Kultur

Erkenntnislücke | 20.12.2002 | Michael Braun

Stammgast im Hotel Insomnia

Jochen Schimmang erzählt nicht nur von der Schließung der "Murnauschen Lücke"

Es war der Schriftsteller Wolfgang Hildesheimer, der den ersten Helden der Schlaflosigkeit für die deutsche Gegenwartsliteratur erfand. Der Ich-Erzähler seines 1965 publizierten Romans Tynset sucht im Kursbuch der norwegischen Staatsbahnen nach neuen Koordinaten für seine Existenz, während ihm die unabgegoltenen Schrecken der deutschen Geschichte schlaflose Nächte bereiten. Gepeinigt von Nachtgesichten und alptraumartigen Visionen, entwirft er Vorstellungen von weiten Reisen, während er in Wirklichkeit im Stillstand verharrt.

Einen zart-melancholischen Antipoden zu Hildesheimers ruhelosem Erzähler entwirft nun Jochen Schimmang in seinem Roman Die Murnausche Lücke. Auch dieser schlaflose Held ist - wie die von ihm abgöttisch verehrten Figuren Samuel Becketts - "ein Wesen, das aus der Müdigkeit kam". Aber seine Schlaflosigkeit ist nicht wie bei Hildesheimer aus politischen Traumata geboren, sondern aus der melancholischen Gewissheit, das Lebensglück regelmäßig und zwangsläufig zu verfehlen. Welche Lebensprojekte auch immer dieser geniale Mathematiker ausheckt, sie scheinen notwendig zum Misslingen verurteilt zu sein. Nur in den verwinkelten Schönheiten der Mathematik findet Murnau Zuflucht, nur dort erlebt er die Entlastung von der Schwerkraft der Verhältnisse, die ihn im bürgerlichen Leben so massiv niederdrückt. Mit ausgedehnten Reisen, dem ständigem Unterwegssein auf Kongressen und Tagungen vermag der übernächtigte Held das Scheitern in der Liebe nicht zu kompensieren. Während sein Aufstieg zur führenden mathematischen Fachkraft in Cambridge mühelos verläuft, enden seine Liebesversuche mit Frauen regelmäßig niederschmetternd. Fast gelingt ihm der grandiose Beweis eines uralten mathematischen Problems, des sogenannten "Fermatschen Theorems", aber ganz zuletzt verbleibt eine kleine Erkenntnis-Lücke - nicht nur in der Mathematik, sondern auch in seinem Leben.

Um der Saturiertheit der akademischen Karriere zu entkommen, kehrt Murnau Mitte der achtziger Jahre in seine Heimatstadt zurück, eine geographisch nicht näher bezeichnete Kaufmannsstadt an der nordwestdeutschen Küste. Dort trifft er im einsamen Gasthaus "Insomnia" endlich auf Schicksalsgefährten, auf die "verschworene Gemeinschaft der Schlaflosen". Dort kreuzen sich auch die Lebens- und Fluchtlinien einiger tragischer Genies, die wie Murnau zum Scheitern disponiert sind: die traurige Geschichte des jungen Mathematik-Stars Enno ter Veen überlagert sich mit der Irrfahrt des geheimnisvollen Anästhesisten Dr. Winter. Schließlich trifft Murnau im "Insomnia" auf die Kellnerin und ehemalige Geigenvirtuosin Katharina, die den schlaflosen Melancholiker am Ende erlösen wird.

Man kann diesen wunderbar leicht und elegant geschriebenen Kurzroman als das existenzphilosophische Gegenstück zu Hans Magnus Enzensbergers populärem Mathematik-Buch Der Zahlenteufel (1997) lesen. Schimmangs Held arbeitet ja am gleichen Projekt wie Enzensberger, nämlich "eine Geschichte der Mathematik zu schreiben, die sich auch als Kinderbuch lesen ließe". Einen weiteren verborgenen Referenztext zu Schimmangs Buch hat wiederum Enzensberger vor einigen Jahren übersetzt: das Gedicht Hotel Insomnia des serbisch-amerikanischen Lyrikers Charles Simic. Wo sich Enzensberger aber ausschließlich der Magie der Zahlen widmet, da verwandelt Schimmang mit leichter Hand die dunklen Faszinationen der Mathematik in existenzphilosophische Gleichnisse.

Mit den diskreten Lektionen über Melancholie und Schlaflosigkeit, Liebe und Schmerz, Mathematik und Poesie hat der Autor der Murnauschen Lücke die zentralen Motive und Topoi aus seinen vorangegangenen Romanen und Erzählungen noch einmal zu einer kunstvollen Textur verflochten. In Murnau dürfen wir den Glückssucher aus Schimmangs Debütroman Der schöne Vogel Phönix (1979) wiedererkennen, der wie alle Helden des Autors die Erfahrung machen muss, zum Leben und zur Liebe zu spät gekommen zu sein. Im Erzähl-Triptychon Königswege (1995) quält sich der Kunsthistoriker Vandenberg mit der immer wiederkehrenden Frage ab, "warum die Frauen nicht bei ihm blieben" - bis ihm die Begegnung mit einem Zimmermädchen unverhoffte Glückserfahrungen ermöglicht. Diese Präsenz der reinen Liebe repräsentiert in der Murnauschen Lücke die Kellnerin Katharina, die dem Schlaflosen zu kathartischem Schlummer verhilft. Wenn die Suggestionen der Liebe nicht mehr wirken, findet Vandenberg in den großen Werken der Malerei Zuflucht, der müde Murnau dagegen in der Mathematik.

Die Murnausche Lücke ist nicht zuletzt ein Roman über die verblassenden Abenteuer einer von den 68er Ereignissen sozialisierten Generation, die nun im vorgerückten Alter von der Erfahrung der Vergänglichkeit gestreift wird. Am Ende riskiert dieser famose Kurzroman sogar ein Glücksversprechen: Denn nach Jahrzehnten des Scheiterns macht der Melancholiker die eigentlich unmögliche Erfahrung des Gelingens - und erreicht den von Beckett ersehnten Erlösungsschlaf, "nach aller Mühe, allem Spiel".

Jochen Schimmang: Die Murnausche Lücke. Roman. Wunderhorn Verlag, Heidelberg 2002, 176 S., 18,50 EUR

 
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