Wohnen im Stall gilt noch nicht lange als angesagt. Dass der kleine Jesus vor 2009 Jahren ebendort auf die Welt kam, lag schließlich nicht daran, dass seine Eltern so besonders naturverbunden waren, sondern daran, dass sonst nichts mehr frei war. Die wären froh gewesen, ein ordentliches Steinhaus zu beziehen und nicht nur eine Bretterbude. Heute hingegen lässt sich jedem ordentlichen Steinhaus im Handumdrehen die Optik einer Bretterbude verpassen. Dafür braucht man nur ein paar Rollen „Barns Wallpaper“ – Tapete in Scheunenoptik. Tapete mit Holz- oder Mauermuster gibt es zwar schon lange, die galt aber zeitlebens als dezidiert unhip; der umweltbewusste Trendsetter wäre nie in Versuchung gekommen, sich so einen Fake an die Wände zu pappen. Die Scheunentapete aber wirbt damit, die weltweit einzige ökologisch optimierte Tapete überhaupt zu sein, absolut chemikalienfrei produziert auf 1-A-Ökopapier. Diese Tatsache macht sie selbstverständlich aber noch nicht zu einer begehrenswerten Ware. Vielmehr soll die Tapete wohl an eine heile Vergangenheit gemahnen, als der Mensch noch in autarker Dorfgemeinschaft lebte, lokal produziertes, pestizidfreies Gemüse verspeiste und nur einmal im Jahr, am Schlachttag, ein Bioschwein. Wer sie an den Wänden kleben hat, wird zu einem besseren Menschen, der Nachhaltigkeit anstrebt und den Kontakt zu seinen Wurzeln sucht. Aufs Land muss er dafür nicht mehr ziehen. ES
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