Kultur

Sohnsucher, Sektenfinder | 05.07.2002 | Werner Jung

Eine Generation tritt ab

Bodo Morshäusers neuer Roman "In seinen Armen das Kind" zeigt das Scheitern der Post-68er

Nein, nicht schon wieder: Post-68er-Schmonzetten und Verwicklungen, High-Sein, Frei-Sein, WGs und Dope, Szenekneipen und eine schwüle Berliner Luft. Nicht schon wieder endlose Debatten in den Betten und sonst wo über richtige und falsche Weltbilder, über die längst geschwundene Faszination der kubanischen Revolution oder des living theatre. Dem Erzähler sei Dank, dass er weder in der Kitschkiste landet, noch auch an der Erinnerungsecke um die Kurve kratzt; denn sein Maik, dessen Medium er eigentlich ist, nimmt den Geschichtsfaden in den frühen siebziger Jahren auf, um ihn erst in der Endphase der neunziger wieder fallen zu lassen.

Genauer noch: Maiks Erzählstrom hört einfach auf, er selbst verschwindet im Gewimmel der Großstadt. Doch abhanden gekommen, das belegt Morshäusers neuer Roman In seinen Armen das Kind mit fortlaufendem Text, ist sich dieser Maik, gewesener Schauspieler mit mäßigem Bekanntheitsgrad, Kiffer und inzwischen Dauerkokser, schon längst - eigentlich seit er irgendwann auf seiner Lebensstrecke beschlossen hat, seinen Sohn zu suchen. Dieser, Produkt und Resultat einer kurzfristigen Liaison mit Vera ("Vera besaß ein Weltbild"), steckt gemeinsam mit der Mutter die längste Zeit in einer Sekte, die ein findiger 68er mit noch gewiefterem Bruder und Geschäftsmann zum gemeinsamen ökonomischen Wohl und Übertölpelung ihrer Klientel - unterm Stichwort Seelenheil - begründet hat. Die Geschäfte laufen blendend, die Konten der beiden wachsen, während die anderen - billigen Ramsch auf Festivals vertickend - friedlich-fröhlich der Heilssuche hinterher hecheln. Wer nicht spurt, wird entweder kujoniert oder fliegt raus, die Kinder werden abgerichtet und für die Prostitution vorbereitet. Horror ist` s nur für die Betrachter von draußen. "Fred bestimmte", so wird es an einer Stelle Maik überbracht, "ab wann ein Mädchen Sex haben durfte. Und er war der erste, der auf sie drauf durfte. Dagegen habe ich protestiert. Als Einziger. Dann musste ich in die Mitte, jeden Tag in den Kreis, wochenlang. Ich hörte zu essen auf und konnte mich nicht mehr wehren. Sie haben mir, ohne einen Schlag, das Gehirn aus dem Schädel geprügelt." Und es funktioniert tatsächlich - jedenfalls solange, bis es Maik gelingt, in einer abenteuerlichen Nacht- und Nebelaktion einige Jugendliche aus dem "Lager" zu entführen und schließlich die Polizei in anderen spektakulären Aktionen die Sekte auffliegen lässt.

Ein spannender Sektenroman also? Teils mehr, teils weniger. Im Grunde genommen berichtet Morshäusers neuer Roman, dem man ohne jede Einschränkung das Attribut "gelungene Unterhaltungsliteratur" zusprechen darf - was in jüngster Zeit ja auch bei Suhrkamp nicht immer selbstverständlich ist -, vom Scheitern Post-68er-Träume, vom Stranden jener "Zaungäste der Geschichte" (Reinhard Mohr), deren Hyperkritizismus auf dem Weg in die Lach- und Spaßkultur der Golfgeneration den Holzweg in eine Sekten-Seelen-Landschaft genommen hat und dort gnadenlos versackt ist. So selbst noch Maik, der sich, wiewohl sektenresistent, als "Sohnsucher" und "Verwandtschaftsfinder", nachdem er endgültig fündig geworden ist, zurückentwickelt: "Herausgeschleudert aus allen Theorien und Versuchen, die Welt zu verstehen. Sie war, wie sie war. Sie war im Fernsehen. Er konnte sich genau an das elfte Spiel im vierten Satz erinnern, er machte sogar die Handbewegung des Tennisspielers nach, nachdem dessen Cross aus gegeben worden war ... Ab und zu schwante ihm, dass er genau so ein Stumpfkonsument geworden war, wie er sie früher als Wetterberichtmann verachtet hatte. Doch es wurde ihm nicht klar. Es war nur einer von vielen Gedanken, die unterscheidungslos durch seinen Kopf rauschten, so dass er wichtige von unwichtigen Gedanken nicht trennen konnte. Ein Unentschiedener in einer Welt der Unterscheidungen."

Ein bitteres Ende, das die Kapitulation vor den rastlosen Bildern, einer flutenden Oberfläche andeutet. Keine Erinnerungen mehr, auch keine Hoffnungen. Eine Generation tritt einfach bloß ab. Der Telefonanschluss - das Medium, über das der Erzähler und sein Berichterstatter häufig miteinander kommuniziert hatten - ist sinnigerweise abgestellt worden.

Bodo Morshäuser: In seinen Armen das Kind. Roman. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2002, 365 S., 22,90 Euro

 
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