Eine deutsche Erfolgsgeschichte
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Eine deutsche Erfolgsgeschichte

Sandmann |

Wie Rotkäppchen-Sekt, Ampelmännchen und Rechtsabbiegerpfeil, gilt auch das Sandmännchen als Wendegewinner. Das zipfelmützige Ost-Männchen hat seinen West-Bruder mit der Kapitänsmütze gnadenlos vom Bildschirm verdrängt, strikt den Gesetzen des TV-Darwinismus gehorchend. Gegeneinander angetreten sind die Sandmänner nur zu Zeiten des Kalten Krieges; 1989 sollten beide abgesetzt werden, aber der Ossi hatte die aktiveren Fans – und jene mit der frischeren Erfahrung im Protestieren. Das Ost-Sandmännchen feiert nun seinen 50. Geburtstag. Und hat das auch den Kindern und Eltern zu verdanken, die Solidaritätsadressen für die von der Absetzung bedrohte Puppe versandten. Der neugegründete ORB hatte ein Einsehen, der Sandmann blieb. Und wurde forthin als ostdeutsche Erfolgsgeschichte vermarktet. Geschenkt, mag der Wessi seufzen, wenn es doch nur das wäre. Schließlich gibt es ein weit schlimmeres Erbe des DDR-Fernsehens, nämlich Inka Bause. Ob der 20-Jahre-Mauerfall-Festivitäten ist der Wessi ohnehin versöhnlich gestimmt und gesteht dem Ossi großzügig seinen Stolz auf den durchsetzungsfähigeren Sandmann zu. Hat ja sonst nicht viel vom Leben, der Ossi. Doch ist es wirklich Ostalgie, der das Sandmännchen seine anhaltende Beliebtheit verdankt? Zwar war es früher immer wieder auch im Auftrag der Partei unterwegs: Zum Republikgeburtstag schwenkte es Wimpel, und ab und zu schaute es bei der Nationalen Volkarmee vorbei, wo auch mal ein Panzer durchs Bild fuhr. Hervorstechender als seine Linientreue war aber etwas anderes: Der Spitzbart, der dem Männchen aus dem mundlosen Gesicht wuchs. Nur böse Zungen behaupten, er sei Walter Ulbrichts Ziegenbärtchen nachempfunden. Vielmehr erinnert der lange Bart an einen gütigen Großvater. Und hier muss man den Grund suchen, warum das Ostmännchen sich naturgemäß durchsetzen musste gegen sein westdeutsches Äquivalent. Letzteres ließ mit seinem kurzen Backenbart nämlich eher an einen unrasierten Studenten denken. Die knappsitzende Cordjacke über gestreiftem Rollkragenpulli tat ihr Übriges. Zwar taugte das West-Sandmännchen in seiner ganzen Harmlosigkeit nicht einmal als Role-Model für die 68er-Revolte, doch die optische Referenz blieb und wird ihm wohl im Weg gestanden haben, als die vertrauenserweckende Konkurrenz aus dem Osten die Bühne betrat. Nur wenige Hängengebliebene finden sich im Netz zusammen, um gemeinsam dem studentisch angehauchten West-Sandmann nachzutrauern. Die anderen gratulieren neidfrei dem faltenfreien Ossi-Opa zum Geburtstag. ES

 
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