Politik

Der Film, die Realität | 07.11.2003 | Friedrich Schorlemmer

Luthers Gewissen

Gebildete und gerechte Leute braucht das Land, würde er heute sagen

7. November. Vor genau 86 Jahren Sturm auf das Winterpalais in St. Petersburg. Und heute? Sturm auf das preußische Herrenhaus in Berlin, in dem der Bundesrat tagt? Natürlich nicht, die Zeiten sind andere. Noch steht der Schacher zwischen Regierung und Opposition im Mittelpunkt, auch wenn echte Reformatoren nirgends zu erkennen sind.

Passender hätte der Film nicht kommen können. Alle reden über Reformen, und in den Kinos sehen wir Martin Luther, den Reformator, der die europäische Welt veränderte. Wir erleben einen Menschen, der sich seines eigenen Verstandes bedient und Zivilcourage in entscheidenden Momenten des Lebens zeigt, der seinem Gewissen folgt und keine Angst davor hat, dass die Karriere oder gar das Leben Schaden nehmen könnten.

Jedes Jahrhundert hat sich seinen Luther gemacht, und wir sind im wesentlichen immer noch geprägt vom Lutherbild des 19. Jahrhunderts: Der protzig-trotzige grobe Mensch, der da auf dem Podest steht und mit dem dicken Finger auf die Wahrheit zeigt. Die Wahrheit ist aber, dass Luther jemand war, in seinen Anfängen jedenfalls, der wollte, dass die Wahrheit ergründet wird. Er vertraute auf die Macht der Argumente und war im Grunde ein sehr dialogischer Mensch. Eine veräußerlichte, verlogene und ungerechte Welt auf die Quelle, nämlich die Bibel, zurückzuführen - das ist sein eigentlicher Antrieb gewesen. Dass Religion kein Seelenschacher sein darf, dass man Gott auch nicht zum verlängerten Arm seiner Geldwünsche machen kann und dass eine Kirche, selbst die, die ganz Großes zu verwalten hat, sich im ganz Schmutzigen verlieren kann, das bringt der Film zur Geltung, wenn auch in amerikanisierter Weise.

Wer hat heute eine Vision? Welche Gewissheiten können uns tragen in all den Schwierigkeiten, in denen wir stecken? Luther ist nicht umsonst Reformator genannt worden, der - aus einem dunklen Winkel Deutschlands kommend - den Reformstau seiner Zeit beklagte und sich an die ganze Welt wandte. Gebildete und gerechte Leute braucht das Land, würde er heute wahrscheinlich sagen. Die permanente mediale Selbstverblödung würde er anklagen und nicht zuletzt die Reichen, die sich kein Gewissen darüber machen, wie es den Armen geht.

Und wer soll die Regierung übernehmen? Auch darauf hatte Luther eine Antwort. Weise und verständige Leute mit Erfahrung sollen es sein. Menschen, die Gesetze und Rechte achten. Denn Narren soll man nicht über Eier setzen, sie zerbrechen dieselbigen nur. Wie viele Narren werden heute in hohe Ämter gewählt, die nicht wissen, was sie tun. Wir dürfen die Welt nicht in Gute und Böse teilen - auch darin ist Luther hochaktuell. Das Böse ist auch in uns selbst, und gerade deshalb soll der Geist Christi die Menschen treiben und nicht der böse Feind.

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