Kultur

Schaffenskrise | 28.04.2006 | Helmut Merschmann

Tod eines Egomanen

In "Die Zeit, die bleibt" verheddert sich François Ozon im Netz der Selbstzitate

Seit Unter dem Sand, jenem Glücksfall intimer Reflexion, scheint François Ozon auf schwere Stoffe abonniert. Zumindest ist die Erwartungshaltung gestiegen. Die Art und Weise, wie er Charlotte Rampling als um ihren verschwundenen Mann Trauernde in Szene setzte, führte den 38-jährigen Franzosen im Jahr 2000 weg von den Burlesken früherer Tage, hin zum Charakterspiel. Unwillkürlich misst man ihn seitdem an jenem Film. Zwischenzeitlich hat Ozon sich nach Kräften bemüht, diesen Erwartungsdruck zu unterlaufen, indem er freimütig Genres und Erzählstile wechselte. Beim Starvehikel Acht Frauen delektierte er sich mehr am Look der darin auftretenden französischen Diven als sich um den Krimiplot zu scheren. Und der vermeintliche Thriller Swimmingpool blieb nur an der Oberfläche dessen, was zu thematisieren er vorgab: die Schaffenskrise einer Schriftstellerin, deren Leben sich durch Erotik und einen Mord verändert.

Auch Ozons neuer Film Die Zeit, die bleibt gibt nur vor, in die Tiefen menschlicher Existenz hinab zu steigen. In Wahrheit vermag er jedoch kaum die oberflächliche Welt der Klischees zu durchdringen. Ausgangspunkt ist eine Krankheitsdiagnose. Dem 30-jährigen Romain (Melvil Poupaud) wird offenbart, unheilbar an einem Hirntumor erkrankt zu sein. Romain verzichtet auf eine Therapie und beschließt, sein Leben umzustellen: er kündigt seinen Job als Fotograf in der Promi- und Modeszene, verlässt seinen Partner, für den er keine Liebe mehr empfindet, verschweigt seinen Eltern die Krankheit, überwirft sich mit seiner Schwester, deren spießiges Leben als Mutter zweier Kinder ihn angeekelt, und besinnt sich dann doch eines Besseren. Allein die Großmutter (Jeanne Moreau), mit der Romain die Nähe zum Tod verbindet, wird eingeweiht. In einer Mischung aus Trotz, Arroganz und Verletztheit verschafft sich der junge Protagonist die nötige innere Freiheit, um mit seinem Leben ins Reine zu kommen. In der letzten Szene sehen wir ihn am Meeresstrand liegen, einen friedvollen Tod erwartend.

Sonderlich viel Sympathie oder gar Empathie für den selbstbezogenen Helden aufzubringen, fällt schwer. Nur skizzenhaft beleuchtet Ozon seinen Protagonisten und scheint sich selbst nur leidlich in ihm zurechtzufinden. Erneut tritt zu Tage, dass der schwule Regisseur - darin Pedro Almodóvar nicht unähnlich - Frauen viel besser zu inszenieren versteht als Männer. Zu den intimsten Szenen zählt Romains Begegnung mit seiner Großmutter (wobei hier das Kalkül in Rechnung zu stellen ist, dass Ozon einmal noch mit Jeanne Moreau drehen wollte). Besonders verstörend wirkt eine Episode, in der Romain von einer jungen Frau (Valeria Bruni Tedeschi) mit der Bitte konfrontiert wird, sie zu schwängern, da ihr Mann zeugungsunfähig sei. Den sich hier eröffnenden utopischen Spielraum, der in einer Ménage à trois mündet, opfert Ozon allerdings einer etwas naiv-pathetischen Gegenüberstellung von Geburt und Tod, wozu auch die vielen Szenen aus der Kindheit Romains beitragen.

Die Zeit, die bleibt ist das Symptom einer Schaffenskrise. Weder gelingt es Ozon, der auch das Drehbuch verfasste, sich in das Thema zu vertiefen, noch ihm sonderlich neue Seiten abzugewinnen. Das zeigt sich schon daran, dass er allenthalben mit filmischen Selbstzitaten und cineastischen Referenzen operiert. So stammt die Episode, in der Romain sich von seinem Partner trennt, aus dem eigenen Frühwerk Tropfen auf heiße Steine, welches wiederum eine Fassbinder-Adaption ist, die die Machtverhältnisse in einer Liebesbeziehung aufzeigt. Die Auseinandersetzung innerhalb der Familie lehnt sich an Sitcom an, einer schrill-pubertären Farce um eine dysfunktionale Familie, während das Dreiecksverhältnis schon wegen Valeria Bruni Tedeschi an Ozons letzten Film, den rückwärts erzählten 5x2, denken lässt.

Und die letzten Szenen am Meer sind einer französischen Mythologie des Strandlebens entlehnt, die Ozon bereits in Kurzfilmen aufgegriffen und in späteren Werken wie Besuch am Meer oder eben Unter dem Sand behandelt hat. Man könnte sagen, dass der Regisseur sich den etwas bizarren Luxus leistet, parallel zu den episodischen Introspektionen seines Helden, das eigene filmische Schaffen Revue passieren zu lassen. Zu wünschen ist ihm, dass er dem damit selbst geschürten Erwartungsdruck Stand hält und demnächst mit einer neuerlichen Überraschung aufwartet. Vielleicht ein Stoff, der ihn selbst berührt?

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