
Der Schriftsteller Georges-Arthur Goldschmidt über sich und das deutsch-französische Verhältnis
FREITAG: Sie sind in Hamburg geboren, leben aber seit Ihrer Kindheit in Frankreich, heute in Paris. Schlummern in Ihnen eine deutsche und eine französische Seele?
> Georges-Arthur Goldschmidt: Es schlagen nicht zwei Seelen, ach, sondern glücklicherweise in meiner Brust. Sie vertragen sich bestens. Politisch bin ich ein Franzose, der nie wieder Deutscher sein will. Übrigens möchte ich auch nicht in Deutschland sterben. Frankreich ist die Republik, die einen völlig frei lässt. Sie will nur, dass ich meine Steuern zahle und mich anständig benehme. Was ich aber denke, ist ihr scheißegal. Diese Neutralität ist einmalig. Im Tiefsten meines Wesens bin ich auch Deutscher, politisch jedoch nicht. Mein inneres Wesen ist von einer deutschen wie von einer französischen Kindheit geprägt. Wie das funktioniert, erzähle ich in meiner Literatur.<p>Ist das Schreiben das Ausloten beider Seelen?
> Ja, natürlich. Aber es sind nicht zwei verschiedene Sprachseelen, sondern nur eine, bestehend aus zwei Teilen, deren eine zum Morgen und deren andere zum Abend neigt. Wenn ich mit Ihnen deutsch rede, so ist die andere Sprache vollkommen vergessen. So verhält es sich auch umgekehrt. Die ungesprochene Sprache sitzt irgendwo im Kopf. Aber ich weiß nichts von ihr. Weil ich bereits mit elf nach Frankreich kam, wo ich eine herrliche, die schönste, heute leider versaute Landschaft vorfand, bin ich völlig zweisprachig. Ja, ich bin stolz, ein Staatsbürger im Land der Dreyfuss-Affäre zu sein, wo die Hälfte aller Franzosen für einen Juden aufstand. Leider gab es auch die Kollaboration, die scheußliche Unterwerfung unter Pétain, und leider zeigt sich in unseren Tagen die französische Universität wieder von einer hämisch antisemitischen Seite wie zur Vorkriegszeit. In meinem Leben wurde ich zum Glück nicht einmal als Scheißdeutscher oder Scheißjude beschimpft, was ich übrigens nur durch Hitler bin.<p>Was meinen Sie damit?
> Meine Großeltern väterlicherseits und meine Urgroßeltern mütterlicherseits waren zum Protestantismus konvertiert. In dieser Frömmigkeit erzogen, war das Wort »Jude« lediglich ein Wort aus der Bibel. Als Achtjähriger fing ich an, irgendetwas zu ahnen, und fühlte, dass mit mir irgendetwas nicht stimmt. Von meiner jüdischen Herkunft erfuhr ich aber erst durch meine Verfolgung. Meine einzige Identität ist die, als Jude nicht leben zu dürfen. Eigentlich müsste ich jeden Tag dafür zahlen, dass man mich leben lässt. Und weil man mich nicht umbringt, habe ich das Gefühl, man sei mir gegenüber wider aller Erwartung zuvorkommend. Wie Kafka empfinde ich also die Illegalität meiner Existenz. Das ist wohl das Jüdische an mir. In einer Welt zu leben, wo es Leute gibt, die im Voraus wissen, dass es Sie nicht geben darf, ist eine Erfahrung, die ich als Neunjähriger machte. Später kam die Entdeckung der Selbstbefriedigung, wodurch meine Schuldgefühle noch größer wurden. Beides gehörte für mich zusammen, bis ich zur Vernunft kam.<p>Was ist an Ihnen deutsch und was französisch?
> Das Deutsche ist mein Hang, in den ungeheuren Erregungen und Aufregungen meines 16. Lebensjahres stecken geblieben zu sein. Mit meinen 75 Jahren bin ich, wie das furchtbare Wort sagt, ein immer noch Pubertierender, dieser schuldige und perverse Jüngling. Ich befinde mich immer noch in meinem Kinderheim, was zwar in Frankreich, aber von seiner Ausrichtung recht deutsch war. Wie ein junger Wandervogel lebend, bin ich noch heute mit der damaligen Zeit verwoben. Wenn man mich jetzt ins Internat zurücksteckte und mit einer Eselsmütze in die Ecke schickte, so fühlte ich mich dort sofort wieder daheim. Ich bin aus dieser Zeit nie wirklich ausgetreten. Das ist das Deutsche in mir. Das Französische ist das Polemische. Wenn ich in das Leben eingreifen möchte, schreibe ich einen Artikel in <i>Le Monde<i>> oder <i>Quinzaine littéraire<i>>. Völlig in meinem Zeitalter engagiert und in der Gesellschaft integriert, saß ich auch lange im deutsch-französischen Kulturrat. Flauberts Literatur entspricht meiner inneren Welt.<p>Wie definieren Sie für sich »Identität«?
> Eine schöne Frage, weil sie unrichtig ist. Es gibt keine Identität. Ich schreibe derzeit an einem Buch über Kafka. Sein Titel <i>Die Faust im Munde<i>> ist ein Wort aus einem Brief Kafkas an Milena. Die Identität ist eine senkrechte hohle Stange, die durch einen hindurchgeht, weiter nichts. Also keine Identität. In mir bin ich die Feststellung, dass ich lebe. Früher sagte man in der französischen Provinz nicht, er ist Friseur, sondern er macht Friseur. »Il fait coiffeur.« Weder Franzose noch Deutscher bin ich, sondern ein seltsames Loch in der Mitte der Welt. Wir sind alle senkrecht in uns selbst gestellt. Alles andere ist Zubehör. Inhaltlich geht es bei Kafka immer um dieses Loch. Für mich ist das große Ereignis, dass es sich niemals zusammenfügt. Das Nicht-Klappen ist Existenz. Heidegger, auf den ich ungern zu sprechen komme, weil er zum Nazi wurde, hat das verstanden.<p>Wie sehen Sie das deutsch-französische Verhältnis? Wie war es und wie könnte es sein?
> Auf politischer Ebene kann ich das nicht beurteilen. Ein Europa ohne das Zusammenwirken von Frankreich und Deutschland ist eine totale Absurdität. Ich glaube, der Garten der Missverständnisse wird bis ans Ende aller Zeiten bleiben. Die Franzosen wollen ein hehres, brutales, gewalttätiges, bewaffnetes, eben ein so kolossales Deutschland wie den Reichstag in Berlin. Deshalb übersetzen sie auch Naziarschlöcher wie Carl Schmitt oder Ernst Jünger. Aber von dem zivilen Deutschland wollen sie nichts wissen. Nicht sehr interessiert sie die alte subversive, mit Wieland beginnende, von Heine bis zu Habermas reichende Tradition. Heine ist hier ein armer Mensch, den keiner liest. Die Franzosen haben Rimbaud, möchten aber Hölderlin. Obgleich ein Jakobiner, preisen sie ihn als reaktionären Bonzen. Da besteht ein Missverständnis. Im politischen Bereich wird es keine Probleme mehr geben. Ein für alle Male haben die Deutschen die Invasion Frankreichs aufgegeben. Die Beziehungen sind friedlicher Natur. Vielleicht kursiert im deutschen Unterbewusstsein immer noch der Witz, aber ganz harmlos, von dem Frankreich, das leider, wo es doch ein so schönes Land ist, den Franzosen gehört. Mehr Sorgen bereitet mir der gefährliche Drang der Deutschen zu ihren östlichen Nachbarn. Zwischen Frankreich und Deutschland wird es, wenn überhaupt, nur Zank wie bei einem alten Liebespaar geben.<p>Warum einigten sich Deutschland und Frankreich erst jetzt, da es fast zu spät ist, auf das Nein zum Irak-Krieg?
> Beiden Regierungen ist klar, dass der Krieg zu einer unvorhersehbaren Katastrophe ausarten wird. Zudem gibt es die berechtigte Angst vor Attentaten in Paris und Berlin und die Befürchtung, dass man, wenn man nicht zusammenhält, von Amerika verschluckt wird. Wenn Franzosen und Deutsche nicht zusammen handeln, kommen Randländer wie Bulgarien und Polen dran. Wir leben in einer Welt, in der das Irrationale so zugenommen hat, dass normale politische Maßstäbe nicht mehr greifen. Zu Zeiten des Kalten Krieges wusste man genau, wieweit der andere geht. Der religiöse Irrationalismus und die Zuspitzung der Ideen wirken stärker als die Wirtschaft.<p>Was können die Franzosen von den Deutschen lernen?
> Die Gemeinschaftlichkeit und, sich nicht zu überarbeiten. Die Beamten und Angestellten in Frankreich arbeiten im Gegensatz zu den Deutschen wie Geisteskranke. Jetzt, wo sich alles nach rechts orientiert, ist das Leben für die Angestellten hier meines Erachtens schwieriger als in Deutschland. Früher war Frankreich eine herrliche Gesellschaft, in der man sich menschlich zueinander verhielt. Heute nimmt mit den religiösen Abgrenzungen auch die Nervosität zu. Religionen sind doch das Ende der Welt, sie töten und schließen sich gegen einander ab. Die Franzosen hingegen übernehmen von den Deutschen den pädagogischen Fimmel. Seit 20 Jahren verbreitet sich die Pädagogik wie eine Invasion, ich nenne das Pädagomonie. Die pädagogischen Theorien, deren Erfinder die Deutschen sind, sind nichts anderes als Überbleibsel deutscher Okkupation. Die pädagogischen Hochschulen sind eine nationale Katastrophe.<p>Was stört Sie daran?
> Dass so maßlos viel theoretisiert wird. Die Pädagogen entscheiden im voraus, was ein Kind ist und was da zu tun ist. Diese Fixierung der Individualitäten, die überhaupt keine Freiheiten mehr zulässt, weil alles von Soziologen vorbestimmt wird, ist skandalös. Im Grunde falsche Wissenschaften. Im Französischen spricht man von »Les sciences humaines«, was übersetzt Geisteswissenschaften heißt und mit exakten Wissenschaften wirklich nichts zu tun hat. Alles Hochstapelei. Gehen Sie mal in die Buchhandlung gleich um die Ecke, da finden Sie unzählige Titel wie <i>Mein Kind<i>> oder <i>Das Kind der anderen<i>>. Im Namen des Menschlichen werden geistige Gefängnisse errichtet, in denen Menschen in eine Definition eingeschlossen werden. Ich war zwar auch Pauker, habe mich aber nie so verhalten. Wie kann sich jemand anmaßen, jemandem zu sagen, wie er ist.<p>Was können die Deutschen von den Franzosen lernen?
> Sie konnten. Es scheint, als wenn die Franzosen sich verdeutschen und die Deutschen sich verfranzösisieren. Die Franzosen werden immer ernster, theoretisieren wie die Deutschen und erfinden die Welt neu. Ich wusste gar nicht, dass es Welt gibt. Valery, Camus oder Mauriac hatten noch Witz, Frechheit und Boshaftigkeit. Heute denkt man nicht mehr gegen den Wind. Wenn sie nicht politisch korrekt sind, so verfallen sie einem mörderischen Antisemitismus. An französischen Universitäten hat sich unter dem Decknamen des Antizionismus ein Antisemitismus entwickelt.<p>Wie wünschen Sie sich das deutsch-französische Verhältnis?
> Dass es so weitergeht, wie es unter Mitterand und Kohl begann. Dass Europa zur sozialen Marktwirtschaft von Ludwig Erhard zurückfindet, damit die Würde der Arbeiter und Angestellten nicht mehr länger beleidigt wird. Im Geist der linken Gewerkschaften erzogen, bin ich gegen die Unterdrückung der Arbeitnehmer.<p>Ist Ihr Blick auf die Welt durch das Gefühl der eigenen Illegalität geprägt?
> Selbstverständlich, und mich amüsiert das. Ich denke dann immer, dass der Herr, der gerade neben mir sitzt, mich wohl totschlagen würde, wüsste er, wer ich bin. Ich sage das jetzt aus Jux. Letztlich bin ich ein Lebensschmuggler oder, wie es in einem <i>Spiegel<i>>-Interview steht, ein Schwarzfahrer des Schicksals. Durch meine Illegalität, also dadurch, dass ich früher in der Gegenwart einer eventuellen Gefahr lebte, ist mein Blick schärfer. Wer von Kindesbeinen an um seinen Lebensaufschub weiß, muss aufpassen. Er wird intelligent, sonst kann er nicht überleben.<p>Ist Ihr Blick neurotisch?
> Nein, ich führe ein herrliches Leben. Wenn ich als Kind auch so oft was aufs Maul bekommen habe, so bin ich doch kein Neurotiker, sondern jemand, der, obwohl querdenkend und rebellierend, sich gern unterwirft.<p>Sie erzählten mir einmal, dass Sie in Übersetzungen gelegentlich Sätze hineinschmuggeln, die gar nicht dastanden.
> Bei der Neuübersetzung von Nietzsches <i>Zarathustra<i>> konnte ich der Versuchung nicht widerstehen und fügte einen Satz hinzu. Obgleich bisher 400.000 Exemplare verkauft wurden, kam nie ein Brief, der das beanstandete. Übrigens erfand ich auch für die Bibliographie meines Freud-Buches einen deutschen Schriftsteller, namens Alfred Block, der angeblich das Buch <i>Sprache und Bewusstein<i>>, Leipzig 1926 schrieb. Wissen Sie, warum? Weil ich zwei Flügel am Arsch habe. Ab und an erlaube ich mir solche Späße. So auch in Freiburg, wo ich keinen Pfennig in der Tasche hatte und deshalb Franzosen in einem Bus durch den Schwarzwald herumführte. Alles, was ich Ihnen über die Gegend erzählte, war frei erfunden, und alle waren zufrieden. Später begleitete ich auch Deutsche, denen ich Geschichten erzählte von Karl August IV, einem Herzog von Schwaben, den es gar nicht gibt.<p>Verstehen Sie sich als Intellektuellen?
> Um Gottes willen! Überhaupt nicht. Ich bin ein pensionierter Oberlehrer. Kein Intellektueller. Damit habe ich nichts am Hut. Intellektuelle sind Leute, die verachtend durch die Natur schreiten, auf ihren Schuhsohlen wippen mit einer großen Aktentasche und andere Pauker gering schätzen. Schon das Wort finde ich eitel und hochtrabend. »Un travailleur intellectuel«, also ein intellektueller Arbeiter gefällt mir als Wort, übrigens von den Kommunisten, schon besser. Ich mag kein Intellektueller sein, weil ich viel zu gern unter Menschen bin. Ich muss mich in der Metro immer kneifen, um keinen anzusprechen. Wenn ich es doch tue, freut sich mein Gegenüber.<p>Wenn wir das Gespräch auf Französisch geführt hätten, dann wäre...
> ....es ganz anders ausgefallen.<p>Wie nämlich?
> Sollen wir auf Französisch von vorne anfangen? Es ist wie mit der Übersetzung. Der Kommentar zur Übersetzung ist die Übersetzung selber. Ich habe stets versucht, zugleich einen Kommentar zu meiner Übersetzung zu schreiben. Das funktioniert so aber nicht.<p>Das Gespräch führte Heinz-Norbert Jocks
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