus ist bereits abendfüllend, nicht jede voyeuristische Lust muss mit einer chronique scandaleuse bedient werden. Glaubwürdigkeit ist in diesem Kontext zum Prädikat avanciert; die Zahl der Memoiren, Tagebücher und (Auto-) Biographien längst Legion. Das anhaltende Interesse der Leser an besonderen Lebensläufen legt die Vermutung nahe, dass im Gleichlauf aller Tage und unter der Berieselungsanlage unserer bunten Welt nur noch das Extreme, das hochgradig Individuelle auffällt und Neugierde weckt. Alles andere ist so nahe gerückt, scheint für jeden erreichbar und machbar.

Wenn nun ein Buch wie Halina Poswiatowskas Erzählung für einen Freund als »Roman« angekündigt wird und sich bei der Lektüre als weitgehend autobiographischer Text in tagebuchähnlicher Form entpuppt, kann man diese Verwirrung vernachlässigen. Philologische Krämereien sind hier fehl am Platze. Folgt man dem Nachwort und der biographischen Notiz am Ende des Buches, wird deutlich, wie stark sich dieser Text an die Lebensgeschichte der polnischen Autorin anlehnt. Die Stationen und Umrisse dieses kurzen Lebens sind im Handlungsverlauf deutlich wiederzuerkennen.Innenschau, Zwischentöne und Kommentare der Ich-Erzählerin reichern den autobiographischen Handlungskern an, verfremden ihn mit kleinen Volten in der Chronologie, ermöglichen die notwendige Distanz, die die Erzählerin zu ihrem Stoff gewinnen will.

Halina, 1935 in einer polnischen Kleinstadt geboren, erkrankt während des Zweiten Weltkrieges an einer eitrigen Mandelentzündung, die nicht umgehend behandelt wird und erleidet dadurch eine Herzmuskelentzündung. Monatelange Aufenthalte in polnischen Krankenhäusern und ständige Bettlägerigkeit bringen keine gesundheitliche Verbesserung. Permanente Schwächeanfälle, verbunden mit Atemnot und Fieberattacken, isolieren das junge Mädchen. Das Glück, zur Schule gehen zu dürfen, währt nur kurz. Sie liest viel, beginnt selbst Gedichte zu schreiben. Einmal besucht sie einen »Abend der Kreispoesie« und stellt ihre Texte vor. Unter den Zuhörern ist ein junger Mann, der eine schwarze Brille trägt. Während die anderen Männer die junge Frau aufdringlich taxieren, hat er »das Zittern meiner Stimme gehört und erraten, dass sich unter den Worten Verzweiflung und Auflehnung verbargen«. Er wird nicht mit ihr ins Kino gehen, denn er ist blind. Aber er wird ihr ein Leben lang ein treuer Freund und Zuhörer sein, sie wird ihm viele Briefe schreiben und eben auch diese »Erzählung«, wie sie es selbst nennt. Sie kann seine Liebe nicht erwidern, im Gegenteil. Sie schwärmt für seinen dunkelhaarigen Freund, der einige Male mit zu Besuch kommt. Und als sie mit 18 Jahren, damals noch mit ihrem Mädchennamen Helena Myga, in einem Warschauer Sanatorium einen jungen Studenten kennenlernt, heiratet sie ihn schon nach wenigen Monaten. Beide fassen neuen Lebensmut, er will »sie Freude lehren«, doch schon nach zwei Jahren Ehe, in denen sie durch Studium und Krankheit häufig getrennt sind, stirbt er, der entbehrungsreich auf eine gemeinsame Zukunft hin gearbeitet hat, an einem Herzinfarkt. Halina verfällt durch diesen weiteren Schicksalsschlag in Apathie und Depression. Doch der unermüdliche Optimismus eines Krakauer Professors verleiht ihr neue Kräfte. Als sich die Möglichkeit einer Operation im Ausland eröffnet und sich Menschen bereitfinden, diesen teueren Eingriff und die Reise in die USA zu finanzieren, tritt Halina eine Schiffsfahrt nach Montreal an, um von dort aus in die Spezialklinik nach Philadelphia zu fliegen.

Die Operation am offenen Herzen, ein für damalige Verhältnisse, 1958, noch riskanter Eingriff, verläuft gut. Halina, mittlerweile zur Symbolfigur polnischer Gemeinschaft avanciert, entwickelt »neuen Hunger« und will Amerika für sich entdecken. Ihre Wohltäter fordern ihre Rückkehr nach Polen und geben erst klein bei, als Halina nach zweimonatiger Wartezeit drei Zusagen für ein College-Stipendium erhält. Sie macht neue Bekanntschaften, lernt Englisch, entdeckt New York für sich, lebt ein neues Leben. Am Smith College in New England findet sie freundliche Aufnahme und entwickelt sich trotz einiger Anlaufschwierigkeiten zu einer fleißigen und guten Studentin. Sie besucht wieder New York, in das sie sich verliebt hat, die Sommerresidenz des College und schließlich mit einigen Kommilitoninnen Florida. Nach den Abschlussprüfungen verzichtet sie auf die Möglichkeit eines Universitätsstudiums und kehrt, von Heimweh erfüllt, nach Polen zurück. Damit endet der Roman.

Dem Nachwort ist zu entnehmen, dass sie nach ihrer Rückkehr ein Philosophiestudium in Krakau aufnimmt und später dort als Dozentin arbeitet. Sie veröffentlicht zwischenzeitlich drei Gedichtbände, Reisereportagen und die Erzählung Der blaue Vogel. Der nun erstmals in deutscher Sprache vorliegende Roman erscheint 1967 in Krakau. Im gleichen Jahr stirbt Halina Poswiatowska nach einer zweiten Herzoperation in Warschau. Postum erscheinen weitere Gedichte, eine Erzählung und ein Theaterstück. In Polen ist sie zuletzt mit einer vierbändigen Gesamtausgabe geehrt worden.

»Die Begebenheiten«, schreibt Halina Poswiatowska an ihren blinden Freund (der wirklich existiert hat), »von denen ich dir erzählen will, kennst du ebenso gut wie ich, meine Worte sollen nur als Wegweiser dienen, der dich in eine bekannte Richtung führt. Gib mir deine Hand, wir werden unsere gemeinsamen Spuren zurückverfolgen, erlaube mir, daß ich dich noch einmal führe.« Ja, die Richtung ist bekannt, auch der Leser wird an die Hand genommen, mit bewegenden, sehr offenen Worten wird über Angst und Einsamkeit, über den schmalen Grat zwischen Leben und Tod gesprochen. Gefühle der Fremdheit und Verzagtheit, das Schicksal anderer Patienten, die vielen Krankenhäuser mit ihren langen Fluren, Isolierzimmern und Tragen, das kleine, verzweifelt pumpende Herz, schnell ermattend und doch so lebensfroh, das Tanzen, Flirten und Verliebtsein, die Verbote und Verzichte und immer wieder diese große Angst: »Immer öfter denke ich darüber nach, daß es vielleicht besser wäre, wenn ich es nicht schaffen würde. Denn weißt du, wenn ich wieder werde atmen können, dann werde ich leben müssen, und ich habe so große Angst vor dem Leben. Ich habe mich nicht angepaßt, all diese Krankenhäuser haben bewirkt, daß ich Kiemen habe statt Lungen, und vielleicht werde ich genau dann Atemnot bekommen, wenn ich wieder atmen kann.« Zuversicht wechselt mit trüben Gedanken, das lange Warten, und doch so wenig an Selbstmitleid, eine sehr klare Sicht, manchmal lapidar und erschöpft, doch immer aufmerksam und wach. Nichts wird geschönt, die Hilflosigkeit, die dunklen und trostlosen Nächte, die Veränderungen des kranken Körpers. Dazwischen immer der Augenblick, der entschädigt, der ganz intensiv wahrgenommen wird und wirkt, der durchsichtig und weitsichtig macht, der gefeiert wird als Monument des Lebens, als ein großes Geschenk. Keine Trägheit des Herzens lähmt, im Gegenteil, die Liebe hebt über vieles hinweg. Und sie ist es, trotz mancher Enttäuschung, immer wieder wert. Hier liebt jemand das Leben und lebt die Liebe, wenn es möglich ist. Der Tod, der stets über die Schulter schaut, wird für einen Moment abgeschüttelt, vergessen ist er nie. Welche enorme Kraft, die sich in diesen Aufzeichnungen offenbart! Der Mensch ist für Poswiatowska »nichts weiter als eine Möglichkeit, ein kurzes Sehnen, das in seiner Intensität verglüht und niemals und in nichts seine Erfüllung finden soll«.

Diese Krankengeschichte in Briefen an einen Freund ist ein Buch des Abschieds und der Sehnsucht zugleich. Der Tod ist final, er ist dem Leben eingeschrieben, er ängstigt und macht einsam. Und doch, so möchte man die Stimme der Autorin vernehmen, ist er überwindbar in dem Moment, in dem die Sehnsucht ihre Erfüllung findet. Fragen nach der Nähe oder Ferne der Autorin zum Text erledigen sich vor diesem Hintergrund. Konsequent hat sie zudem auf eine Chronologie des Geschehens verzichtet. Die Verschränkung der Augenblicke und ihre erinnernde Vergegenwärtigung im Spiegel der Herzens hat in diesem außergewöhnlichen Lebensdokument eine hohe Ausprägung erfahren.

Halina Poswiatowska: Erzählung für einen Freund. Roman. Aus dem Polnischen von Monika Cagliesi-Zenkteler. Piper, München 2000. 240 Seiten, 36.- DM

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