Kultur

ERZIEHUNG ZUR SUBJEKTIVITÄT | 06.04.2001 | Joachim Feldmann

Gibt es Indien wirklich?

Drei Romane und ein Sachbuch versprechen Aufschluss über ein rätselhaftes Land

Südinder gehören zu den schlauesten Menschen der Welt. Nach den Chinesen. Das soll zumindest Bill Gates gesagt haben, von dem wiederum erzählt wird, man würde ihn selbst im abgelegendsten indischen Dorf erkennen, sollte es ihn einmal dorthin verschlagen.

Was Ian Jack in der Einleitung zu der lesenswerten Indien-Ausgabe des englischen Literaturmagazins Granta berichtet, hat sich mittlerweile auch hierzulande herumgesprochen. Die Computergenies aus dem südindischen Bangalore haben sich als ein weiteres der zahlreichen Klischees etabliert, die unser Bild des Subkontinents bestimmen. Gerne spricht man von einem Land der Gegensätze, was ja auch nicht ganz falsch ist. Da stiegen in den neunziger Jahren die Ausgaben für Werbung um jährlich zwischen 20 und 40 Prozent, während das Jahreseinkommen pro Kopf nicht mehr als circa 600 Mark betrug. Und angesichts der grausamen Erdbebenkatastrophe, die Anfang dieses Jahres mindestens 35.000 Menschen das Leben kostete, zeigte sich die aufstrebende Computer- und Atommacht hilflos. Andererseits spukt in westlichen Köpfen noch immer das Traumland Indien herum, spätestens seit Hermann Hesses Siddartha zum Kultbuch avancierte und die Beatles bei Maharishi Mahesh Yogi die Meditation erlernen wollten. Es spricht also vieles für ein Buch, das unter dem programmatischen Titel Das andere Indien etwas von der "komplexen indischen Realität im Zeitalter der Globalisierung" vermitteln möchte. Die Redaktion der anarchistischen Zeitung Graswurzelrevolution hat Beiträge zusammengestellt, in denen direkt aus der Perspektive der sozialen Bewegungen berichtet wird. Man erfährt von Protesten gegen Atomtests und vom Kampf für eine gerechtere Landverteilung. Interessant ist ein Interview mit Aktivistinnen der Frauenbewegung, in dem das, was man in Europa von Witwenverbrennung und Brautpreisen hört, als böses Vorurteil zurückgewiesen wird. "Was die Frauenrechte betrifft", so die selbstbewusste Auskunft, "sind indische Frauen heute viel besser dran als viele Frauen in Europa". In anderen Bereichen - und leider verschweigt das Interview, in welchen - seien sie unter den am meisten Benachteiligten. Das Problem sei eben komplex.

Leider ist diese Passage durchaus symptomatisch für dieses gut gemeinte Buch. Ihm mangelt es nämlich durchgängig an Anschaulichkeit. In ihrem Bemühen, möglichst keine Klischeevorstellung zu bedienen, ergehen sich die Beiträge in abstrakten Einschätzungen und verstiegenen Formulierungen, wie man sie auch hierzulande aus den Kongresspapieren linker Gruppen der siebziger und achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts kennt. Besonders geübt im Verfertigen unverdaulicher Sätze zeigt sich eine "Calcutta-Freundschaftsgruppe", deren Mitglieder offenbar früher diversen maoistischen Gruppen angehörten und sich nun zum libertären Denken bekennen. Ihr Aufsatz Der Herrschaftsvirus, mit mehr als 120 Seiten der bei weitem längste Beitrag des Buches, besticht durch Sätze wie "Die Alternative sollte von den unsichtbaren Traditionen der Freundschaft ausgehen und über die Vorstellung von Schwesternschaft den Maskulinismus und das Modell des Krieges überwinden". Alles klar? Hier liegt offensichtlich ein Selbstverständigungspapier desillusionierter Politaktivisten vor, das vielleicht hiesigen anarchistischen Zirkeln Stoff für angeregte Diskussionen liefern mag, den interessierten Leser jedoch abschreckt. Klischeevorstellungen lassen sich mit solchen Texten wohl kaum bekämpfen. Dann schon eher mit einer Mischung aus Literatur und Journalismus, wie sie die bereits erwähnte Ausgabe von Granta liefert. Obwohl ihr Erscheinen mittlerweile vier Jahre zurückliegt, haben Beiträge wie James Buchans Reportage aus dem kriegsgepeinigten Kaschmir nichts von ihrer Intensität, die nicht zuletzt auf der offenen Subjektivität des Autors beruht, verloren.

Andererseits fragt sich, inwieweit es überhaupt möglich ist, mit alten Klischees aufzuräumen, ohne neue zu produzieren. Und oft sind es auch die Klischees, die das Interesse an einem Land, an einer Region erst hervorrufen. Darauf setzen offensichtlich auch jene deutschen Verlage, die in diesem Frühjahr gleich mehrere indische Autoren bei uns zu etablieren suchen. Damit folgen sie übrigens einem grenzüberschreitenden Trend, denn alle drei Romane, die hier vorgestellt werden sollen, sind in englischer Sprache für ein internationales Publikum verfasst worden. Auch formal lehnen sie sich an gängige Modelle europäisch geprägten, realistischen Erzählens an. Steht also zu befürchten, dass Indien hier zum bloßen Lieferanten exotischer Stoffe, die dann nach westlichem Muster zugeschnitten werden, degradiert wird? Oder gelingt es den Autoren vielleicht sogar, tradierte Romanformen zu neuem Leben zu erwecken? Einige werden sich noch an die vitalisierende Wirkung lateinamerikanischer Erzähler in den siebziger Jahren, als unserer eigenen Literatur die formalistische Erstarrung drohte, erinnern.

Am großen Zeitgeschichtsroman versucht sich Amitav Gosh, 1956 in Kalkutta geboren und heute in New York lebend. Die Handlung beginnt im Jahre 1885, als die britische Kolonialarmee Birma erobert. Die Königsfamilie wird ihres prächtigen Glaspalastes in Mandalay verwiesen und muss ins indische Exil nach Ratnagiri. Während der Unruhen, die den Einmarsch der Engländer begleiten, gelangt der indische Waisenjunge Rajkumar gemeinsam mit den plündenden Massen in den Palast und erblickt mit dem Mädchen Dolly, das ebenfalls verwaist ist und zusammen mit den Prinzessinnen aufwächst, zum ersten Mal die große Liebe seines Lebens. Starke Gefühle also, die schon auf den furios erzählten ersten Seiten von Der Glaspalast den Leser gefangen zu nehmen versuchen. Und natürlich bringt Gosh die beiden wieder zusammen; ihre Verbindung steht am Anfang einer komplizierten Familiengeschichte, die bis in unsere Zeit führt. Manchmal ist es gar nicht einfach, einen Überblick über die Figurenkonstellation zu behalten, und dies ist auch wohl der Grund, weshalb dem Buch eine Karte mit den entsprechenden Stammbäumen beigegeben ist. Offenbar hatte es Gosh zunächst vorgeschwebt, die Geschichte seiner eigenen Familie zu erzählen. Erst als sich das Bemühen um Authentizität als vergeblich erwies, sah er sich, wie er im Nachwort schreibt, "gezwungen, eine parallele, ganz und gar fiktive Welt zu erschaffen". Doch trotz ihrer Fiktionalität ist die Romanhandlung fest mit den historischen Ereignissen auf dem indischen Subkontinent verbunden. Vor allem heißt dies natürlich, dass es um die Auseinandersetzung mit der britischen Kolonialherrschaft geht. Während Dollys Freundin Uma sich in der Unabhängigkeitsbewegung engagiert, dient ihr Neffe Arjun zunächst begeistert in der britischen Armee. Doch wie für Zeitgeschichtsromane typisch, liegt hier eine nicht unerhebliche Schwäche des Buches, da Gosh nicht umhin kann, seine Figuren als Vertreter bestimmter Auffassungen und Einstellungen auftreten zu lassen. Auch die im Zeitrafferstil vorgetragenen Zusammenfassungen historischer Entwicklungen verraten, dass wir es hier auch mit einem routinierten Sachbuchautor zu tun haben. Andererseits zeigt sich Gosh in vielen Passagen als brillanter Erzähler, wenn er zum Beispiel auf ergreifende Weise die Vertreibung der indisch-stämmigen Bevölkerung aus Birma schildert. Wir haben es also mit einem Buch zu tun, das man mit Gewinn lesen kann, auch wenn es literarisch in mancher Hinsicht enttäuscht, dann nämlich, wenn man merkt, dass ein bunter Bilderbogen auch nur aus Pappkarton besteht.

Direkt ins heutige Indien führt uns der Debütroman des ebenfalls in den USA lebenden Mathematikprofessors Manil Suri, Vishnus Tod. Auf der Treppe eines Mietshauses in Bombay wohnt Vishnu. Er steht den Hausbewohnern für kleinere Dienste zur Verfügung und wird dafür von ihnen mit Essen versorgt. Nun ist er sterbenskrank. Während sich die Nachbarn darüber streiten, wer gegebenenfalls für den Krankenwagen aufzukommen hat, halluziniert Vishnu von der Zeit, bevor er gezwungen war, sein Dasein als Treppenbewohner zu fristen. Diese Visionen und Erinnerungen sind stark religiös geprägt und bilden eine Art spirituelles Rückgrat dieses Romans, der ansonsten aus den miteinander verknüpften und oft mit einem gewissen Witz erzählten Geschichten der anderen Hausbewohner besteht. Wie man sich angesichts der Wahl eines Mietshauses als Schauplatz denken kann, spiegeln sich in diesen Geschichten die Konflikte der modernen indischen Gesellschaft wider, nicht zuletzt die Feindseligkeiten zwischen Hindus und Moslems. Ein Gesellschaftsroman also, dem man aber, im Unterschied zum Glaspalast, dessen Konstruktion ab und an unter dem Gewicht der Historie zu ächzen scheint, dem Leser zum Vorteil, keinen Totalitätsanspruch anmerkt.

Um ein Romandebüt handelt es sich auch bei Pankaj Mishras Benares oder Eine Erziehung des Herzens, dessen deutscher Titel schon mit der Bezugnahme auf Flauberts L´éducation sentimentale die Verbindung zur europäischen Literatur herstellt. (Das Original heißt unverfänglicher The Romantics.) Erscheinen die Figuren bei Amitav Gosh und Manil Suri immer als Teil eines sozialen Verbunds, so tritt uns Mishras Held und Ich-Erzähler Samar als einzelner entgegen. Er ist noch keine 20, als er in der heiligen Stadt Benares eintrifft, um sich auf die Prüfung zum Eintritt in den Staatsdienst vorzubereiten. Wie die meisten Aspiranten glaubt er nicht wirklich daran, diese Tür zu einem Leben in gesichertem Wohlstand durchschreiten zu können, und verbringt seine Tage lieber mit der Lektüre europäischer Klassiker. Eher unabsichtlich gerät er in eine leidenschaftliche Liebesaffäre mit einer jungen Französin, der aber, soviel ist eigentlich schon vorher sicher, kein Glück beschieden ist. Am Ende des Romans kehrt Samar, der es inzwischen zu einer bescheidenen Existenz als Grundschullehrer an der Grenze zu Tibet gebracht hat, noch einmal nach Benares zurück und nimmt endgültig Abschied von seiner Jugend. Pankaj Mishraj hat für seinen Roman eine Erzählweise gewählt, die genau so unspektakulär erscheint wie seine Handlung. Alles, was Aufregung versprechen würde, wie zum Beispiel die gewalttätigen Unruhen an der Universität oder selbst die Liebesaffäre mit der Französin Catherine, wird durch die Art, in der Samar davon berichtet, gedämpft. Wie ein alter Mann blickt der mittlerweile dreißigjährige Erzähler auf die Zeit in Benares zurück. Obwohl Pankaj Mishra am explizitesten auf europäische Literatur Bezug nimmt, artikuliert sich in seinem Roman am deutlichsten das Fremde. Ein "anderes Indien", von dem man wohl wirklich nur durch die Literatur erfährt.

Granta 57.: India! The Golden Jubilee. London 1997, 288 S., £ 7.99.

Graswurzelrevolution (Hg.): Das andere Indien. Anarchismus, Frauenbewegung, Gewaltfreiheit, Ökologie. Verlag Graswurzelrevolution, Heidelberg 2000, 244 S., 34,80 DM.

Amitav Gosh: Der Glaspalast. Roman. Aus dem Amerikanischen von Margarete Längsfeld und Sabine Maier-Längsfeld. Karl Blessing Verlag, München 2001, 607 S., 49,90 DM

Manil Suri: Vishnus Tod. Roman. Aus dem Amerikanischen von Anette Grube.. Luchterhand Verlag, München 2001, 400 S., 45,00 DM.

Pankaj Mishra: Benares oder Eine Erziehung des Herzens. Roman. Aus dem Englischen von Barbara Schaden. Karl Blessing Verlag, München 2001, 288 S., 38,- DM

 
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