Kultur

Textgalerie | 13.09.2002 | Michael Braun

Die Schwerkraft der Träume

Wenn sich Gedichte den Anmaßungen des Realitätsprinzips nicht beugen wollen, arbeiten sie systematisch an der Aufhebung der Schwerkraft. In der ...

Wenn sich Gedichte den Anmaßungen des Realitätsprinzips nicht beugen wollen, arbeiten sie systematisch an der Aufhebung der Schwerkraft. In der scheinbar vertrauten Alltagswelt, von der sie berichten, lösen sich die Dinge aus ihren Verankerungen und die orientierungslosen Helden, die auf dem unsicher gewordenen Terrain ihr Ich stabilisieren wollen und nach Daseinsbeweisen suchen, verlieren jede Bodenhaftung. Die lange unterdrückten Mächte aus den Sphären des Traums melden ihre Ansprüche an und erschüttern die Hegemonie des Verstandes.

In diesem Kraftfeld der Träume, in dem es keinen festen Halt mehr gibt und alles in einen Schwebezustand versetzt wird, bewegen sich auch die Gedichte von Jan Koneffke. Bereits der Titel seines Debütbands Gelbes Dienstrad wie es hoch durch die Luft schoss (1989) deutete die Bewegungsrichtung seiner lyrischen Phantasie an: Seine Helden waren und sind Himmelsspaziergänger, die mitsamt den Requisiten einer versunkenen Welt der Frühmoderne in die Lüfte entschweben, um dort nach allerlei Turbulenzen im Mond einen verlässlichen Verbündeten zu finden. In Koneffkes zweitem Band Was rauchte ich Schwaden zum Mond (2001) ist der Erdtrabant erneut die zentrale poetische Relaisstation, in der sich irdische und himmlische Energien kreuzen und überlagern.

Jan Koneffke

Gelber Magnet Niemals mehr schlafe ich ein unterm gelben Magneten

der zieht Kanaldeckel an Polizisten

sind ihm verfallen ich sah

an jedem Laternenpfahl einen

mit Handschellen festgemacht

damit sie nicht rückfällig werden

Autos klauen Bomben legen und ich

bin ein doppelt beschuhter Gedanke geworden

mein Pyjama dreht Nachtrunden pausenlos

während ich Daseinsbeweise erfinde

ohne Glück ich gestehe es ein

denn wenn wir beim Stadtparkpissoir

dem Kreis Spiritisten erscheinen

jubeln sie: Geisterkontakt!

Jan Koneffke, geboren 1960 in Darmstadt, lebt als Schriftsteller und Publizist in Rom. Das vorliegende Gedicht ist dem Band Was rauchte ich Schwaden zum Mond entnommen, der im vergangenen Herbst im DuMont-Verlag erschienen ist..

Die Anziehungskraft dieses "gelben Magneten" ist auch im vorliegenden Gedicht so groß, dass selbst die Repräsentanten der bürgerlichen Ordnung gefährdet sind. Wie dereinst Odysseus, der sich von seinen Gefährten an den Schiffsmast fesseln lässt, um dem machtvollen Gesang der Sirenen widerstehen zu können, werden bei Koneffke die Ordnungshüter mit Handschellen arretiert, um nicht den Mächten des Begehrens und der Gesetzlosigkeit zu verfallen. Alles ist in diesem Gedicht in kreisende Bewegung geraten, auch das lyrische Subjekt ist seiner fixen Identität beraubt und wirbelt als "doppelt beschuhter Gedanke" durch die nächtliche Großstadt. Seine märchenhaften, surreal nur leicht modernisierten Mond-Szenerien macht Koneffke als ironisch bemalte Kulissen kenntlich. Er lässt sein lyrisches Ich - um Rimbauds Modernitäts-Formel "je est un autre" Genüge zu tun - als multiples, haltloses Ich durch die Szene gleiten und gestattet sich am Ende noch einen sanften wie komischen Seitenblick auf esoterische Wundergläubigkeit. "Geisterkontakt" ist in dieser Poesie selbstverständlich, freilich nicht als Mysterium, sondern als heiter-surrealistisches Spiel.

Es wäre jedoch ein Missverständnis, Koneffke nur als modernen lyrischen Märchenerzähler zu lesen. Denn dieser Dichter verharrt nicht bei idyllisch anmutenden Erweckungserlebnissen einer traumnahen Kinderzeit, sondern belauscht auch die Dämonen einer gewalttätigen Geschichte, die sich in die Realien unserer Alltagswelt eingenistet haben. In einem Berlin-Gedicht verbirgt sich hinter der Wand einer heruntergekommenen Wohnung ein unsichtbarer Mitbewohner, eine grausige Inkarnation deutscher Barbarei. Die Traum-Reisenden Koneffkes werden oft heimgesucht von Phantasmagorien des Schreckens, die keine Aussicht auf irgendein versöhnliches Ende bieten. Wenn seinen Helden nach dem finalen Abgang über Himmelsleitern ihr Ziel erreichen, dann beschwören sie eine Utopie, deren Erfüllung nur die Poesie erlaubt: "Feuerpause auf Erden".

 
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