Kultur

Textgalerie | 02.06.2006 | Michael Braun

Kein Weltbewusstsein

Kolumne

"Der Mensch", so lehrte einst der junge Marx in seiner Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, "das ist kein abstraktes außer der Welt hockendes Wesen". Bei seiner Verankerung im Sozialen sei das bürgerliche Individuum nicht nur in einen Staat, eine Sozietät eingebunden, sondern auch in ein falsches Bewusstsein. Denn in der Sozietät entstehe die Religion, "ein verkehrtes Weltbewusstsein", das ideologische Resultat einer "verkehrten Welt". Diese dialektische Pointe schloss den ideologiekritischen Anspruch auf ein "richtiges Weltbewusstsein" ein.

Das sprechende Subjekt im Gedicht von Michael Lentz hat solche Gewissheit verloren, sein "weltbewusstsein" ist nur noch eine rätselhafte gewordene Kategorie, eine kryptische Formel, ein begrifflicher Fremdkörper, der isoliert durch die Verse treibt. Es scheint, als wäre dieses Subjekt nur noch ein ratloses, "außer der Welt hockendes Wesen". Wenn nach dem Ort des "weltbewusstseins" gefragt wird, gibt es keine Antworten mehr. Stattdessen drängen sich hastig hervorgestoßene Fragen und hilflose Definitionsversuche vor, oft nur noch als grammatisch falsche Satzstummel ("was das akzeptiert ist") in den Vers gestellt. Das blinde Handeln jenseits aller inhaltlichen Bestimmtheit ("wo da jemand was tut"), das schiere Aufbegehren, die niedlichste Banalität ("wo da jemand mücken verscheucht") werden als Kriterien für ein "weltbewusstsein" angeführt. So gerät alles ins Beliebige. Das Subjekt kann keine festen Konturen für das "weltbewusstsein" finden, es kann nur noch Fragen stellen oder Wörter-Listen repetieren. Selbst die Räsonnements über Krieg oder Frieden ("ein luftschlag. / ein frieden") laufen leer, haben keine Substanz.

Michael Lentz ist ein radikaler In-Frage-Steller, ein Autor, der alles de-konstruieren will, was die literarische Tradition und nicht zuletzt seine eigene Schreibpraxis an ästhetischen Normen aufgebaut hat. Zur Eigenart eines bekennenden Experimentaldichters, als den man Lentz immer wieder rubriziert hat, gehört das nicht. Das "weltbewusstsein" ist dem Subjekt des Gedichts abhanden gekommen, aber auch die Gewissheit einer "richtigen" Poetik.

In seinem Gedichtband Aller Ding(2003), in dem die vergebliche Suchbewegung nach dem "weltbewusstsein" stattfindet, hat Michael Lentz nicht dem Spiel mit "Konstellationen" oder "Permutationen" gehuldigt, sondern die Grenzen jedes literarischen Sprachspiels kenntlich gemacht. Das ganze Repertoire der konkreten Poesie, der Lautdichtung, des Lettrismus und Dadaismus, des systematischen Zeichen-Verwirrspiels wird in diesem Buch noch einmal aufgerufen und in teilweise minimalistischen Exerzitien durchgespielt. Dabei geht es aber nicht um die poetische Confessio eines inbrünstigen Wort- und Sprachakrobaten, sondern um die finalen Grenzpunkte eines Sprachspiels, dem keine neuen Energien mehr abgewonnen werden können. All die "Gedichteten Gedichte", die "Konzepte und Rezepte", "Formate und Formalereien", die Lentz hier präsentiert, markieren nicht etwa einen poetischen Neuanfang, sondern tragen die Signatur des Abschieds. Das "weltbewusstsein", so müssen wir am Ende des Gedichts feststellen, ist "ein versehen". Also: Ein aus Unachtsamkeit entstandener Fehler. Oder, aktivisch verstanden: Eine Intervention des Subjekts, das an der Entstehung von etwas mitwirkt. Das bleibt offen. Und schon wird das nächste rätselhafte "weltbewusstsein" herangespült.

Michael Lentz, geboren 1964 in Düren, gewann 2001 den Ingeborg-Bachmann-Preis mit dem Prosatext Muttersterben. Seine lyrische Meditation über das "weltbewusstsein" ist dem 2003 vom Frankfurter S. Fischer publizierten Band Aller Ding entnommen.

Michael Lentz

ein weltbewusstsein. wo das ist.

wo das kreise zieht. was das akzeptiert ist.

wo da jemand zuhört. wo da jemand was tut.

wo da jemand einen mucks tut. wo da jemand

aufmuckt. wo da jemand mücken verscheucht.

ein weltbewusstsein. ein schlechtes

wetter. ein schwerer stolz eine pflicht

ein luftschlag.

ein frieden.

ein weitermachen.

eine sorgfalt.

eine realität.

ein versehen.

und noch ein weltbewusstsein.

'; $jahr = '2006

 
Senden Bookmarken Drucken


Meistkommentiert
7 Tage
Monat
Bisher
Liebeshandlung - Eugenides

Berlinale

Freitag_Salon

PortletSalon_120216.png

Christoph von Marschall Was ist mit den Amis los? Herder Verlag 2012

260 Seiten. Gebunden.

18,99
 
Warum sie an Barack Obama hassen, was wir lieben. 2012 steht in den USA im Zeichen des Präsidentschaftswahlkampfs und auch Europa schaut gespannt zu. Christoph von Marschall erklärt die unterschiedlichen politischen Kulturen dies- und jenseits des Atlantiks und entlarvt typische Vorurteile auf beiden Seiten >> mehr
Occupy

portlet_occupy.png

Augstein und Blome

IGEL

portlet_IGEL.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Anti-Terror-Zelle Kraftklub

Ausgabe 06/12
09.02.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_05_06.jpg

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG