08.02.2013 | 12:48

Alter Hase

Biographie Gründungsmitglied der Lemonbabies, gefragte Komponistin, Produzentin und Texterin - die Gitarristin und Sängerin Diane Weigmann steht für ein reichhaltiges kreatives Portfolio

Alter Hase

Foto: Rotschopf Records

Man kann sie leicht unterschätzen. Die Sängerin, Gitarristin und Songwriterin, die seit mehr als zwanzig Jahren auf der Bühne steht und bereits ihr siebtes Album veröffentlicht. Sie klingt wie ein braves Mädchen, spielt aber wie ein Cowboy. Ihre Musik fühlt sich zart an, schmeckt aber auch nach Schweiß und Tränen. Sie ist schon lange dabei, bringt aber jetzt zum ersten Mal ein Album auf ihrem eigenen Label, in eigener Regie und ohne Kompromisse heraus. Sie lächelt – und ihre Ehrlichkeit haut dich lässig vom Hocker. Man kann sie wirklich mächtig unterschätzen, diese Diane Weigmann.

»Mit meiner Musik ordne ich meine Lebensumstände, initial schreibe ich also ein Lied nie nur für andere.« Das ist schon seit 1989 so, als Diane mit Freundinnen die legendären Lemonbabies gründet. Die erfolgreiche Girlband macht insgesamt vier Alben, tourt durch ganz Europa und ihr Artwork zum Album Porno wird später zigmal kopiert. Das sieht Diane entspannt, denn an Kreativität hat es ihr nie gemangelt: Ihr neues Solo-Album ist bereits ihr drittes – und es ist ihr reifstes und verspieltestes zugleich. Es heißt vielsagend Kein unbeschriebenes Blatt.

»Der Titel fiel mir ein, als im Studio alle möglichen Papiere herumlagen, keines davon leer. Das brachte mich darauf, dass wir ja alle 'beschrieben' sind, schon als kleine Kinder. Ich zum Beispiel bin jetzt Ende dreißig – da hat man eine Geschichte zu erzählen.«

Musikalisch gesehen beleuchtet "Tief" die Essenz des Albums: Der Song strahlt eine Leichtigkeit aus, die nur mit viel Erfahrung zu erklären ist. Der Text ist absichtlich intim und zugleich ganz offen formuliert. Diane will es ihren Hörern nicht allzu leicht machen: »Ich lege vor, füge vielleicht Fiktion hinzu und dann kann sich jeder etwas nehmen und es weiterspinnen.«

Unbeschwert ist der Alltag von Diane, wenn sie über ihr privates Familienglück singt ("Immer schon ein Teil von mir", "Fast zu schön, um wahr zu sein") – ans Eingemachte geht es, wenn sie in "Wie klingt das letzte Lied?" endgültigen Abschied in Worte fasst oder den letzten Schritt in Richtung "Zehntausend Meter freier Fall" geht. "Sieben Leben", die erste Single, ist nicht nur Symbolik - Kein unbeschriebenes Blatt ist ja Dianes siebtes Album - sondern eigentlich auch untypisch für Diane.

»Dafür aber typisch für das Album. Ich hatte dieses Mal die Freiheit, alles umsetzen zu können, was ich schon lange mal machen wollte: eine Platte, die sich nicht so auf die Band konzentriert, sondern dem Songwriting noch mehr Raum lässt. Eine gute Portion Country-Feeling mit Banjos, Pedal Steel Gitarren, Lapsteel – und endlich mal ein Uptempo-Track als erste Auskopplung.«

Sie lässt sich einfach nicht festlegen. Die Presse bezeichnete sie schon mal als "Jeanne d’Arc des Pop", in der Berliner Szene genießt sie höchste Anerkennung und neben der Solokarriere ist sie eine gefragte Komponistin für TV, Werbung und andere Künstler. Sie ist romantisch, sinnlich und selbstsicher; für ihre Fans ist sie Idol und Vertraute zugleich und seit kurzem ist sie auch noch Mutter. »Das widerspricht sich überhaupt nicht, das ist man ja alles! Wenn ich auf der Bühne stehe, bin ich zwar durch und durch Künstlerin, kann aber trotzdem auf Augenhöhe mit meinen Zuhörern sein und meinen Optimismus durch die Songs mit ihnen teilen.« Womit wir den Kritikpunkt abarbeiten können, Diane habe die berüchtigte 'rosarote Brille' auf. Ihre Musik atmet Mitgefühl, richtig, aber ihre Zuversicht hat sie sich redlich verdient. »Ich bin sicher nicht naiv. Im Gegenteil: Ich komme aus einer Arbeiterfamilie mit einem Problem und ich habe hart gekämpft. Wo Licht ist, da ist eben auch Schatten.«