Kultur

Im Kino | 03.10.2008 | Gerhard Midding

Burn after Reading

Als junger Kritiker gab François Truffaut seinen Lesern gern deutliche Empfehlungen; keineswegs immer nur zu Gunsten eines Films. Seinen Artikel über ...

Als junger Kritiker gab François Truffaut seinen Lesern gern deutliche Empfehlungen; keineswegs immer nur zu Gunsten eines Films. Seinen Artikel über Anastasia von Anatole Litvak beendete er 1956 mit dem Rat an die Kinogänger: "Litvak verachtet Sie, also strafen Sie ihn Ihrerseits mit Verachtung."

Den zahlreichen Fans der Coen-Brüder gäbe man diesen Rat sicher vergeblich: Sie würden sich wohl kaum dabei ertappen lassen, nicht ebenso smart zu erscheinen wie die beiden Filmemacher. Ihre Moral ist die der erzählerischen Überlegenheit, ihr Stilprinzip das einer ironischen Virtuosität, die sich gern von aller Verbindlichkeit entlastet sieht. Die Dialoge klingen bei ihnen stets mühelos geschliffen, die Kamera besitzt eine schwerelose Agilität, die Perspektiven sind launig ausgefallen, und die Montage ist flink. Ihr neuester Film strotzt vor Genugtuung, wieder einmal Charaktere erfunden zu haben, die ihrer Verächtlichkeit vollends würdig sind.

Burn after Reading - Wer verbrennt sich hier die Finger? ist eine böse Sittenkomödie, die sich Washington als ein Terrain der Duplizität und Irrungen erschließt. Nachdem der CIA-Beamte Cox (John Malkovich) von seinen Vorgesetzten geschasst worden ist, will er aus Rachsucht seine Memoiren verfassen. Seine Frau (Tilda Swinton), die sich von ihm scheiden lassen will, verliert eine CD des Manuskripts in ihrem Fitness-Center. Zwei der Trainer (Frances McDormand und Brad Pitt) glauben, auf ein streng geheimes Dossier gestoßen zu sein, mit dem sich viel Geld verdienen lässt. Die unehrlichen Finder - sie ist besessen davon, sich mit Schönheitsoperationen aufzurüsten für die Wechselfälle des Internet-Dating, er ein unternehmungslustiger Kindskopf - überschätzen zwar ebenso wie der Verfasser die Brisanz der Enthüllungen, lösen mit ihren dilettantischen Rankünen jedoch eine Kette von Verheerungen aus.

Mit bewährtem, genrekundigem Geschick verschränken die Coens Motive der Spionage-Satire mit denen der Screwball-Comedy. Alle Welt betrügt sich in diesem Reigen der unerfüllten Lebensträume und berechtigten Verdächtigungen. Auf zweifache, wenn auch nicht doppelbödige Weise erscheint in diesem launigen Paranoia-Film der Argwohn triftig: Jeder Passant könnte ein Agent sein und auf jeder Parkbank ein aussichtloses Rendezvous lauern. Irgendwo verbirgt sich in dieser Geschichte auch eine wehmütige Klage über Einsamkeit und Misstrauen. Aber die Coens haben es geflissentlich versäumt, ihren Darstellern davon zu erzählen. Stattdessen inszenieren sie temporeich - erstaunlich, wie viele entscheidende Dinge zwischen den Schnitten, in Ellipsen stattfinden - ein Pandämonium der Lächerlichkeit, in dem keine Läuterung vorgesehen ist. Das erweist sich bald als ein statisches Erzählmodell, da die Narrheit der Figuren nicht Pointe, sondern bereits Prämisse der Szenen ist. Abgrundtief dumme Charaktere sind sowohl für Schauspieler wie auch für Zuschauer letztlich ermüdend, weil sie keinen Raum zur Entwicklung lassen. Einzig Frances McDormand hat die Chance, ihre Figur auf eine Verletzbarkeit hin zu erkunden. Wenn sie jedoch beim Schönheitschirurgen ein Inventar ihrer Mängel darlegt, steht ihr in den demütigendsten Momenten offenkundig ein Körperdouble bei. Die anderen Darsteller agieren so, als hätten sie eine ähnliche Rückversicherung: Bei allem mimischen und gestischen Elan, mit dem sie sich zum Affen machen, lassen sie nie einen Zweifel daran aufkommen, dass sie natürlich nicht so einfältig sind wie die Figuren. Niemand läuft hier Gefahr, sein Image aufs Spiel zu setzen, allzu nachdrücklich hält jeder Schauspieler seine Rolle auf Abstand.

Mit Wohlgefallen betrachten die Coens die Manipulierbarkeit ihrer Geschöpfe, folgen amüsiert der absurden Bestimmung, die sie ihnen auferlegt haben. Ihrem arglosen Nihilismus ist nichts heilig und der Tod nur ein Slapstick-Effekt. Bezeichnenderweise sind jene Szenen am witzigsten, in denen Cox´ ehemalige Vorgesetzte versuchen, einen Sinn hinter den haarsträubenden Verwicklungen zu erkennen. Mit gleichgültiger, geradezu erhabener Verwunderung verfolgen sie die Torheiten der Akteure. Sie erscheinen ihnen von erbärmlicher Nichtigkeit. Es ist behaglich, so weit von ihnen entrückt zu sein.

 
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