Politik

GENTECHNOLOGIE | 02.03.2001 | Im Gespräch

Die DNS ist kein Code

Die amerikanische Wissenschaftstheoretikerin Lily E. Kay über die Geschichte des genetischen Codes und die Aussichten der Biotechnologie

Kürzlich wurde die gesamte Sequenz des menschlichen Genoms "entschlüsselt" und öffentlich publiziert. Die im öffentlichen Diskurs zirkulierenden Metaphern wie die vom "Buch des Lebens", das "gelesen" werden könnte, suggerieren, dass es sich beim genetischen Code um einen sprachwissenschaftlich oder kryptologisch entzifferbaren "Text" handelt. Dem jedoch widerspricht die bis vor kurzem in Harvard lehrende Wissenschaftstheoretikerin Lily E. Kay in ihrem Buch "Who Wrote the Book of Life? A History of the Genetic Code", das vergangenes Jahr für Aufsehen sorgte. Die Rede vom genetischen Code, behauptet sie, sei - technisch betrachtet - kein wirklicher Code und die Metapher vom "Buch des Lebens" Resultat kultureller und geisteswissenschaftlicher Begriffsbildungen.

Lily E. Kay, die selbst jahrelang als Molekularbiologin gearbeitet hat, begleitete von 1993 bis 1997 als Historikerin das Humangenom-Projekt (HUGO). In diesem (im November geführten) Interview sprach die im Dezember unerwartet verstorbene Wissenschaftlerin darüber, was wir alles noch nicht wissen - und warum sich die Euphorie rund um die Biotechnologie bald als Irrtum herausstellen könnte.

FREITAG: Alle sprechen heute vom genetischen Code und seiner Entschlüsselung. Sie behaupten nun, dass diese Begriffe nicht angemessen sind. Warum?

LILY E. KAY: Ganz einfach: Weil die DNS kein Code ist und auch nicht wie eine Sprache funktioniert. Der Code ist bloß eine Metapher. Die hat aber ihre Tücken, weil sie der Komplexität des Genoms überhaupt nicht entspricht. Das Wissen um die Abfolge der DNS-Basen bedeutet nämlich noch lange nicht, dass wir damit auch das "Buch des Lebens" entschlüsselt haben und es womöglich sogar nach unseren Wünschen und Vorstellungen umschreiben können.

Wieso ist dann dennoch ständig davon die Rede, dass es um einen Code geht, um genetische Information und ihre Entschlüsselung?

Die Geschichte der Molekularbiologie reicht weit zurück in die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Und Begriffe wie "Information", "Botschaft" oder "Code" kommen in der Sprache der Biologen bis in die fünfziger Jahre hinein nicht vor, wie ich in meinem neuen Buch zu zeigen versuchte. Plötzlich aber sprachen im Laufe der fünfziger Jahre alle davon -, dass es einen genetischen Code gibt, den man knacken kann.

Und wie kam das?

Meine These ist, dass diese Art des Denkens im Grunde auf die Wissenschaftler aus der Zeit des Kalten Kriegs zurückgeht. Tatsache ist, dass in diesen Jahren viele Physiker, Mathematiker und Kybernetiker, die zuvor mit kriegswichtigen Dingen beschäftigt waren, in die Biologie wechselten. Sie waren es, die diese ganze Metaphorik mitbrachten. Für sie war die Biologie des Lebens eine Art von strategischem Problem. Sie glaubten, dass sie ein Puzzle vor sich hätten oder einen verschlüsselten Code. Und wenn sie den knacken könnten, dann hätten sie auch das Rätsel des Lebens gelöst und könnten es kontrollieren.

Ihrer Meinung nach ist das eine irregeleitete Utopie. Warum?

Weil das Leben viel zu komplex ist, um bloß in mathematischen, physikalischen oder sonstigen Begriffen beschrieben zu werden, Begriffe wie Information, Signal und so weiter werden aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gerissen und auf nicht messbare Lebenszusammenhänge übertragen. In der Informationstheorie beispielsweise muss alles mathematisierbar sein, wenn man die Begriffe richtig verwenden will. In der Molekularbiologie ist das aber unmöglich. Man hat sich also nur die Begriffe ausgeborgt und dann in einer sehr seltsamen Art gebraucht, die falsche Illusionen weckt.

Was reagieren Molekularbiologen auf Ihr Buch und Ihre Thesen?

Ich habe mit vielen Naturwissenschaftlern darüber gesprochen, und alle haben mir zugestimmt. Sie sagten mir jedoch, dass sie einfach nicht anders darüber sprechen könnten als in den Begriffen von Information, Codierung, etc. Zugleich bestürmten sie mich und fragten, in welchen Begriffen man denn sonst darüber reden soll.

Und was sagen Sie ihnen dann?

Man muss die Metaphern nicht verwerfen. Sie würden ja ohnehin nur durch andere Metaphern ausgetauscht. Auch in der Wissenschaft braucht man immer Analogien und Modelle, um das, was unbekannt ist, durch Bekanntes zu erklären. Wenn wir allerdings eine Metapher wie die vom "Buch des Lebens" verwenden, dann müssen wir uns ihrer Reichweite und ihre Grenzen bewusst sein. Und man muss wissen, wo sie uns hilft und wo sie uns in die Irre führt. Ich sagen also nur: "Passt auf, wenn ihr diese Metapher verwendet. Und glaubt nicht, dass man das Genom so einfach lesen und abändern kann wie einen ›Text‹".

Und dringen Sie damit durch?

Es ist natürlich sehr schwer, diese Dinge zu verändern. Die Metapher vom "Buch des Lebens" ist unglaublich mächtig. Sie stellt eine Beziehung zu Gott und dem heiligen Text her. Zugleich suggeriert sie, dass man diesen Text lesen und auch bearbeiten kann. Wer will sich schon von dieser Metapher verabschieden, selbst wenn sie unrichtig ist? Dazu kommt, dass unglaublich viel Geld in diese Forschungen fließt und sie daher von ganz anderen Interessen überlagert sind.

Das klingt ein wenig nach Verschwörungstheorie...

Tatsache ist, dass die Molekularbiologie längst kein rein wissenschaftliches Unternehmen mehr ist, sondern eine gigantische Multimilliarden-Dollar-Industrie. Jede Woche wird eine Biotech-Unternehmen gegründet, 85 Prozent aller Forscher in diesem Bereich weltweit haben entweder eine eigene Firma, sind an einer solchen beteiligt oder arbeiten für sie. Man findet kaum einen bedeutenden Molekularbiologen in einer wichtigen Universität, der keine Patente hält. Und genau deshalb gibt es auch diesen enormen Hype rund um die Gentechnik: weil es nicht um die Wissenschaft sondern ums Geld geht, ums globale Kapital und um Börsenkurse.

Nun hat man im Januar 2000 verkündet, dass 97 Prozent des menschlichen Genoms sequenziert sind, und demnächst werden "Nature" und "Science" diese Sequenz umfassend veröffentlichen. Ist das nicht doch ein enormer Wissensfortschritt?

Auch das stimmt. Zugleich wird das Human-Genom-Projekt damit den naiven Glauben zerstören, dass man mit dem Wissen um die Sequenzen auch schon weiß, wie man Gene planmäßig verändern kann. Wir wissen ja noch nicht einmal wirklich, was Gene eigentlich sind und wie sie funktionieren. Dieses Projekt wird sich im Grunde selbst in Frage stellen, weil es erst so richtig klar macht, wie komplex Organismen sind. Die vollständige Sequenzierung des Genoms gibt uns zwar einiges Wissen. Aber das ist kein Wissen, mit dem man medizinisch-therapeutisch etwas anfangen kann.

Dennoch lassen sich längst Hunderte Erbkrankheiten genetisch identifizieren.

Das stimmt schon. Aber Diagnosen zu haben, bedeutet noch lange nicht, dass man auch Therapien dafür hat. Es gibt Statistiken, nach denen von über hundert beantragten Medikamente eines bewilligt wird. Der Begriff "Biotech" ist heute ein Sammelbegriff für die pharmazeutische Industrie insgesamt. Doch nur ein kleiner Teil basiert tatsächlich auf gentechnischen Manipulationen.

Was ist mit Entwicklungen wie der Stammzellentherapie?

Tatsache ist, dass diese Forschung weitgehend unter Umgehung der Gentechnik stattfindet. Die Frage dabei ist, inwieweit man durch das Einbringen von Stammzellen die biologische Ausstattung eines Menschen verändern kann. Dabei muss man sich nicht um die Gene kümmern. Rein wissenschaftlich scheint die Therapie mit Stammzellen plausibel zu sein. Aber ebenso wie bei der Gentherapie sind auch hier erst die klinischen Tests erfolreich zu bestehen. Die meisten dieser Experimente werden mit genetisch identischen Mäusen durchgeführt - problematisch wird das Ganze meist erst, wenn es unter lebensechten Bedingungen stattfinden soll.

Worin besteht da die Schwierigkeit?

Wie bei den gentechnischen Medikamenten ist auch hier das Problem, dass weder die Menschen genetisch gleich sind noch ihre jeweilige Umwelt dieselbe ist. Man ging ja bislang davon aus, dass der Unterschied zwischen Mäusen und Menschen auf genetischer Basis nicht so groß ist - weshalb viele der Experimente mit Mäusen als Modellorganismen durchgeführt werden. Kürzlich hat nun das Team um Craig Venter aber die Sequenzierung des Mäuse-Genoms abgeschlossen. Und das vielleicht Erstaunlichste dabei war, dass man sehr große Unterschiede zwischen jenen drei Mäusestämmen beobachtet hat, die dafür verwendet wurden. Wenn aber nun schon die Unterschiede zwischen verschiedenen Mäusestämmen so groß sind, dann könnte das natürlich weitreichende Konsequenzen für gentherapeutische Eingriffe am Menschen haben.

Und was bedeutet das für den ganzen Boom rund um die Biotechnologie?

Auf der wissenschaftlichen Seite zeigt uns die Erforschung der Genome des Menschen und anderer Lebewesen eine enorme Komplexität, die wir nicht erwartet haben. So wissen wir zum Beispiel kaum noch etwas über die Wechselwirkungen zwischen den Genen und der Zelle, zwischen der Zelle und dem Organismus, und zwischen dem Organismus und der Umwelt. Meiner Meinung nach wird das Wissen um die Gen-Sequenzen in erster Linie einen riesigen Beitrag zur biologischen Grundlagenforschung leisten: Die vergleichende Zoologie zum Beispiel wird beispielsweise enorm davon profitieren. Auf der wirtschaftlichen Seite wird der Hype rund um die Biotechnologie meiner Meinung nach demnächst platzen, weil die therapeutische Gentechnik den hohen Erwartungen einfach nicht entsprechen kann. Es wird große Verluste an den Börsen geben.

Das Gespräch führte Klaus Taschwer

Lily E. Kay: Who Wrote the Book of Life? A History of the Genetic Code. Stanford 2000 (Stanford UP). 424 S., US$ 24.95 (Eine deutsche Übersetzung erscheint im Laufe dieses Jahres im Hanser-Verlag).

 
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