Politik

Die "Irakisierung" Afghanistans | 25.05.2007 | Jürgen Rose

Tod der Nibelungen

Ist die NATO auf Gedeih und Verderb zum Weitermachen verdammt?

"Uneingeschränkte Solidarität" sicherte Gerhard Schröder nach den Terrorattacken vom 11. September 2001 den Vereinigten Staaten zu, assistiert von Peter Struck, der beteuerte: "Heute sind wir alle Amerikaner." Seitdem führt die Berliner Republik bündnistreu und ergeben Krieg am fernen Hindukusch. Dass dabei Völkerrecht und Grundgesetz auf der Strecke bleiben - wen stört es?

Völlig taub für alle Warnungen verstrickt die schwarz-rote Bundesregierung die deutschen Streitkräfte immer tiefer in das sich abzeichnende Desaster auf dem afghanischen Kriegsschauplatz - ungeachtet der Tatsache, dass eine überragende Mehrheit der deutschen Bevölkerung genau dies strikt ablehnt. Vergebens auch die Frage nach einer klaren politischen und militärischen Strategie für dieses Abenteuer. Zugleich wird die "Mission Impossible" zum Prüfstein des nordatlantischen Bündnisses erklärt. Wer für einen Rückzug eintrete, mache die Bundesrepublik zum Totengräber der Allianz, heißt es - Bündnisräson als Ersatz für fehlenden sicherheitspolitischen Verstand.

Systematisch ignoriert werden die warnenden Stimmen im Lande von Oskar Lafontaine bis zu Bayerns Innenminister Beckstein, der von einer "erhöhten Gefährdungslage in Deutschland" spricht und als Grund hierfür die "Ausweitung des Bundeswehr-Einsatzes in Afghanistan" sieht. Er tut dies zu recht angesichts der Warnung des Taliban-Führers Mullah Obaidullah Achund, der verkündet hat: "Deutschland ist ebenso ein Feind für die wahrhaft Gläubigen wie die USA."

Den Preis für diese Politik der Verantwortungslosigkeit haben erneut Soldaten der Bundeswehr bezahlen müssen; diesmal verloren sie in Kunduz Leben und Gesundheit. Dabei kam das Selbstmordattentat wahrlich nicht überraschend, hatte der afghanische Widerstand doch schon seit längerem eine große Frühjahrsoffensive angekündigt - allein 1.000 potenzielle Selbstmordattentäter sind Anfang März nach Angaben des Taliban-Kommandeurs Mullah Hajatullah Khan in den Norden entsandt worden. Einer von ihnen hat am 19. Mai sein Ziel gefunden. Was tun die anderen? Es scheint aussichtslos, die fortschreitende "Irakisierung" der Verhältnisse am Hindukusch aufhalten zu wollen.

Dessen ungeachtet verstärken die von den Afghanen immer mehr als Besatzungstruppen wahrgenommenen ausländischen Streitkräfte ihren Kampf gegen einen hartnäckigen Gegner, von dem Landeskenner sagen: Ihm wird die alles entscheidende Niederlage nicht beizubringen sein. Vor allem die US-Militärs tun sich durch exzessive Gewalt hervor - immer wieder fallen ihren Angriffen unbeteiligte Zivilisten zum Opfer wie am 4. März im Straßendorf Spinpul, in dem US-Marines ein Massaker verübten.

Die NATO-Mission am Hindukusch ist inzwischen dabei, sich als unverhüllter Kolonialkrieg gegen das Selbstbestimmungsrecht der Paschtunen zu richten. Dafür ist nun auch die Bundeswehr in Haftung genommen, seitdem Tornado-Kampfflugzeuge nach Mazar-i-Sharif verlegt wurden, um Ziele aufzuklären, die anschließend unter Umständen bombardiert werden. So sind bei einem Luftangriff im Bezirk Sangin (Provinz Helmand) am 8. Mai mindestens 21 Zivilisten getötet worden. Kurz zuvor haben in den Dörfern Bakhtabad und Parmakan (Provinz Herat) mindestens 57 Zivilisten, darunter 17 Kinder und zehn Frauen, amerikanische Luftangriffe nicht überlebt.

Angesichts solchen gegen unschuldige Menschen verübten Terrors ist es nur allzu berechtigt, wenn der aus Pakistan stammende Tariq Ali, einer der bedeutendsten britischen Schriftsteller, fragt: "Müssen europäische Soldaten zum Töten und zum Sterben geschickt werden, nur um die Hegemonie des amerikanischen Imperiums zu gewährleisten?" Statt einer Antwort fällt Minister Franz-Josef Jung angesichts des Sterbens auf den afghanischen Killing Fields nur der markige Spruch ein: "Ich spreche nicht vom Scheitern!"

Dipl. Päd. Jürgen Rose ist Oberstleutnant der Bundeswehr. Er vertritt in diesem Beitrag nur seine persönlichen Auffassungen.

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