Wenn am Ende der „Meistersinger von Nürnberg“ das Volk mit großem Einzugs-Hallo die Festwiese betritt, um dem Gesangsstreit zwischen Walther von Stolzing und Sixtus Beckmesser beizuwohnen, geht es um alles: um eine Frau und die Freiheit der Kunst.
* Gewonnen hat am Ende ganz knapp ein junger Mann namens Daniel Schuhmacher aus einem Ort, der Pfullendorf heisst, mit einem Ergebnis von 50,47 Prozent der Anrufer. Ende der Woche soll seine Single auf den Markt kommen. Produzent: Dieter Bohlen.
Wird sich der mittelalterliche Gesangs-Autodidakt und Musik-Revolutionär, der Ritter Walther, gegen den traditionellen Schneidermeister Beckmesser durchsetzen? Seine Chancen stehen gut – schließlich wurde er von Nürnbergs Pop-Legende Hans Sachs unter die Fittiche genommen. Der Schustermeister hat dem Freigeist die Kanten geglättet und seinen Protest-Song für das Finale zum Schmuse-Pop-Song verwandelt.
Das Festwiesen-Finale in der Oper hat es in sich: Beckmesser, der seinem Konkurrenten die Noten am Tag zuvor abgeluchst hat, versucht sich verzweifelt am fremden Lied – und versingt sich. Walther beweist dagegen sein Können, indem er den Hit ganz ohne Noten, als neuen Nürnberger Schlager vorstellt.
Als Katharina Wagner diese Stelle bei den Bayreuther Festspielen inszeniert hat, fiel ihr eine verblüffend neue Lesart ein: Ihr Beckmesser hat sich nicht versungen, sondern im Finalkampf einen fast avantgardistischen Klang gefunden – zu provokativ für die Nürnberger Ständegesellschaft. Sie hat den verkappten Modernisierer aus der Stadt geschmissen. Walther von Stolzing eroberte dagegen die Herzen der Menschen als Florian-Silbereisen-Verschnitt: Glatt, eingängig – zu schön, um wahr zu sein. Am Ende triumphierte der neue Volks(musik)held gemeinsam mit seinem Ziehvater, dem zum Nadelstreifenträger verwandelten Alt-68er Hans Sachs.
Die modernen „Meistersinger von Nürnberg“ spielen in Köln. Und statt auf einer Festwiese feiert das Volk im Fernsehen. Der Erfolg der RTL-Sendung „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS) liegt darin, dass sie eine mittelalterliche Tradition in die Gegenwart übersetzt.
Es ist leicht, DSDS in Grund und Boden zu verdammen: die zu perfekte Inszenierung, der Umgang mit den Bewerbern, die inszenierten Stereotype, der unerträgliche Moderator, der im Ernst glaubt, dass das Abschneiden der Kandidaten zwischen Weltruhm und Hartz IV entscheidet – und natürlich das absehbare Finale.
Und trotzdem lohnt es sich, dieses Millionen-Phänomen einen Augenblick lang genauer zu betrachten, als moderne, zeitlose Fernsehoper. Denn in Wahrheit ist DSDS mehr als nur ein opulent inszenierter Medien-Sängerwettstreit. Hier geht es nicht um den besten Gesang, sondern darum, welcher Sänger die Gunst des Volkes ersingt. Und so wird DSDS so wie Wagners „Meistersinger“ zum öffentlichen Wettstreit populärer Moden. Zum wohl inszenierten Gratmesser zwischen Extravaganz und Mainstream. Dessen Ergebnis (siehe Katharina Wagners „Meistersinger“-Inszenierung) nicht jeden Kunstliebhaber gefällt.
Auch bei DSDS stimmt am Ende das Volk ab
Bei DSDS gewinnt nicht der Beste, sondern, wer von den Zuschauern als Bester gewählt wird. Und wenn man es ganz genau nimmt, wird der Pop hier als das verstanden, als was ihn auch Nürnbergs Minnesinger verstanden haben: als Populärmusik. Am Ende entscheidet das Voting, nicht die Tabulatur oder die Regeln des guten Geschmacks.
Das ist das wirklich Ernüchternde an DSDS. Die Sendung schlecht zu machen, wäre so, als würde man Wagner dafür verurteilen, dass Walther von Stolzing am Ende die Nürnberger Herzen gewinnt. Auch bei DSDS stimmt am Ende das Volk – und nicht Dieter Bohlen – über den Sieger ab.
RTL tut - wahrscheinlich ohne es zu wissen - alles, um aus der Sendung eine Wagner-Oper zu machen. Eine 20-Tage-Wochenend-Soap. Und zur Fernsehpartitur gehört es, dass Annemarie Eilfeld seit Monaten zum Sixtus Beckmesser stilisiert wird: zur Zicke, zur Besserwisserin, zur überambitionierten Sängerin. So nackt sie sich gibt, bleibt sie doch eine ewig Gestrige! Und es passt, dass sie ihre Abwahl letzte Woche nicht einmal akzeptiert hat und via Bild Rechtsansprüche wegen verdrehter Telefonnummern geltend machen wollte. Schlechte Sänger. Schlechte Verlierer.
Der Reich-Ranicki des Pop-Mainstream
In der RTL Pop-Opera übernimmt Dieter Bohlen freiwillig die Rolle des Hans Sachs. Bei Katharina Wagner ist er der unumstrittene Sängerstar. In den ersten Aufzügen tritt er als Modernisierer auf, am Ende als angepasster Pop-Star und populistischer Demagoge. Bohlens eigene Vita legt diese Rolle nahe. Er hat mit seiner Musik (warum auch immer) Popgeschichte geschrieben und ist inzwischen zum erhabenen Reich-Ranicki des Pop-Mainstream geworden.
Dieter Bohlen hat seine Kunst-Revolution ebenso wie Hans Sachs längst hinter sich. Und da den meisten Revolutionen die Reaktion folgt, gleicht er dem Schustermeister mit seinem zynischen und selbstüberzeugten Gehabe. Ein Mann, der das Singen nicht mehr nötig hat und stattdessen die Manipulation des Menschen als neues Hobby gefunden hat. Der Popstar wird zum Populisten. Wenn ihm die Meinung anderer Jury-Mitglieder nicht gefällt, werden sie eben gefeuert. Wie gesagt: Für Katharina Wagner ist Hans Sachs vom 68er zum Demagogen geworden, der Sänger mit anderer Ästhetik zum „Wacht-auf“-Chor dem Feuer übergibt. Dagegen sind Bohlens DSDS-Sprüche Kinderkram.
Bleiben die beiden Finalisten: Daniel Schuhmacher und Sarah Kreuz. Es ist kein Wunder, dass der Bubi und die Prinzessin das Rennen gemacht haben. So wie in Wagners Oper schaffen es Sänger, die sich nicht verbiegen lassen, kaum in die Endrunde. Und das müssen sie auch nicht: Cornelia Patzlsperger (die Frau mit der Harfe) wird auch ohne DSDS glücklich sein – für Daniel und Sarah ist die Show bereits zum Leben geworden. Fernsehen frisst Seele auf.
Bubi und Prinzessin
Wahrscheinlich wird am Sonntag nun Daniel Schumacher zum Nachfolger von Walther von Stolzing und Alexander Klaws (das war der erste DSDS-Gewinner) gewählt. Schließlich passen sie zu Bohlens Pop-Kultur. Wenn sich am Ende von Wagners „Meistersinger“-Oper der Vorhang senkt, ist nicht davon auszugehen, dass Walter weiter singen wird. Wahrscheinlich wird er seine Eva mit auf die Burg nehmen und Kinder zeugen.
Die DSDS-Sänger werden noch dagegen einige Tage im Showlicht stehen und vielleicht in einigen Jahren noch einmal auf die Titelseiten kommen, wenn sie wie Daniel Kübelböck einen Laster rammen, oder von irgendeinem B-Promi schwanger werden. Mit ein bisschen Glück ergattern sie – so wie Alexander und Annemarie – eine Rolle in irgendeiner Telenovela und können noch ein bisschen kleine Oper spielen.
Wem das nicht reicht, wer es ernst mit einer Pop-Karriere meint, der darf bei DSDS nicht antreten, oder muss sich auch heute noch Hans-Dieter Bohlen-Sachs andienen – so wie der letztjährige DSDS-Gewinner Mark Medlock. Die Nibelungentreue zum selbsternannten „Poptitan“ rettet dem Sänger, wie er im überzeugenden Volkston sagen würde, bis heute den Arsch.
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Das Prinzip dieser Produktionen ist doch eigentlich immer gleich aufgebaut. Personen meist kleinbürgerlicher Herkunft, aber trotz fehlender Teilnahme und Teilhabe schon ausgestattet mit dem fast immer an diskriminierender Ausgrenzung heranreichenden Distinktionswillen der delegierenden und einflussreichen "großbürgerlichen" Elite, dürfen auf letztendlich sado-masochistischer Weise sich selber kasteien, in dem sie sich doch recht fragwürdiger Autoritäten eben freiwillig unterwerfen. Dieter Bohlen ist verglichen mit Quincy Jones in musikalischer und gerade auch in rein "betriebswirtschaftlicher" oder "marketing-technischer" Hinsicht wahrhaftig nichts aussergewöhnliches und in seiner Art und Weise die spiegelbildliche Abbildung des White Trash, wenn auch mit entschiedend höherem Einkommen. Hinzu kommen die Ingredienzen der Sensationslust und der Schadenfreude, die auch durch die Parteinahme oder emotionales Mitfiebern für einen einzelnen Kandidaten, was beides nicht mehr als einen rein sportlichen Charakter besitzt, nicht relativiert werden. Die dahinterstehenden Produktionsfirmen können auch gar nichts anderes, als sich immer weiter zu wiederholen, ob mit solcherart Sendungen oder mit dem mittäglichen Dauer-Talk über Alles und Nichts, spielt dabei keine Rolle, solange die Quote abhängig von der Platzierung der Sendezeit stimmt und ein beliebiger privater TV-Sender seine Werbeeinnahmen einspielen kann, denn dass, ist schließlich das entscheidene Kriterium in der Welt der Murdochs und Berlusconis. Im Grunde handelt es sich hier um ausgesonderten Spezialmüll der Werbeindustrie, ganz so, wie es Adorno zurecht kulturpessimistisch beschrieb - mühselig und nutzlos, wer dahinter irgendwas anderes sehen mag. (Toscanis Werbekampagne für Benetton, ist im Grunde genommen das beste Beispiel und zwar nicht, weil sich der Fotograf quasi als Berufsprovokateur der Tabubrüche bediente, denn das Hervorrufen moralischer Empörung in der Öffentlichkeit, die allerdings nur eine Halbwertszeit von 3 bis 4 Wochen hat, war ja gerade intendiert, sondern weil es die pseudohafte kreative Freiheit des Marketings bloßstellt und es völlig gleichgültig ist, mit welcher Hintergrundkulisse etwas verkauft wird. Toscani selber sagte mal, wenn ich mich recht erinnere und wenn auch nicht ganz wortgetreu, dass er letztendlich auch einen Haufen Scheiße fotografieren könne!)
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Hmm. Hab den Eindruck dass Giuseppe das alles nicht gesehen hat sondern sich seine Meinung gebildet hat, ohne zu gucken. Oder nur so eine Art "Best Of" zu sehen.
Die ganzen Sing-Shows ertrage ich auch nicht. Zu seicht, ich mag die Musik nicht. Aber die Castings hab ich diesmal ganz gerne gesehen und ich muss sagen: So schlimm war das alles nicht. Im Gegenteil: Viele der Bewerber laufen mit ihrem Irrglauben, gut zu singen, definitv in eine Sackgasse. Und niemand sagt es ihnen. Alle Verwandten und Bekannten machen Mut, sagen dass das toll ist. Erst Dieter Bohlen nimmt kein Blatt vor den Mund und sagt in aller Deutlichkeit: Das ist nicht dein Metier. Übernimm den Betrieb deines Vaters oder studier erstmal was, aber lass das singen sein. Er sagt das oft plakativ überzogen aber - so mein Eindruck - selten ungerechtfertigt. Wenn man nur das "BestOf" sieht, dann bekommt man den Eindruck, dass Kandidaten vorgeführt werden. Aber wenn man die ganzen Castings sieht, dann muss man doch Respekt für den Job von Bohlen erlangen. Der zieht sich den ganzen Mist rein und scheint dabei - auch wenn seine Musik mir gar nicht gefällt - einigermaßen gerechte Urteile zu fällen. Respekt dafür. |
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Interessant fand ich, was Bazon Brock in Deutschlandfunk gesagt hat: Er findet DSDS eine urdemokratische Einrichtung. Mit der Erklärung: Hier wird Deutlich, dass das Nichtwissen die Grundlage der demokratischen Gleichheit ist. Eine verblüffende, lustige und vielleicht sogar richtige Interpretation.
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Ausgabe 20/2012
16.05.2012
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Na, wie war's in der Schule