Kultur

DIE RUSSEN KOMMEN | 24.11.2000 | Ingo Arend

Nichts ist hier wie es scheint

In Wladimir Kaminers Debüt-Band "Russendisko" üben sie sich in der Ökonomie des Überlebens

Die Russen kommen. Mit diesem Slogan konnte man im Westen noch bis kurz vor dem Mauerfall gehörig Angst einjagen und Systemtreue erzwingen. Heute können gar nicht genug kommen. Und wenn sie nicht gerade zu den reserviert wirkenden Männern in grauen Hosen und schwarzen Lederjacken gehören, die in der Berliner S-Bahn leise russisch sprechen, sind sie auch gleich Kult. Erst Kontaktsperre, jetzt Berührungssucht. Nach der jahrzehntelang ästhetisch eingeübten Westbindung gibt es Nachholbedarf in die umgekehrte Richtung. Vom Jazzclub zur Russendisko. Den früher auf Distanz gehaltenen Erzfeind aus dem Osten verleibt man sich schon mal symbolisch ein. T-Shirts mit dem Stern der Roten Armee sind der letzte Schrei, markieren die Zugehörigkeit zur Avantgarde der Subkultur. Die Konjunktur der russischen Klein- bis Großkunst in Deutschland, von Wladimir Kaminer bis Viktor Pelewin oder Vladimir Sorokin, spiegelt natürlich auch die Sehnsucht nach dem Berlin der Zwanziger Jahre, in dem die russische Intelligenz eine wichtige Rolle spielte. Wladimir Kaminer wiederholt sie, aber ganz anders.

Berlin ist für den Sohn des stellvertretenden Leiters der Abteilung Planungswesen in einem Moskauer Kleinbetrieb nicht unbedingt ein intellektuell-geistiger Attraktionspol. Wie vielen anderen seiner Freunde geht es dem 1967 in Moskau geborenen Toningenieur und Theaterstudenten bei der Flucht im Sommer 1990 aus dem perspektivlosen Russland hautsächlich um körperliche Bewegungsfreiheit für sich selbst. Eine geistige Kolonie, wie sie besonders 1919-1923 um den Wittenbergplatz und das scherzhaft "Charlottengrad" getaufte Charlottenburg existierte, wollte er bestimmt nicht gründen. Deren Erbe verwest heute hauptsächlich die Russenmafia rund um die Kantstrasse.

Die Situation ist vergleichbar mit der Zeit nach dem Versailler Vertrag, als Deutschland sich gezwungenermassen nach Osten öffnete. Mit dem kleinen Unterschied, dass es heute nicht vom Westen isoliert bleibt, wie damals. In Russland noch mutige Vorhut, ist Kaminers "Avantgarde der fünften Emigrationswelle" im Westen nur Nachzügler der globalen Ost-West-Wanderung. Als er die verlassene Wohnung mit Aussenklo im Bezirk Prenzlauer Berg belegt, die er von dem republikflüchtigen Herrn Palast ergattert und in der noch die Zahnpasta in der Küche liegt, ist der schon auf und davon nach Los Angeles.

Nach allerlei Umwegen als Limonadenverkäufer, Filmstatist und ABM`ler in einem Theaterprojekt tritt der Schriftsteller Kaminer inzwischen in der "Reformbühne Volk und Welt" in Bert Papenfuß' Kaffee Burger gleich hinter der Volkbühne auf und gehört zur Dichtergruppe Neue proletarische Kunst. Aber sein Programm ist alles andere als revolutionär. Zwar bleibt er nahe dran an der Realität. So nahe, dass man in den aus Kaminers Ich-Perspektive erzählten, skurrilen, meist aber doch harmlosen kleinen Feuilletons manchmal sehr genau nach der Literatur suchen muss. Was er da zu Papier gebracht hat, liest sich aber als Gegenprogramm zu dem monumentalem Realismus Alexej Tolstojs. Hatte der 1926 noch eine Literatur gefordert, die "wesentlicher...als das Alltagsleben" ist, "grandios, streng und einfach", ist dem "Schriftsteller aus Zufall" Kaminer nichts wesentlicher als das Leben im Alltag. Seiner ist freilich kläglich, zerfleddert und kompliziert. "Zu Hause blätterte ich eine Weile in Kunstzeitschriften, hörte dann aber wieder auf und widmete mich dem Alltag" heisst es so lapidar wie programmatisch in einer der Geschichten.

Die kleinen Episoden daraus, die er zum ersten Buch gereiht hat, kann man eher als gelungene Vorstufe zu Ilja Ehrenburgs Reportageroman lesen. In seinen Alltagsprotokollen werden keine Helden gezimmert, sondern kleine Leute wie die Mädels für russischen Telefonsex beobachtet oder Markus, der Sammler altdeutscher Gegenstände, den Kaminer auf dem U-Bahnhof Frankfurter Tor kennenlernt. Und dann gibt es noch den Hausmeister seiner Wohnung in der Schönhauser Allee, der schon seit Wochen einen mysteriösen Schuss im Hinterhof aufklären will.

Mitunter beschreibt Kaminer so rührend private Szenen, dass der russische Autor Sergej Tretjakow, der im Frühjahr 1931 in Berlin einen vielbeachteten Vortrag über den "neuen Typus des Schriftstellers" gehalten und mit dem Slogan der "Entprofessionalisierung des Schriftstellers" für eine neue Kollektivliteratur der Arbeiterschriftsteller geworben hatte, vermutlich laut "Individualidiotismen" gerufen hätte. Doch er schreibt auch nicht den "Tagesbericht-Dilettantismus" dieser neuen Realisten aus Produktion und Konsumption, wie Ludwig Marcuse Tretjakow nachgehöhnt hatte. Denn die akribisch beschriebenen Episoden enden oft genug im Absurden, das Kaminer einfach stehenlässt. "Wie er damit etwas erreichen will, verriet er mir nicht" endet die Geschichte über einen geflohenen russischen Fähnrich, der nach verschiedenen gescheiterten Versuchen, eine Scheinehe zu arrangieren, um die Aufenthaltsbescheingung zu bekommen, nur noch still in einer Diskothek in der Sophienstrasse steht und auf Frauen wartet. Und liest man Geschichten wie die von Ilona aus Samarkand, die nie die Mütze absetzte, weil man ihr Messgeräte in den Kopf implantiert hatte, scheint Kaminers Poetik am ehesten dem russischen Symbolisten Andrej Belyi abgeschaut, der Mystik und Moderne kreuzte. 1924 schrieb der: "Je mehr ich also darüber nachdachte, womit ich den Berliner überraschen konnte, desto deutlicher begriff ich: alle Verrücktheiten werden übertroffen von dem ›nüchternen‹ Alltagsberlin; dem ›nüchternen‹ Leben muß man nach der Berliner Kontrastmethode eben nur den umgekehrten Sinn geben: um zu verstehen - da herrscht Betrunkenheit."

Mit dem Dilettantismus kokettiert Kaminer dabei freilich gern. Sein scheinbar naiver Blick registriert alles ohne Empörung oder Begeisterung. Ungerührt nimmt er noch die verrückteste Volte des Alltagsirrsinns wahr. Mit heiter interessiertem Gleichmut entlarvt er die Lebenslügen und Absurditäten dieses künstlichen Ethnodschungels, wo die Bulgaren im türkischen Imbiss nur so tun, als ob sie Türken wären, weil die multikulturvernarrten Deutschen das so gerne haben: "Berlin ist eine geheimnisvolle Stadt. Nicht ist hier, wie es zunächst scheint".

Kritik ist sanft verkleidet: "Das Asylrecht in Deutschland ist launisch wie eine Frau, deren Vorlieben und Zurückweisungen nicht nachvollziehbar sind." Kaminers Russen in Berlin, allesamt keine tragischen Philosophen, sondern fröhliche Gelegenheitsarbeiter des günstigen Augenblicks, streiten nicht um die europäische Berufung Russlands wie weiland Alexander Herzen. Sie führen keine Debatten um Expressionismus, Mechanismus und Eklektizismus, wie in den zwanziger Jahren. Die Formdebatte spielt eigentlich nur einmal eine Rolle, als Kaminer die Plastik seines Bekannten und Bildhauers Sergej, eigentlich als Entwurf für das Berliner Holocaust-Mahnmal gedacht, auf einem Abenteuerspielplatz für Kinder wiederfindet. Das muschelförmige Werk sollte den Schmerz der Menschheit symbolisieren. Aber auch "als Schnecke auf dem Spielplatz sah sie herrlich aus" findet da der überraschte Kaminer. Ein schönes Beispiel, für die Ökonomie des Überlebens in dem Beziehungsgestrüpp Berlin, die in diesen schönen Geschichten immer wieder vorgeführt wird. Die Kunst besteht darin, sie zu beherrschen. Pragmatisch, ironisch, von der kleinen Lösung beglückt. Wie Kaminers Vater, der seinem Sohn 1993 folgt. Im Westen kann man mit einem arbeitslosen Planfachmann natürlich nichts anfangen. Also spielt er eben im Weißenseer Seniorenkabarett Die Knallschoten den Ausländer. Manchmal macht tatsächlich das Leben die beste Kunst. Man muss es nur aufschreiben. Dann kann sogar Kunst daraus werden.

Wladimir Kaminer: Russendisko. Goldmann Verlag, München 2000, 192 S., 36.- DM

 
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