Kultur

Randgänge | 15.08.2008 | Erhard Schütz

Scharfer Spott

Dreirat

Scharfer Spott

"Von allen Souveränitätsrechten liegt dem edlen Fürstentum natürlich weitaus am meisten an der Steuerhoheit. Dank ihrer konnten sich 579 Aktiengesellschaften auf drei Quadratmeilen ansiedeln." Ein "Parasit" sei Liechtenstein, so Hellmut von Gerlach, eine "Eiterbeule", die aufgestochen werden müsse. So in der Weltbühne, am 21. 2. 1933. Man war dort nicht zimperlich. Bissig gegen alles, was politisch oder kulturell irgend nach Reaktion oder Stumpfsinn klang. Und das war sehr viel. Nur Weniges aus der Ägide des legendären Carl von Ossietzky der Jahre 1918 bis 1933 ist in dieser engagierten Auswahl versammelt, doch ist es ein mächtiger Band, dem man gerne mehr Leser als der Weltbühne damals wünschte. Denn niedriger als die Auflage des Freitag heute war das: ganze 15.000. Doch welche Namen, welch scharfe Intelligenz und prägnante Sprache. Welch Zorn und Spott! "Es braucht ein hohes Ideal / der nationale Mann, / daran er morgens allemal /ein wenig turnen kann. / [...] Das Dritte Reich? / Bitte sehr! Bitte gleich!" - spöttelte Theobald Tiger. 1936 turnte in Deutschland die Welt zu Gast, olympische Nazifreunde und Opportunisten. Da gab´s im Exil die Neue Weltbühne, inzwischen unter dubiosen Besitzverhältnissen und arg moskautreu.

Friedhelm Greis u. Stefanie Oswalt (Hg.) Aus Teutschland Deutschland machen. Ein politisches Lesebuch zur ‚Weltbühne´, Lukas, Berlin 2008, 540 S., 29,80 EUR

Bunte Tücher

Jochen Klepper, tief christlich geprägter Autor, der sich 1942 zusammen mit seiner den Nazis als jüdisch geltenden Familie das Leben nahm, war Anfang August 1936 mit den Seinen Unter den Linden, auf der "via triumphalis" der Olympiade unterwegs gewesen; beeindruckt, noch mehr erschaudert, hatte er sich alsbald daran gemacht, das Gesehene in Sonetten zu verarbeiten: "Denn wer sah Größres als die Flammenschale, / vor der sich aller Länder Fahnen neigen?" Klepper hingegen sieht bloß "ungeweihte, bunte Tücher" und hört in der Olympia- die Totenglocke Europas. Günter Holtz hat liebevoll und besorgt diese Sonette, ihre Kontexte, Fotos und eine vom gleichen christlichen Glauben getragene Interpretation in einem Bändchen vorgelegt, das, auch wenn es den Titel Olympiade der Hybris trägt, in seinem Tenor dem Aktuellen nicht stärker Widerpart halten könnte als gerade jetzt.

Günter Holtz Olympiade der Hybris. Jochen Kleppers dichterische Kritik an den Berliner Sommerspielen 1936, Berlin: Selbstverlag des Autors 2008, 148 S., 19,50 EUR

Absurdes Theater

Giorgio Strehler hat Beckett gefragt, was Brecht ihn hatte - nicht ohne Polemik - fragen wollen: Wo Wladimir und Estragon während des 2. Weltkriegs waren. Becketts Antwort: In der Résistance. Das scheint eine befremdliche Festlegung. Warten auf Godot, 1953 uraufgeführt - wohl kein anderes Stück ist so zum Inbegriff des Absurden Theaters geworden, für das aufgeboten wurde: Sinnentleerung, Entfremdung, Kommunikationsverlust, Entortung und Entzeitlichung, Entgeschichtlichung sowieso. Und wer zwischen Gott und der Welt sollte Godot, der ausbleibt, nicht alles gewesen sein! Nun sagt einer: Tatsächlich war er ein Schleuser. Zwei warten auf ihn in Frankreich, um von ihm vor den Häschern über die Grenze gebracht zu werden. Wladimir und Estragon sind keine Clowns oder Penner, sondern aus Paris geflohene Juden, Frühjahr 1943. Wahrlich absurd, oder? Indes, folgt man der ebenso verblüffenden wie zwingenden Beweisführung von Pierre Temkine, die damit startet, dass das Verbot, den Eiffelturm zu betreten, über das die beiden sinnieren, weder für Clowns und Clochards, wohl aber für Juden unter der deutschen Besatzung galt, um dann Indiz an Indiz zu ketten, dann zeigt einem Becketts Stück nun den denkbar konkretesten historischen Ort des Absurden.

Pierre Temkine Warten auf Godot. Das Absurde und die Geschichte, Berlin: Matthes & Seitz 2008, 190 S., 14,80 EUR

 
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