Politik

Im Gespräch | 14.09.2001 | Die Kinderschutzbeauftragte Claire Brisset kann nichts Gutes an Michel Houellebecq finden

»Brutal, drastisch und vulgär«

FREITAG: Wie erklären Sie die Zurückhaltung der Feministinnen sowie der Intellektuellen in ihrer Kritik an Michel Houellebecq? ...

FREITAG: Wie erklären Sie die Zurückhaltung der Feministinnen sowie der Intellektuellen in ihrer Kritik an Michel Houellebecq?

CLAIRE BRISSET: Es ist eine groteske Situation. Der Autor wird geradezu hochgejubelt. Die Medienmacher üben eine Art intellektuellen Terrorismus aus, statt ehrliche Kritik zu üben. Alle haben Angst, für prüde oder puritanisch gehalten zu werden. Darum geben sogar die meisten Frauen vor, den Roman gut zu finden, obwohl er ihnen einen so verächtlichen Spiegel vorhält. Sein Frauenbild ist absolut degradierend, und sein Blick auf die Drittweltländer ist zynisch. Er tut, als gäbe es intellektuelle Frauen ausschließlich in der westlichen Hemisphäre. Demnach sind die Frauen in Drittweltländern nicht in der Lage, sich ihres Kopfes zu bedienen. Sie haben nur ihren Körper zu verkaufen. Die Welt scheint zweigeteilt: Die einen haben alles außer der sexuellen Befriedigung. Die anderen haben nichts, außer ihrem Körper. Das bezeichnet Michel im Roman als »ideale Tauschsituation«.

Halten Sie die Unterscheidung für glaubwürdig, die Michel Houellebecq zwischen Pädophilie und Prostitution macht?

Sie ist absurd, aber wahrscheinlich nimmt er sich vor dem französischen Gesetz in Sachen Pädophilie in Acht. In Thailand sind die meisten Prostituierten minderjährig. Sie werden von ihren Eltern an Maffiabanden verkauft oder einfach entführt. Sie werden gefangen gehalten und geschlagen, wenn sie aus ihrem Gefängnis ausbrechen wollen. Sobald sie vom AIDS-Virus infiziert sind, schickt man sie in ihr Heimatdorf zurück. Dort werden sie wie Aussätzige behandelt und von ihren eigenen Eltern verstoßen. Die meisten sterben, bevor sie überhaupt erwachsen werden.

Was halten Sie von Houellebecqs Definition der Prostitution als gut bezahlter Arbeit ?

In Thailand werden die meisten Mädchen überhaupt nicht bezahlt. Es ist skandalös, Prostitution als Arbeit zu bezeichnen. Letzten Endes wird da nichts produziert. In meinen Augen handelt es sich um Ausbeutung, Menschenhandel und Versklavung. Schließlich sind die meisten der Prostituierten von einem Zuhälter oder einer Organisation abhängig. Seine Aussagen haben schon etwas Perverses. Wenn er sagt: »Meine sexuellen Gelüste haben nichts Schockierendes«, das heißt doch nichts anderes, als dass alle Welt sich seinem Verlangen unterzuordnen hat. Und wenn er sich als Schriftsteller bezeichnet, der »die Leiden des Mittelstands« ausdrückt, grenzt das wohl an eine gewisse Selbstüberschätzung.

Wie finden Sie die Sprache, in der der Roman geschrieben ist ?

Brutal, drastisch und vulgär, mit anderen Worten pornographisch. Ich kann dieses Buch nicht nach Hause mitnehmen aus Angst, dass es meiner zwölfjährigen Tochter in die Hände fällt. Ich glaube, Houellebecq hat einen tiefen Hass auf die Frauen, insbesondere auf die, die sich erlauben, mehr zu sein als ein sexuelles Objekt.

Das Interview führte Brigitte Pätzold

 
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