Kultur

Textgalerie | 02.11.2001 | Michael Buselmeier

Die sanfte Linie

25 Jahre nach ihrem Tod ist die bedeutende Dichterin Martha Saalfeld, von Elisabeth Langgässer einst als "pfälzische Sappho" apostrophiert, aus der ...

25 Jahre nach ihrem Tod ist die bedeutende Dichterin Martha Saalfeld, von Elisabeth Langgässer einst als "pfälzische Sappho" apostrophiert, aus der literarischen Öffentlichkeit so gut wie verschwunden. Selbst in ihrer engeren Heimat erinnert man sich kaum noch an sie. Über zwei Jahrzehnte waren ihre Bücher nicht mehr lieferbar; doch seit 1998 erscheint eine neue Werkausgabe. Neben Gedichten hat Martha Saalfeld auch Theaterstücke, Erzählungen und Romane veröffentlicht, darunter Judengasse (1965) und Isi oder Die Gerechtigkeit(1970) - ihre beiden letzten, hochmoralischen Prosabücher, in denen sie Partei ergreift für die Schwachen, Verfolgten und Ermordeten, und zwar zu einer Zeit, als man mit solchen Themen eher Schwierigkeiten als Preise bekam, nicht nur in der pfälzischen Provinz.

Man muss sich freilich nicht lange einlesen, um herauszufinden, dass Martha Saalfelds Gedichte ihre Prosa an Ausdrucksstärke weit übertreffen: Eine Naturlyrik ohne falsche Behaglichkeit; eindringliche, schroff gefügte Verse, magisch beschwörend und zugleich sehr präzis. Martha Saalfeld geht von der strengen Gedichtform (im Idealfall: dem Sonett) aus, die sie von den Expressionisten übernommen hat, welche sich ihrerseits an Stefans Georges Sprachkunst orientierten. Sie bevorzugt den fünfhebigen Jambus mit hartem ("männlichem") Versende und verschränkten Reimen.

Der ursprünglich aus zwölf Gedichten bestehende Zyklus Pfälzische Landschaft ist um 1927 entstanden. Martha Saalfeld hat ihn mehrmals publiziert und im Lauf der Zeit auf 30 Texte erweitert, die 1977, ein Jahr nach ihrem Tod, in einer bibliophilen Ausgabe, mit Linolschnitten ihres Mannes Werner vom Scheidt, in Neustadt an der Weinstraße erschienen. Die meisten dieser Gedichte, in den zwanziger und dreißiger Jahren geschrieben, umkreisen die Jahreszeiten, feiern besonders den Herbst und mit ihm die Produktivität des Todes, seine neues Leben schaffende Zerstörungsarbeit, Schönheit im Untergang. "O Wein aus Gräbern" - solche Gegensätze inspirieren die Dichterin unablässig. In allem Seienden aber offenbart sich ein verborgener Gott, der ebenso mild wie gnadenlos ist. Dabei erscheint die "pfälzische Landschaft" keineswegs als planes Abbild, sondern als In- und Sinnbild von Heimat überhaupt. Der Herbst ist gut und ohne Bitternis / Ist Tod in dem gefüllten Haus.

Martha Saalfeld

Pfälzische Landschaft I

Die sanfte Linie! Und es übersteigt

Sie keine kühnere. Da wölbt das Blau

Der Beere sich am Holz und goldnes Grau

Der edeln Äpfel und das Nächste neigt

Sich wie das Fernste; schwankt je im Licht

Ein Acker so wie dieser, so beschwingt,

So zarten Flügels? - Aber es gelingt

Ein Zärtliches nur selten zum Gedicht.

Dann ist das Rauhe da: Die braune Nuß,

Die feiste Rübe, borstiges Getier

Und Hopfenfelder und ein bittres Bier

Bei süßen Trauben; Saftiges zum Schluß,

Geschlachtetes. Noch vieles stellt sich ein:

Kastanien noch und Mandeln, Brot und Wein ...

Dass Martha Saalfeld als Gärtnerin und wahrnehmend Wandernde naturkundig war, dass sie über Pflanzen und Tiere, Licht, Farben und Düfte Bescheid wusste, zeigt das hier vorgestellte Sonett. Es präsentiert eine bukolische Ideallandschaft, bevor der Tod in sie einbricht, stilisierte Natur, so plastisch nahe, bildhaft genau und atmosphärisch dicht, als träten die Dinge selber ins Wort. Charakteristisch das beschwingte Auf und Ab der Bewegung, "die sanfte Linie" der Himmelswölbung, des Haardtgebirges, des Ackers, der herbstlichen Früchte, des Vogelflugs; ein emphatischer Ton, der sogleich, mit den ersten Worten anschlägt und die Verse voran-, ja empor trägt, bis zum Gedankenstrich am Ende der zweiten Strophe, wo der Selbstzweifel mit einer poetologischen Reflexion sich meldet: Aber es gelingt / Ein Zärtliches nur selten zum Gedicht.

Was noch folgt, ist eine plastische Aufzählung erdnaher Freuden vorderpfälzischer Provenienz, "Rauhes" und "Saftiges", Speise und Trank, doch deutlich entfernt von der Wurst- und Weinseligkeit jener Region, die behutsam an die Toscana erinnert und in der sich Leben wie Werk der Dichterin auch in der Vergessenheit erfüllten.

 
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