Kultur

NEUE VERSÖHNUNGSFORMEL | 17.11.2000 | Tom Mustroph

Sturzgeburt eines Begriffes

Nach Emanzipation, Gleichstellung und Mainstreaming heißt es jetzt »Geschlechterdemokratie«

Keine gravierenden Unterschiede in den Zukunftserwartungen von Jungen und Mädchen stellt die jüngste Shell-Jugendstudie fest. Die Differenzen der Mädchen untereinander seien größer als die zu gleichaltrigen Jungen. Alles bestens, könnte man denken. Gleichstellung erreicht. Zumindest, was den individuellen Horizont anbelangt. Wie sehr Bewusstseinsinhalt und Realität auseinander klaffen können, wenn man sich auf die Strukturen der Arbeitswelt einlässt, erlebt derzeit die Generation der 25- bis 35-Jährigen. Zwar handelt sie die überholt geglaubte langfristige Zweierbeziehung mit Nachwuchsoption auf Augenhöhe neu aus. Aber wenn das Kind kommt, nimmt überwiegend die Frau den Erziehungsurlaub. Das bedeutet noch immer Karriereknick, während Männer sich - sozial hoch angesehen als »neuer Vater« - in die Arbeit stürzt, um die Familie so gut wie möglich allein zu ernähren. Kein Wunder, dass am Existenzgründerboom zu 80 Prozent Männer partizipieren. Auch in der Folgezeit wird sich das nicht ändern, da unter zehn zukünftigen IT-Experten nur eine Frau ist. Immerhin besser als gar keine. Aber trotzdem zuwenig. Weil mit »Gleichstellung« und »Quote« angeblich kein Hund, kein Herrchen und kein Frauchen mehr hinter dem Ofen hervorzulocken sind, hat die Grünen-nahe Heinrich-Böll-Stiftung einen neuen Kampfbegriff entwickelt: Geschlechterdemokratie.

»Die Gleichstellung ist tot. Es lebe die Geschlechterdemokratie« hieß es denn auch auf dem Kongress Geschlechterdemokratie 2000. Vielfalt der Visionen - Visionen der Vielfalt, den die Böll-Stiftung vergangenes Wochenende in Kooperation mit dem Studiengang Gender Studies der Humboldt-Universität Berlin abhielt. So recht begeistert wollte niemand in das neue Horn blasen. Ohne Not das Ende einer politischen Bewegung zu konstatieren und durch einen neuen, zunächst bunt schillernden Begriff zu ersetzen, erregt zumindest zwiespältige Gefühle. Triumphierend könnten jene grinsen, die die Quote schon immer ablehnten. Auch scheint es Frauen zu bestätigen, die nicht qua Quote sondern qua individuellem Durchsetzungsvermögen Führungspositionen einnehmen wollen. Klar sei ein Job aus Gnade einem aus Recht gewährtem vorzuziehen, konterte dazu die Kabarettistin Hilde Wackerhagen.

Andererseits ist die politische Forderung nach gleichem Recht in einer Sackgasse gelandet, weil sie herrschaftsmächtige Strukturen einfach verdoppelt, ohne das System zu ändern. Die sprichwörtlichen graukostümierten Karrierefrauen, aber auch die jetzt zum Schießen berechtigten Soldatinnen der Bundeswehr illustrieren dieses Problem.

Eine weitere Schattenseite der Gleichstellung ist, dass sie Frauen als defizitär betrachtet und ihnen nur gleiches Recht im Rahmen der bestehenden Norm zuerkennt. »Anstatt die gesellschaftlichen Strukturen, die Diskriminierung bewirken, und Privilegien von Männern in das Zentrum politischer Bemühungen zu stellen, werden nun Frauen zum Problem definiert«, schreibt Helga Lukoschat, Dozentin der Europäischen Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft Berlin e.V. Eigener Definitions- und Handlungsraum sowie eine Veränderungsperspektive der Gesellschaft, wie sie noch im Begriff der »Emanzipation« und später den Zielen der autonomen Frauenbewegung enthalten waren, werden hier aufgegeben.

Sieht man sich die nackten Zahlen an, dann ist selbst von kargsten Formen einer Gleichstellung wenig zu spüren. In Lohn und Gehalt bemessen erarbeiteten deutsche Männer 1999 fast doppelt soviel wie die Frauen - ein aussagekräftiges Indiz für Unterbeschäftigung, Unterbezahlung und geringere Karrierechancen sowie Nichtberücksichtigung der sogenannten Reproduktionsarbeit, also den Tätigkeiten im Haushalt und zur Kinderbetreuung, die immer noch weitgehend von Frauen geleistet werden.

Mit »Geschlechterdemokratie« hingegen soll alles besser werden. Formuliert jedenfalls die Böll-Stiftung, die vor drei Jahren den Begriff und eine gleichnamige Veranstaltungsreihe ins Leben rief. Geschlechterdemokratie deklariert »die Herstellung demokratischer Verhältnisse zwischen Frauen und Männern zum politischen Ziel.« Das bedeute, »Partizipationschancen von Frauen in Öffentlichkeit und Politik zu erweitern, gesellschaftliche Arbeit zwischen Frauen und Männern neu zu bewerten und zu verteilen sowie autoritäre und gewaltförmige Strukturen zwischen den Geschlechtern zu verhindern.« Interessen und Ansprüche von Männern und Frauen sollten in einer »gendergerechten Politik dialogisch ausgelotet werden, wobei alle Geschlechter, zum Beispiel Transsexuelle, Transgender, Lesben und Schwule« einzubeziehen seien.

Das klingt famos, wie eine Wunschliste an Weihnachtsmann und Christkind, die alle, aber auch wirklich alle Begehren zusammenzählt. Sonderlich überzeugt vom neuen Kampfbegriff zur Neuordnung der Geschlechterverhältnisse war außer den VeranstalterInnen jedoch niemand. Zu vage, zu idealistisch und zu indifferent wirkt der Slogan, als dass er Herzen und Hirne in Brand setzen könnte.

Zumal »Geschlechterdemokratie« selbst ein Bündel an Paradoxien und Gefährdungen ist. Bürgerliche Demokratie geht als - im Idealfall angenommene - Herrschaft der Mehrheit eben über Rechte von Minderheiten hinweg. Sie ist nicht gleichgewichtsorientiert, sondern ein Aushandeln von Kompromissen mit unterschiedlichem Gewicht. Demokratische Institutionen seien selbst vor allem männlich tradiert, vermutet der Kulturwissenschaftler Stefan Etgeton. Und schließlich zeichne Demokratie ein »Verhandeln von Interessen aus«, bemerkte Christina Thürmer-Rohr, Frauenforscherin der TU Berlin, im Eröffnungsvortrag: »Geschlecht ist jedoch kein Interesse.« Es gäbe reiche, arme, rechte, linke, privilegierte und diskriminierte Frauen, Opfer, aber auch Täterinnen. Man könne sie nicht zur »Biomasse Frau«, zur aus dem Geschlecht erzeugten Menschenart machen. Folge man hingegen solchen Identitätsstrategien, müsse man auch Demokratien nach Ethnien zulassen. Noch eine Gefahr sieht Thürmer-Rohr in der »Demokratie der sozialen Geschlechter«: Durch die Isolierung aufs Frausein könnten sich paradoxe politische Koalitionen ergeben. In der Schweiz etwa wollte die rechte Volkspartei (SVP) Frauen gegen Ausländer mobilisieren, indem sie die Anwesenheit unemanzipierter MigrantInnen als Rückschritt in den Geschlechterverhältnissen thematisierte.

Allerdings hat die neue Strategie der »Geschlechterdemokratie« auch einiges für sich. Sie ist eine Einladung an Männer und Frauen, sich an der Debatte zu beteiligen. Verblüffenderweise sorgten sich in den Diskussionen Frauen sehr darum, Männern die Veränderungsperspektiven schmackhaft zu machen. Beinahe wurde eine Ad-hoc-Arbeitsgruppe gebildet, die die Vorteile zusammentragen sollte, die Mann beim Übergang vom »traditionellen« hin zum »modernen Mann« genießen könnte. Ohne neue Vorteile bewegt sich nichts, schien die darunterliegende Erkenntnis, die Adelheid von Burgund, Madame Pompadour oder Caterina de Medici auch schon hatten; von Hillary Clinton mal ganz zu schweigen. Abgesehen von solch traditionalen Schlenkern könnte Geschlechterdemokratie tatsächlich das gemeinsame Bett für kritische Männer- und Frauenforschung abgeben. Einer Forschung, die Männer und Frauen sowohl als Produkt und Produzent einer Gesellschaft sieht, die nicht gerecht, aber veränderbar ist. Das impliziert, Gleichstellung nicht als (Über-)Erfüllung männlicher Rollenbilder durch Frauen zu sehen. Es bedeutet, die Funktion von Müttern als normierendes Element zu untersuchen. Es heißt, männliches Opfersein (beim Militär, in schwulen Beziehungen, aber auch in der Öffentlichkeit) zu analysieren und vor allem den Opferstatus nicht als »unmännlich« zu verdrängen und zu bagatellisieren. Männerforscher Hans-Joachim Lenz erwähnte, dass männliche Helfer oft innere Widerstände überwinden müssten, wenn sie sich um männliche Opfer zu kümmern hätten, sich jedoch wesentlich unbefangener der »Täterarbeit« widmen und gar keine Probleme hätten, sich als »Retter« von Frauen zu bewegen. Hier deckt sich die eigene Arbeit am besten mit Stereotypen von Männlichkeit.

Geschlechterdemokratie heißt aber auch noch immer, häusliche Gewalt gegen Frauen zu verhindern und strukturelle Benachteiligungen aufzuheben. Die alte Forderung nach Teilzeitarbeit stand wieder im Raum. Sie vermag Frauen ökonomische Selbstständigkeit und -wenn es beide Partner betrifft -, auch eine gerechte Verteilung der Hausarbeit zu sichern. Tatsächlich lassen sich durch solche strukturellen Maßnahmen die Familienverhältnisse subtil ändern.

Ob der Dauerbrenner Hausarbeit wirklich der zentrale Kampfplatz des Geschlechterringens sein sollte, muss mit Blick über gegenwärtige jungakademische Partnerschaften hinaus jedoch bezweifelt werden. »Hausarbeit kaufen statt teilen!« dürfte die Devise der künftigen Informationselite lauten. Da fragt sich, von wem diese Reproduktionsarbeit geleistet wird. Wahrscheinlich von Frauen - von marginalisierten, illegalen, überqualifizierten MigrantInnen. Eine ernstzunehmende Geschlechterdemokratie muss gerade sie als AkteurInnen unter den Bedingungen einer globalisierten Gesellschaft einbeziehen. Eine seriöse Form von Gleichberechtigung täte das allerdings auch.

 
Senden Bookmarken Drucken


Meistkommentiert
7 Tage
Monat
Bisher
Liebeshandlung - Eugenides

Berlinale

Freitag_Salon

PortletSalon_120216.png

Oleg Kaschin Es geht voran Aufbau Verlag 2012

152 Seiten. Gebunden.

16,99
 
Karpow, ein junger Moskauer Erfinder, entdeckt ein Serum, welches das Wachstum von Lebewesen beschleunigt. Die daraus folgenden Verwirrungen, Konflikte und Grausamkeiten sind ebenso ungeahnt wie zahllos. Mit tiefschwarzem Humor und leichter Feder entlarvt der Moskauer Journalist Oleg Kaschin, der selbst Opfer eines brutalen Überfalls wurde, mit diesem Buch Korruption, Machtgier und Despotismus im gegenwärtigen Russland. Herausgekommen ist eine Satire von beißender Schärfe >> mehr
Occupy

portlet_occupy.png

IGEL

portlet_IGEL.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Anti-Terror-Zelle Kraftklub

Ausgabe 06/12
09.02.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_05_06.jpg

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG