Kultur

Wissen | 21.12.2007 | Hans-Georg Hofer

Streit um die Wechseljahre beim Mann

Ein Bonner Medizinhistoriker untersucht die Wurzeln der aktuellen Debatte

Für die einen sind die "männlichen Wechseljahre" eine der wichtigsten medizinischen Entdeckungen der vergangenen zehn Jahre. Für die anderen sind sie nichts weiter als eine Erfindung der Pharmaindustrie, die blendende Geschäfte verspricht. Der Bonner Medizinhistoriker Hans-Georg Hofer hat nach den Wurzeln dieser Debatte gefragt und ist zu einem überraschenden Befund gekommen.

Schon 1910 schrieb der Berliner Nervenarzt Kurt Mendel einen Aufsatz über das "Climacterium virile", das er allerdings als "Nervenleiden" ansah. In den Jahren danach machten viele Forscher die von den Keimdrüsen erzeugten "inneren Sekrete" als Übeltäter aus, die im Alter nicht mehr reichhaltig genug gebildet würden. "Ein Mann ist so alt wie seine Keimdrüsen", spitzte der Wiener Physiologe Eugen Steinach diese Meinung zu. Der Mann als Marionette seiner Hormone - diese rein mechanistische Denkweise findet sich auch in der aktuellen Debatte.

"Allerdings gab es schon damals an der Idee der ›männlichen Wechseljahre‹ viel Kritik", betont Hofer. "So fehlte es manchen Ärzten an einer trennscharfen Definition des angeblichen Krankheitsbildes - auch das ein Kritikpunkt, der heute noch häufig vorgetragen wird." Zudem suggerierte der Begriff "Klimakterium", die Alterungsprozesse des Mannes ähnelten stark denen der Frau - eine Parallele, die vielen Kritikern zu weit ging.

Dessen ungeachtet brachte die Gesellschaft für chemische Industrie in Basel (CIBA) 1931 mit Androstin ein Antiklimakterium-Präparat für den Mann auf den Markt; Schering folgte 1932 mit Proviron. "Sonderlich erfolgreich waren beide Medikamente nicht, ebenso wenig wie die ersten künstlichen Testosteron-Präparate, die Ende der 1930er Jahre herauskamen", sagt Hofer. Zu wenig vertrug sich das Bild vom starken Geschlecht mit der Idee der Wechseljahre. Die Nationalsozialisten hätten das Klimakterium am liebsten sogar noch bei der Frau abgeschafft - sie taten die Stimmungsschwankungen und andere Beschwerden als bloßes Zeichen von Willensschwäche ab.

Heutzutage erschließt die Pharmabranche damit neue Märkte: "Viagra hat demonstriert, wie viel Geld sich mit der Zielgruppe der alternden Männer verdienen lässt." Vertriebswege wie das Internet hätten zudem völlig neue Möglichkeiten geschaffen, diese Zielgruppe auch zu erreichen.

Hofer registriert zudem in den vergangenen Jahren ein zunehmendes Medieninteresse an männerspezifischen Gesundheitsproblemen. "Man könnte das als Ausdruck der Emanzipation deuten: Heutige Männer verstecken ihre ›Wehwehchen‹ nicht mehr, sondern sprechen darüber und lassen sie auch behandeln." Zumindest beim Thema "männliche Wechseljahre" greift dieses Argument aus seiner Sicht jedoch nicht: "Hormonpflaster und Testosteron-Injektionen werden häufig mit dem Versprechen beworben, mit ihnen lasse sich die Zeit zurückdrehen". Fotos kraftvoller Bogenschützen mit grauen Schläfen versprechen auf Werbeflyern uneingeschränkte Leistungsfähigkeit und ewige Jugend. Bei Frauen dienen die Präparate dazu, Beschwerden während der Menopause zu mildern, bei Männern sollen sie den Alterungsprozess umkehren. "Die Botschaft lautet: Frauen können gegen das Alter nichts machen, Männer dagegen schon."

Was Hofer an der aktuellen Diskussion zu den "männlichen Wechseljahren" kritisiert, ist die Unvereinbarkeit der Positionen sowie eine Reduktion des alternden Mannes auf seinen sinkenden Testosteronspiegel: "Die Zuspitzung Fakt oder Fiktion, Mythos oder Wahrheit greift zu kurz. Viele Männer zwischen 45 und 60 haben ganz reale Beschwerden, und manchen kann vielleicht auch durch Hormongaben geholfen werden." Andere wiederum fühlen sich trotz niedriger Hormonwerte pudelwohl in ihrer Haut. "Die Idee, alles auf Hormone zurückzuführen, ist viel zu mechanistisch", meint Hofer. "Als monokausale Erklärung für Altersbeschwerden beim Mann taugt sie nicht."

Der Beitrag Medizin, Altern, Männlichkeit von Hans-Georg Hofer ist nachzulesen im Medizinhistorischen Journal 42/2007, S. 210-246.

 
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