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Auf dem Gipfel ...
Auf dem Gipfel
"Ich akzeptiere nicht, was dieser Bush macht", sagt ein Mensch, den sie in Deutschland als Asylbewerber behandeln bei einer Demonstration im Rahmen der G 8-Proteste in die Kamera von Martin Keßler. Diese Szene ist bezeichnend für den Film Das war der Gipfel, den der Fernsehjournalist und Videofilmer Keßler jetzt auf DVD veröffentlicht hat. Keßlers Aufnahmen erscheinen in einer Reihe, die sich Neue Wut nennt, und die ausgehend von den Hartz-IV-Demonstrationen vor ein paar Jahren das Keimen einer heterogenen, sprunghaften, aber spürbaren gesellschaftlichen Artikulation von Unzufriedenheit mit der (Sozial)Politik in den Zeiten des Neoliberalismus dokumentiert. Wütend ist der Mann vor Keßlers Kamera, aber nicht unverschämt; er könnte ja auch "Scheiß-Bush" rufen. Stattdessen bemüht er eine Formulierung, die von einer Pressekonferenz stammen könnte und - das ist komisch und wahr zugleich - als würde der amerikanische Präsident auf seine Meinung etwas geben. Darin steckt das stolze Bewusstsein marginaler Subjektivität, das Keßlers Arbeit von sich selbst hat. Durch seine Kamera wird der Mensch, der nirgendwo vorkommt, Teil eines medialen Diskurses.
Im Fernsehen
Als Teilnehmer an den Protesten kann Keßler selbst nicht anders als subjektiv sein. Am Ende äußert ein Polizist verärgert, der Videofilmer sei den Sicherheitskräften schon wiederholt aufgefallen. Das war der Gipfel ist deshalb weniger nachgereichte Analyse als vielmehr Vergegenwärtigung einiger Tage im letzten Juni, ein Dokument der Erinnerung, alle Unwägbarkeiten inklusive. Warum die Großdemonstration in Rostock eskalieren musste, bleibt vor Keßlers Kamera ungeklärt; versammelt sind Stimmen, Meinungen, Ansichten, denen der Film mit Distanz begegnet. Für alles, was außerhalb seiner Wahrnehmung geschieht, bleibt Keßler nur das Fernsehen. Das Abfilmen von Nachrichtensendungen und Magazinbeiträgen hat einen sonderbaren Effekt: Durch die Verdopplung der Bilder scheint die Inszenierung der medialen Realität mit aller Deutlichkeit auf.
Martin Keßler Das war der Gipfel. Neue Wut 3. 22,50 EUR (für Schüler, Studenten, Erwerbslos 12,50 EUR). Zu beziehen über: bestellung@neueWUT.de
Unterm Hammer
Alles andere als subjektiv zu sein, ist das Anliegen von Herdolor Lorenz und Leslie Franke. Bereits vor drei Jahren haben die beiden Filmemacher der Veräußerung der öffentlichen Wasserversorgung kritisch nachgeforscht. In Bahn unterm Hammer geht es nun um - oder vielmehr: gegen - die Privatisierung der Deutschen Bahn. Die Entscheidung darüber, nach erheblichem Widerstand im letzten Jahr aufgeschoben, soll noch in dieser Legislaturperiode fallen. Insofern bleibt der Film von argumentativer Aktualtität. Lorenz und Franke stellen die Frage nach Sinn und Unsinn der Privatisierung zumindest ergebnisoffen, ("Unternehmen Zukunft oder Crash-Fahrt auf den Prellbock?") ermitteln aber vor allem in eine Richtung: Der Film verhehlt nicht, dass er sich gegen den Verkauf dessen wendet, was alle bezahlt haben. Dabei setzt er aber nicht auf die Kraft der Agitation, sondern münzt seinen Furor in eine ausführliche Recherche um. Die Filmer unternehmen Ausflüge nach England und in dieSchweiz, um anschaulich zu machen, wohin Privatisierung führen beziehungsweise was ein staatlicher Bahnbetrieb leisten kann. Prominente Kritiker wie Berlins Finanzsenator oder der Kolumnist der Financial Times Deutschland kommen ebenso zu Wort wie Experten, Pendler und Gleisarbeiter, die ihre je eigene Sicht der Dinge schildern. Und vielleicht liegt gerade in der Erzählung von Letzteren die größte Beunruhigung, weil da spürbar wird, wie der Kapitalismus auf fast unmerkliche Weise die menschlichen Beziehungen zerstört.
H. Lorenz/L. Franke Bahn unterm Hammer. Unternehmen Zukunft oder Crash-Fahrt auf den Prellbock? 12,90 EUR bei zweitausendeins.de
Ausgabe 35/10
02.09.2010
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