Politik

Nachgefragt | 09.05.2008 | Interview

Wie lässt sich die biologische Vielfalt noch retten, Frau Schweigler?

Täglich sterben über Hundert Tier- und Pflanzenarten aus. Mitte Mai findet deshalb in Bonn eine globale Konferenz statt. Wie glaubwürdig ist ...

Täglich sterben über Hundert Tier- und Pflanzenarten aus. Mitte Mai findet deshalb in Bonn eine globale Konferenz statt. Wie glaubwürdig ist Deutschland, wenn es um den Erhalt der biologischen Vielfalt geht?

Wenig; viele Biotope, Wälder und Tierarten sind bedroht. Und ausgerechnet die staatliche Genbank in Gatersleben führt gentechnische Versuche an Weizen durch. Sie gefährdet damit ältere Sorten auf angrenzenden Äckern.

Inwiefern ist die biologische Vielfalt eine strategische Ressource?

60 Prozent aller Medikamente gäbe es ohne Extrakte aus Heilpflanzen nicht. Vor allem die Pharmaindustrie nutzt genetische Codes für neue Produkte. Aber sie forscht weniger, als dass sie kopiert: Die Jäger vom Stamm der San im Süden Afrikas etwa nutzen einen Stoff aus dem Hoodia-Gordonii-Kaktus, um auf Streifzügen durch die Wüsten ihren Hunger zu unterdrücken. In Europa liegt dieser Stoff nun als Appetitzügler in den Apotheken aus.

In Bonn soll über einen "gerechten Vorteilsausgleich" verhandelt werden, damit die indigenen Gemeinschaften vom westlichen Forschungseifer profitieren ...

... Eigentlich ist der Gedanke gut, aber letztlich werden genetische Codes privatisiert. Und wer Ausgleichszahlungen akzeptiert, erklärt sich mit der Patentierung des Lebens einverstanden. Während im Norden die Gewinne in die Milliarden steigen, erhält der Süden nur ein paar Prozent - es ist, als tausche man Glasperlen gegen Gold.

Sollte denn ganz auf einen gerechten Vorteilsaustausch verzichtet werden?

Die indigenen Bevölkerungen sammelten ihr Wissen über Jahrhunderte an, nun sollen sie es verkaufen. Dabei ist traditionelles Wissen über Heilpflanzen nicht auf ein Volk oder einen Staat begrenzt. Die Industrie - so befürchte ich - will nur die Gruppe begünstigen, die als erstes ihr Wissen verkauft. So entsteht Konkurrenz, was die Preise fallen lässt. Trotz allem sollte man den Vorteilsaustausch als verbindlich erklären.

In Bonn wird nicht mit den indigenen Bevölkerungen verhandelt, sondern mit den Staaten, auf dessen Territorium sie leben.

Genau - und das ist ein Manko. Zudem fehlt es an Garantien, dass die Ureinwohner überhaupt einen Ausgleich erhalten. Am besten wäre es, sie würden in Bonn nicht nur beraten, sondern mitverhandeln. Aber um den Artenschwund zu bremsen, müsste man die Umweltzerstörer belangen.

Die Fragen stellt Dirk F. Schneider

Anne Schweigler ist in der BUKO-Kampagne gegen Biopiraterie. Über Pfingsten findet in Dortmund der 31. BUKO-Kongress statt.

 
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