Kultur

Kolumne | 08.04.2005 | Paul Baskerville

Lauschangriff 9/05

Sie wissen, wie es ist, wenn man das Herannahen des Frühlings spürt. Das beeinflusst die Grundstimmung deutlich. Idlewild aus Edinburgh in Schottland ...

Sie wissen, wie es ist, wenn man das Herannahen des Frühlings spürt. Das beeinflusst die Grundstimmung deutlich. Idlewild aus Edinburgh in Schottland haben jahrelang ein Frühlingsgefühl ausgestrahlt, ganz so, als ob sie noch in der Pubertät steckten. Man hatte beim Hören den Eindruck, dass das Beste noch kommen würde. Aber auch der längste Frühling währt nicht ewig, die nächste Jahreszeit kommt bestimmt. Mit Idlewild ist es endlich soweit, aber ich kann den Idlewild-Sommer nicht richtig genießen, sondern vermisse ihren Frühling. Vielleicht ist das ungerecht von mir, ähnlich wie bei Eltern, die es nicht mögen, wenn ihre Kinder erwachsen werden. Das neue Album Warnings/Promises ist das fünfte Werk. Wenn Idlewild jetzt nicht reif werden, wann dann?

Drehen wir die Uhr zurück: Im Jahre 1998 erschien das Debüt-Mini-Album Captain. Es war wie ein Wutausbruch, ein Schmerzensschrei und dementsprechend völlig undiszipliniert. Im selben Jahr erschien das erste "richtige" Album Hope is important. Hier konnte man zum ersten Mal das Potenzial von Idlewild erkennen. Stachelige Gitarrenriffs wurden mit herrlichen Melodien verknüpft. Das Album lieferte den ersten Idlewild Klassiker When I argue I see shapes, der seitdem in jede Indie-Disco gehört. Es folgte im Jahr 2000 100 Broken Windows, ein Album, das sich musikalisch kaum vom Vorgänger unterschied, nur das Songwriting war noch eindrucksvoller geworden. Die Band lebte von ihrem Instinkt und hatte einen eigenen "Rhythmus" gefunden. Zu diesem Zeitpunkt konnten sie nichts verkehrt machen.

Eine gefährliche Phase für Bands ist der Augenblick, indem der Ehrgeiz größer wird als der Instinkt. Ich will nicht sagen, dass es sich bei Idlewild um einen solchen Fall handelte, aber die Platte The Remote Part (2002) taumelte an der Grenze zum Bombastrock. Die Songs waren wieder erstklassig. Punkklassiker ohne Ende, aber eben mit Streicherarrangements. Idlewild wurden immer häufiger mit REM verglichen. Die REM-Momente gab es schon vorher wie bei dem Song I´m happy to be here tonight auf Hope is important, aber das hielt sich in Grenzen und hatte so einen gewissen Charme. Als Idlewild musikalisch immer souveräner wurden, nahm der REM-Einfluss übermäßig zu. Nun war es klar, dass sie gerne Stadionrock spielen würden, was sie auch taten auf Tournee mit Coldplay. Ich habe ihr Konzert in Manchester 2002 gesehen und dort den Kopf und Sänger der Band, Roddy Woomble, interviewt. Er hatte diesen missionarischen Blick, der ihn wie eine unreife Version von Michael Stipe erscheinen ließ, verbunden mit der Angeberei von Bono von U2. Live hegten Idlewild die Ambitionen der Headliner-Band Coldplay, verfügten aber nicht über deren Raffinesse und Klasse. Idlewild waren im Begriff, ihre Punkwurzeln zu verlieren, ohne eine überzeugende Mainstream-Band zu werden.

Warnings/Promises. Man könnte den Albumtitel interpretieren als Warnung davor, dass die Band konservativ, und als Versprechen darauf, dass sie professionell geworden ist. So ist eben das neue Album. die Produktion perfekt, die Harmonien und Backing Vocals ein wahrer Genuß. Es gibt wunderschöne Klänge wie der Gitarrensound beim Stück If I hadn´t slept. Die Bandbesetzung hat sich ein wenig verändert, Idlewild haben jetzt einen neuen Bassisten und einen zweiten Gitarristen. Der Sänger Roddy Woomble ist vor einem Jahr von Edinburgh nach New York gezogen, das Album entstand in Schweden und Kalifornien. Was all die kleinen Veränderungen bewirkt haben, können wir nicht wirklich wissen. Zum ersten Mal waren alle Bandmitglieder am Songwriting beteiligt. Ist das der Fehler gewesen? Wo sind die besonderen, magischen Momente geblieben?

Auf dem Albumcover zitieren Idlewild den verstorbenen amerikanischen Schriftsteller Richard Brautigan, der öfter in den selben Beat-Autoren-Topf wie Ginsberg, S. Burroughs und Gysin geworfen wird: "Es ist eine alte Geschichte", schrieb Brautigan, "jemand kommt hierher und lebt und dann geht er für immer." Klar, das ganze Leben ist befristet. Idlewild hätte ich nicht für immer lieben können. Ich wusste genau, wir würden uns irgendwann auseinander leben. Sie sind zwar noch nicht für immer gegangen, sie sind noch bei uns, und sind im Sinne des erwachsenen Rock-Geistes sogar sehr präsent. Aber wo ist die Leidenschaft geblieben, der Frühling?

Idlewild: Warnings/Promises, Capitol (EMI).

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