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Die endlose Zerstreuung von Zeichen erfordert nicht nur Rechner, sondern auch neue Lehrpläne. Diese Methoden-Revolution wird von unten kommen oder gar nicht
Computermacht gegen Lehrermacht, das ist eine der Linien, die das Denken über den Zusammenhang von Computer und Schule bestimmen. Vielleicht spielt sie gerade in den Köpfen einiger Anhänger/innen der Grünen eine Rolle. Man sieht förmlich die der Schule entronnenen Kollegen dieser "Lehrerpartei", wie sie auf die Computer schielen, sie mögen den verachteten Klassengenossen das Heft aus der Hand nehmen. Oder die 89er, junge Eltern, die ihre Kinder von den frustrierten 68er-Lehrern gepeinigt sehen und auf die Hilfe des Computers hoffen, der die vielbeklagte "Herrschaft der 68er" noch vor deren Pensionierung beenden soll.
Und gibt es nicht wirklich einige Hinweise darauf, dass dieser Übergang der Macht von Personen an Sachen oder vielmehr der Übergang vom Lernen unter der Macht einer Person zum Selbstlernen mit Hilfe einer Maschine tatsächlich funktioniert? Mit großem Erfolg bearbeiten Schüler/innen ihre Rechtschreibschwächen mit Hilfe von Computerprogrammen. Viele, denen der kalte Schweiß ausbricht, wenn der Lehrer ihnen über die Schulter schaut, und die ihre Energie nur noch in einer Schreibblockade bunkern, wenn sie ihr Geschriebenes von Rot überflutet sehen, viele von denen lösen ihre Verklemmungen gegenüber dem Schriftlichen im Umgang mit dem Computer. Das gilt für Rechtschreibschwächen nicht anders als für Schreibhemmungen, die von vielen Betroffenen am Bildschirm leichter gelöst werden können als an allem, was papieren schwarz auf weiß daherkommt.
Das kann vorsichtig verallgemeinert werden. Der Computer wird als Vehikel der Selbstständigkeit beim Lernen vielfach leichter akzeptiert als der Lehrer, und der Computer unterstützt leichter als jener verschiedene Varianten der spielerischen Aneignung von traditionellen, eher trockenen Lernstoffen. Doch bleiben wir, um den Zusammenhang besser begreifen zu können, bei der Textarbeit. Die Freundlichkeit der neuen Textverarbeitungstechnologie beruht zu einem Teil auf der Gnade, die das Medium gegenüber Fehlern walten lässt. Wie war das früher?
Von den Alten ist die Technik des Schreibens als Abschreiben bekannt. Sie korrigierten in das Manuskript hinein, strichen durch, schrieben darüber, strichen wieder durch, schrieben wieder hinein. Sobald die Grenze der Lesbarkeit erreicht war, musste neu abgeschrieben werden, damit derselbe Korrekturprozess von vorn beginnen konnte. Von Gogol wird berichtet, er habe seine Texte auf diese Weise mitunter bis zu zehnmal abgeschrieben, bis er mit ihnen zufrieden war.
Als einer ihrer Vorzüge wird an der so genannten Textverarbeitung gerühmt, dass sie die Korrektur enorm erleichtere. Das stimmt ja auch. Der Computer erlaubt eine umstandslose Korrektur, die vom vorangehenden Zustand keine Spur hinterlässt. Die Korrektur steht da wie die Erstfassung. Sobald die neue Fassung auf der Festplatte gespeichert ist, verschwindet die vorangehende auch physikalisch.
Die alte Arbeit am Zeichen organisierte seine allmähliche Veränderung und hielt diesen Prozess präsent. Was richtig oder falsch, nützlich oder unnütz, neu oder alt war, veränderte sich ständig und konnte revidiert werden. Bevor ein Satz stehen gelassen oder endgültig verworfen wurde, hatte er etliche Stationen des Sinns oder Unsinns durchlaufen. Der Umgang mit Zeichen war überhaupt noch als Arbeit mit ihren kennzeichnenden Zügen der Veränderung von Rohzuständen, des Abtrennens und Zusammenfügens, des Zerstörens und Neuschöpfens erkenn- und erlernbar.
Setzt das, was bis heute Lernen genannt wird, nicht eben diese Art von Arbeit voraus? Ist es noch Lernen im Sinne von bewusster Selbstveränderung, wenn die Fehler sofort unter dem Mantel des gnädigen Schweigens verschwinden, den der immer ordentliche und saubere Bildschirm über die vergangenen Stufen des Arbeitsprozesses breitet? Tauschen die Kinder für die alte, häufig übermächtige und daher störende Autorität des Lehrers nun ein technisches Weichei ein, das, wie kürzlich die 68er Väter, bald einmal als Schuldiger einer angeblich verkorksten Generation entlarvt werden wird?
Doch die Nutzung des Computers als universelles Arbeitsmittel lässt noch in vielerlei anderer Hinsicht den Lernprozess keineswegs unberührt. Es pfeifen ja die Spatzen von den Dächern, dass es mit der Welt des Schriftlichen vorbei ist; mit dem Autor und seiner Verantwortung wie seinen Rechten; mit der Ehrfurcht vor dem, was schwarz auf weiß geschrieben steht, worin die Furcht vor staatstragenden Vorschriften ebenso steckt wie die Ehre, der Öffentlichkeit etwas Gültiges abliefern zu dürfen. Die Gutenberg-Galaxis driftet ab, und wir befinden uns auf dem Weg zu einem anderen System. Ob wir als Beweis anführen, dass die Duden-Korrektur einer E-Mail nur noch die Marotte einiger Unverbesserlicher ist oder dass im Leitmedium Fernsehen kaum noch ein vollständiger Satz gesprochen wird, - wo wir hinschauen, löst sich die tradierte Produktionsweise der Zeichen zugunsten ihrer endlosen Zerstreuung in einem Reich fröhlicher Sinnlosigkeit auf.
Propheten der neuen Medien mögen das als Befreiung von metaphysischem Ballast feiern. Es bleibt jedoch die schlichte Tatsache bestehen, dass jegliche schulische Abschlussprüfung heute nach anderen, nämlich nach den alten Kriterien durchgeführt und bewertet wird. Dieselbe Politikergeneration fordert und fördert den Computer als universelles Arbeitsmittel und beklagt im selben Augenblick, die Schüler könnten heute mit klassischen Texten weder aktiv noch passiv umgehen. Wie wäre es, wir würden von jedem Bildungspolitiker, der das Wort Computer in den Mund nimmt, zuerst einmal eine Erklärung verlangen, worin sie oder er den Unterschied zwischen Text und Hypertext sieht?
Der Text im traditionellen hermeneutischen Verständnis, das bis heute mehr als die Hälfte des Unterrichts und vor allem der Prüfungen dominiert, ist in sich endlich und verlangt nach dem Sprung in den Kontext, den wir Interpretation nennen. Näher betrachtet, wird damit eine Handlung zwischen dem Text als Objekt und der Leserin/dem Leser als Subjekt in Gang gesetzt, in der sich das Subjekt, in einem doppelten Sinne, bildet. Wer das Blatt, auf dem der Text steht, verlegen umdrehen und dort den ersehnten Aufschluss suchen wollte, erntete in dieser Welt ein Lächeln, da die Geste doch nur zeigte, dass die Aufgabe der Interpretation als kulturelle Anstrengung des Subjekts verfehlt wird.
Ganz anders der Hypertext, welcher der Logik des Netzes entspricht. Jeder Text ist hier nur ein Durchgangsstadium zu weiteren Texten, die jedoch den vorangehenden Text nicht, wie in einem hermeneutischen Kontext, erklären, sondern die ihn einfach erweitern, fortsetzen oder ihm logisch vorangehen. Der Hypertext zeigt nicht auf die Leserin/den Leser, was als entlastend empfunden werden kann, sondern auf das nicht abschließbare Zeichenuniversum dahinter. Durchklicken ist nicht Interpretieren. Lektüre im neuen Medium vernetzter Computer ist daher etwas grundsätzlich Anderes als Lektüre von Buch- oder Zeitungstexten. Es kann daher keine Rede davon sein, dass sich tradierte Bildungsziele und davon abgeleitete Curricula des Computers bedienen, sondern umgekehrt, die Verwendung des Computers stellt diese traditionelle Bildung zuallererst einmal auf den Prüfstand und unterzieht sie sofort tiefgreifender Veränderungen, ob diese den Beteiligten bewusst sind oder nicht.
Was hier am Beispiel des Textes skizziert wurde, gilt in anderer Form für alle Aspekte des neuen Leitmediums, ob nun die Rolle der Bilderwelten im Verhältnis zur Sprache ins Spiel kommt oder ob es um die qualifizierenden Potenziale des weltweiten Netzes geht. Auf allen Gebieten zeigt sich eine Revolution der Inhalte dessen, was Lernen genannt werden kann. Die Schulen werden gegenwärtig in einem enormen Investitionsschub mit Hardware ausgestattet, welche das Lernen mit Hilfe des Computers ermöglichen soll. Den beteiligten Lehrer/innen wurden die damit verbundenen Ziele, abgesehen von Sprechblasen wie "Wissensgesellschaft", "modern", "Fortschritt" usw., nicht mitgeteilt, geschweige denn dass man von einer didaktischen und methodischen Revolution gehört hätte, welche die Schulen samt Curricula und Prüfungsordnungen auf das neue Lernzeitalter vorbereitet hätte. Davon ist nichts, aber auch gar nichts zu sehen.
Wir müssen damit rechnen, dass von den oben angedeuteten Zusammenhängen bei dem verantwortlichen Personal der Politik und der Bildungsbürokratie so gut wie nichts bekannt und so gut wie nichts reflektiert ist. Wenn denn Wert und Mehrwert, wie die Propheten der "Wissensgesellschaft" landauf, landab herumposaunen, zukünftig jenseits von Arbeit und Kapital direkt aus dem Kopfe entspringen, warum erhebt man nicht längst eine Wissenssteuer, um die Löcher in der Altersversorgung zu stopfen? Die Bildungspolitiker würden sich dabei besonders gut stehen, weil sie alljährlich mangelnden Durchblick steuermindernd geltend machen könnten.
Curriculumreformen dauern in Deutschland etwa zehn Jahre. Alleingelassen mit ihren Maschinen wird Schülern wie Lehrern demnach nichts anderes übrig bleiben, als die Methodenrevolution von unten selbst in Angriff zu nehmen. Die aus den 60er Jahren - Stichwort: programmierter Unterricht - bekannte Alternative der De-Facto-Verschrottung kommt diesmal nicht in Frage, da sind die hochmotivierten Jugendlichen davor. Das wird eine Entdeckungsreise mit ungewissem Ausgang. Nur die ersten Wegmarken sind bekannt, sie lauten: Goethe und Internet - wie geht das? Was immer die Beteiligten über dieses spannende und gespannte Verhältnis herausfinden werden, es bleibt noch die Frage nach der Macht des Lehrers und der Sanftheit des Computers. Die Kids haben die Antwort längst gegeben. Sie sitzen vor ihrer Kiste und sprechen mit ihr, duzen sie, verfluchen sie und hauen sie. Noch nie hatte ein Computer eine passende Antwort parat. Lehrer haben Antworten, auch wenn die den Kids mitunter nicht passen. Die Frage der Antworten ist eine Machtfrage.
Ausgabe 06/12
09.02.2012
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