Politik

Nachgefragt | 23.05.2008 | Interview

Wohin driftet Südamerika, Herr Houtart?

Westlichen Politikern - wie kürzlich Angela Merkel - fällt es angesichts der politischen Veränderungen in Südamerika nicht leicht, den richtigen Ton ...

Westlichen Politikern - wie kürzlich Angela Merkel - fällt es angesichts der politischen Veränderungen in Südamerika nicht leicht, den richtigen Ton zu treffen. Wie tiefgreifend wandelt sich der Kontinent?

Es findet derzeit eine enorme Richtungsänderung statt. Die Menschen suchen nach Ordnungsmodellen jenseits gängiger, neoliberaler Vorstellungen. So scheiterte bereits eine panamerikanische Freihandelszone. Zugleich entstehen neue Initiativen wie das Handelsbündnis "Bolivarianische Alternative" ALBA. Bislang wird aber keine postkapitalistische, geschweige denn sozialistische Gesellschaft errichtet.

Was wäre denn dazu nötig?

Es müsste massiv auf erneuerbare Naturressourcen gesetzt werden, die unter kollektiver Verwaltung zu stehen haben. Als nächstes gilt es, alle sozialen Beziehungen zu demokratisieren und auf Multikulturalität zu setzen. Schließlich muss sich - abstrakt gesprochen - eine Ware an ihrem Gebrauchswert messen lassen und nicht an ihrem Tauschwert. Immerhin ist in Lateinamerika der Kapitalismus stärker delegitimiert als anderswo in der Welt.

Welche soziale Gruppe wird denn diese nachkapitalistische Ethik verteidigen?

Bislang formulieren einzig die sozialen Bewegungen neue Ideen. Diese kommt nicht mehr nur der Arbeiterklasse, sondern allen sozialen Gruppen weltweit zugute. Sie sind das neue historische Subjekt.

Inwiefern kann Kuba in ökologischer Hinsicht als ein Modell für den Kontinent dienen?

Kuba wird von Umweltorganisationen bescheinigt, die Prinzipien des ökologischen Gleichgewichts zu respektieren. Das liegt nicht nur an der geringen Industrialisierung und den wenigen Autos, sondern auch an der dezentralen Stromerzeugung und dem Einsatz energiearmer Glühbirnen und Kühlschränke.

Wie sehen Sie Venezuelas Ölreichtum?

In Venezuela, Bolivien und Ecuador sehe ich die Regierungen im Dilemma: Sie müssen einerseits auf Öl und Gas setzen, um die Armut zu lindern und wirtschaftliche Entwicklung zu garantieren. Zugleich sollen sie solidarische Politik mit ärmeren Ländern der Region zeigen und ökologischen Anforderungen gerecht werden. Aber, so sagte schon der italienische Marxist Lelio Basso, man sollte den "kleinen Schritten" nicht misstrauen.

Das Gespräch führte Ben Beutler

Der Belgier François Houtart studierte Soziologie und katholische Theologie. Er ist Mitbegründer des Weltsozialforums.

 
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