Politik

Nachruf II | 16.09.2005 | Otto Köhler

Ein Nonkonformist ...

... den plötzlich viele das "Gewissen der Nation" nennen

Gehofft hatte ich, er werde älter als Jünger. Es hat mich wütend gemacht, dass kriegerische Figuren wie der Stahlgewitter-Hymniker so alt werden. Ernst Jünger starb - hochgeehrt von diesem Staat - mit 102 Jahren, während friedliche Existenzen meist sehr viel früher von uns gehen.

Da sind 95 Jahre doch schon ein Geschenk und Erich Kuby hat sie mit Lebens-Art verbracht. Und das heißt unter Deutschen - mit Verachtung für das Militär, das er noch am eigenen Leibe miterleben musste. So bleibt es seiner Witwe erspart, vom gegenwärtigen Bundespräsidenten mit einem Kondolenzschreiben heimgesucht zu werden. Nein, die infamste Beleidigung nach Kubys Tod kam vom deutschen Nachrichtenmagazin. Spiegel-online rief Kuby nach: " ...als Soldat diente er in Frankreich und Russland". Gedient hat damals ein Helmut Schmidt, ein Rudolf Augstein vielleicht. Erich Kuby aber widerstand auch in der aufgezwungenen Nazi-Wehrmachtsuniform.

Gedient? Etwa dem General Bernhard Ramcke, über den er 1954 für den Nordwestdeutschen Rundfunk (NWDR) sein Hörbild schrieb: Nur noch rauchende Trümmer. Das Ende der Festung Brest. Der verurteilte Kriegsverbrecher Ramcke war die Zentralgestalt für den wieder auferstehenden deutschen Militarismus, den Kuby vehement bekämpfte. Nach seiner verfrühten Freilassung wurde Ramcke, der sich für die Rehabilitierung der SS einsetzte, sofort von Adenauer empfangen. Er verlor den Prozess, den er Kuby machte. Aber die Revival süchtigen Rundfunkanstalten haben dessen Hörbild nie wiederholt.

Gleich nach dem Krieg hatte Kuby am Ruf mitgearbeitet, der legendären Kriegsgefangenenzeitung, die von kommenden bundesdeutschen Geistesgrößen weitergeführt wurde. Und geriet schon da in notwendigen Streit. Alfred Andersch, der den deutschen Soldaten wegen ihrer "erstaunlichen Waffentaten" eine "Unschuld" an Dachau und Buchenwald nachsagte, hielt Kuby entgegen: "Es gibt für einen Deutschen keine positive Haltung zum Kriege, auch nicht in der Form, dass er die Gefallenen als Helden betrachtet."

Der "Bundesnonkonformist", wie ihn der energische Nazimitläufer Friedrich Sieburg in der FAZ nannte, schrieb - so lange das jeweils ging - für die Süddeutsche Zeitung, für den Stern oder den Spiegel. Seine Bücher konnte er am Ende selbst nicht mehr zählen.

In den fünfziger Jahren hatte er auch für die Welt gearbeitet. Doch die ging in den Besitz Axel Springers über. 1962 schrieb er für die zweite Nummer der neuen satirischen Zeitschrift pardon die Titelgeschichte Krieg wegen Axel Springer? Der Pressezar zwang die Grossisten, pardon mit dem Kuby-Artikel von den Kiosken zu nehmen.

Den Krieg bescherte uns schließlich bei allem Bemühen nicht Axel Springer, sondern 1999 die rot-grüne Koalition - das heißt: sie bescherte ihn zum dritten Mal im vergangenen Jahrhundert den Serben und Jugoslawien. Die Bombardierung der Brücke von Varvarin nannte er hier im Freitag ein Kriegsverbrechen, was sonst. Erich Kuby gehörte nicht zu jener Friedensbewegung, die damals begeistert in den Krieg zog und die Humanität wie einen "toten Hund" behandelte.

Die neoliberal gewordenen Medien wollten schließlich von ihm nichts mehr wissen. Er zog sich mit seiner zweiten Frau und seinem spätgeborenen Sohn nach Venedig zurück, in ein touristenfreies Viertel. Von hier schrieb er bis Ende 2003 seine Kolumne Der Zeitungsleser. Noch in seinem 93. Lebensjahr ging ihm seine Jugend in einem "kraß bürgerlichen" Elternhaus nicht aus dem Sinn, "daß ein Ludendorff in unserem Garten den von meiner Mutter kredenzten Kaffee getrunken hat" und "meine Mutter, ungeachtet, daß sie eine der großzügigsten Gastgeberinnen gewesen ist, meiner jüdischen Mitschülerin Ruth keine Tasse Tee angeboten hatte, als ihr klar geworden war, daß zwischen uns eine Liebesbeziehung entstanden war."

Erich, mach weiter! - verlangte Peter O. Chotjewitz noch vor einem Vierteljahr in diesem Blatt zu Kubys 95. Geburtstag. Nun nennen ihn seine Nachrufer, in all den Medien, die nichts mehr von ihm wollten, das "Gewissen der Nation", als könnte die - und insbesondere diese - so etwas haben.

Erich Kuby wurde nicht älter als Jünger. Wir haben es zu bedauern. Er zog es vor, acht Tage vor der "Schicksalswahl" in Deutschland in Venedig still einzuschlafen bei Frau und Sohn. Ein guter Tod, der ihm manches erspart.

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