Alltag

Bürgerwachten 2.0 | 29.08.2009 13:59 | Sebastian Stoll

Das Netz sieht alles

Bei einem Online-Portal melden verunsicherte Bürger in Wien alles, was ihnen in ihrem Wohnviertel verdächtig erscheint. Sie verstärken damit vor allem ihre eigenen Ängste

Ab wann ist ein Mensch verdächtig? Hat sich etwa der Mann am Steuer des Lieferwagens mit dem blauen Nummernschild nur verfahren – oder hat es mehr zu bedeuten, dass er abwechselnd schnell und langsam fährt und häufig die Richtung wechselt? Was ist mit dem bummelnden Liebespaar, das auffällig lange die Grundstücke in der Nachbarschaft betrachtet? Und warum springt einer über den Zaun eines Krankenhauses, anstatt einfach durchs Tor zu gehen? Was immer diese Menschen tatsächlich vorhatten – ihr Auftreten in der Öffentlichkeit war es anderen Leuten wert, dieses zu dokumentieren. In Wien ist das jetzt problemlos möglich, einige Anwohner haben ein Online-Portal für solche Alltagsbeobachtungen eingerichtet.

Pronachbar.at nennt sich das Netzwerk, das nach dem Willen der Betreiber bald schon in weiteren Regionen des Landes verfügbar sein soll, etwa in Salzburg. Das Portal ist die erste Online-Bürgerwacht im deutschsprachigen Raum – eine Community also, in der Menschen sich darüber austauschen, wo in ihrem Viertel zuletzt eingebrochen wurde und was für seltsame Gestalten sie vor kurzem an der Supermarktkasse gesehen haben. Man mag das für die digitale Fortsetzung von Tratsch unter Nachbarn halten, sollte aber nicht vergessen, dass viele Web-2.0-Macher sich seit Jahren vergeblich darum bemühen, Menschen aus demselben Straßenzug, derselben Wohngegend unter ihrem Label zu vereinen. Wo Freundschaftsnetzwerke enden, greift die Parole „Hinschauen statt wegschauen!“

Lange Tradition in den USA

Online-Bürgerwachten sind eine US-Erfindung, mit einer langen Tradition: In seinen Grundzügen ist „Neighborhood Watch“ eine Idee des 19. Jahrhunderts, als Kolonisten westwärts zogen und staatliche Institutionen fern waren. Seitdem hat es in den USA immer wieder Gruppen gegeben, die spontan entstanden, aus dem Gefühl heraus, irgendetwas tun zu müssen – sich nicht auf die Staatsmacht verlassen zu können, sondern selber für Sicherheit sorgen zu müssen.

Auch in Großbritannien gibt es eine lange Tradition der Offline-Bürgerwachten. Das Web 2.0 hat diese Bewegungen also nicht erfunden, aber Portale wie MyStreet.com oder postacrime.com erleichtern ihren Mitgliedern die Kommunikation – darüber hinaus gibt es noch viele dezentrale Bürgerwacht-Netzwerke, die mit gewöhnlicher Blog-Software arbeiten.

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Aufgrund ihrer Tradition jenseits des DSL-Anschlusses unterscheiden sich Online-Bürgerwachten auch deutlich von einem Portal wie rottenneighbor.com, das aus Deutschland aber nicht aufrufbar ist. Rotteneighbor.com erlangte im vergangenen Jahr eine gewisse Bekanntheit: Während es dort darum geht, den ungeliebten Nachbarn auf einer interaktiven Karte rot zu markieren, agieren „Neighborhood-Watch“-Gruppen aus der Defensive: Es geht nicht um Denunziation, sondern darum, sich zu schützen. Vor der Bedrohung dort draußen.

Bei „Pro Nachbar“ ist die Bedrohung nicht selten „orientalisch“ oder „indisch“. Die User beobachten „rumänische junge Männer“ oder hören Menschen zu, deren Muttersprache sie mit der Bezeichnung „nicht Deutsch – eher osteuropäischer Raum“ versehen. Karl Brunnbauer, Initiator von „Pro Nachbar“, verteidigt diese Zuschreibungen. „Wenn Sie wollen, dass die Verdächtigen auch identifiziert werden, dann müssen Sie diese auch genau beschreiben. Sie können aus einem Schwarzafrikaner keinen Weißen machen oder einen Rumänisch- oder Indischstämmigen als Österreicher beschreiben – auch, wenn er es möglicherweise ist“, sagt er.

Dass viele „Südländer“ und „Zigeuner“ lediglich von „Pro Nachbar“-Usern beobachtet wurden, wie sie etwa in einem Auto saßen, stört ihn dabei nicht: „Wenn man weiß, dass etwa im Zusammenhang mit dem Erscheinen eines weißen Kastenwagens regelmäßig Delikte passiert sind, dann kann man daraus Schlüsse ziehen – man muss aber nicht.“

Nicht alle Beobachtungen der „Pro-Nachbar“-Mitglieder bleiben im Vagen. Es melden sich auch Menschen, die Einbrecher beobachtet haben oder gar Exhibitionisten – und ihre Warnungen führen im besten Fall zu einem direkt messbaren Erfolg: Brunnbauer verweist etwa auf das Beispiel eines Mannes, der an seiner Haustür Opfer eines Trickbetruges wurde. Durch seinen Bericht habe man verhindern können, dass sechs weitere Mitglieder des Netzwerkes auch auf den Betrug hereinfallen.

Neues Material für die eigene Angst

Zugleich aber findet man auf  "Pro Nachbar" Postings wie dieses: „Gestern Mittag wurde bei uns angerufen und aufgelegt. Kommt so was öfter vor und ist es ein Anzeichen für mögliche Anwesenheitskontrolle?“ Das Portal ist nicht nur ein Platz, um der eigenen Angst ein öffentliches Forum zu verschaffen, sondern es führt dieser auch permanent neues Material zu. Wer die Einträge hintereinander weg liest, bekommt den Eindruck, dass es in ruhigen Wiener Wohnvierteln vor dunklen Gestalten nur so wimmelt. Hinter jeder Ecke könnte das Böse lauern.

„Pro Nachbar“ zeigt so deutlich die dunkle Seite des Mitmach-Webs. Der egalitäre Charakter des Netzes ohne eine zentrale Kontrolle ermöglicht eben auch, dass Verdächtigungen öffentlich kursieren können, ohne dass diese kritisch hinterfragt werden. Strukturell unterscheidet die Seite nicht zwischen Einträgen über reale Schwerverbrechen und der Artikulation eines unguten Gefühls, sie räumt jeder Beobachtung den selben Platz ein.

Teilnehmen kann bei "Pro Nachbar" nicht nur derjenige, der Opfer oder Zeuge eines Verbrechens geworden ist, sondern ebenso jeder rechtschaffene Bürger, der etwas beobachtet hat. Und er findet Gehör: Die Wiener Polizei unterstützt „Pro Nachbar“ ausdrücklich und veröffentlicht etwa Fahndungsaufrufe auf der Webseite – wer registriert ist, bekommt sie sogar per E-Mail zugestellt. Zudem ist „Pro Nachbar“ stark regionalisiert, für die meisten Wiener Bezirke gibt es eigene Seiten, auf denen Beobachtungen veröffentlicht werden können. Die Klientel besteht daher nicht aus Leuten, die denselben Musikgeschmack teilen oder die im selben Beruf arbeiten – sondern aus Menschen, die alle wissen, wo zum Beispiel der „Glawatschweg“ liegt. „Facebook“ muss das erst noch schaffen.

Im US-„Neighborhood Watching“ ist man bereits eine Stufe weiter, man hat die Nachbarschaft ein wenig ausgedehnt: Wer nicht selbst zur mexikanischen Grenze kann, um dort nach Drogenschmugglern und illegalen Einwanderern zu suchen, der kann dies auch am eigenen PC erledigen – die örtlichen Behörden haben damit begonnen, entlang des Grenzzaunes Webcams zu befestigen, die ihre Bilder per Internet um die ganze Welt senden. Pläne in diese Richtung gibt es bei „Pro Nachbar“ nicht. Allerdings bekommen die User auf der Website Tipps, wie sie eine Überwachungskamera an ihrem Haus installieren können und welche rechtlichen Details sie dabei zu beachten haben. Das globale Dorf redet nicht nur miteinander, es hat auch Augen.

 
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