Alltag

Beruf | 20.10.2009 16:03 | klara

Eis gegen die soziale Kälte

Klara ist wieder eine freie Journalistin - denkt aber darüber nach, lieber einen Eisladen zu eröffnen

Das Zuschussgeschäft der Zukunft

Wer nichts wird, wird Wirt – und wer freier Journalist wird, wird Eisverschenker. Denn etwas wird passieren. Etwas passiert immer. Es wird weiter gehen.

Ich bin jetzt wieder freier Journalist. Sozusagen. Im Moment liegt die Betonung eher auf „frei“ denn auf „Journalist“, weil ich, äh, gerade eher wenig schreibe, also eigentlich gar nichts, jedenfalls nichts für Geld, und das allein zählt. Als freier Journalist. Wegen der allgemeinen Lage der Verlage und  der Wirtschaft im Allgemeinen  hab ich zurzeit ziemlich viel Zeit – und wenig Lust, gegen Geld zu schreiben. (Witzig übrigens, dass „gegen Geld“ und „für Geld“ dasselbe meint – sollte uns das zu denken geben?) Ich habe eine hochmütige Abneigung dagegen, meine Buchstaben auf dem hart umkämpften Schreibmarkt wie saure Brötchen feilzubieten, einem hechelnden Hund gleich, der froh ist, wenn sie ihm das Stöckchen mit spitzen Fingern aus dem Maul nehmen... für einen Klaps und einen Hungerlohn… Den Luxus gönne ich mir: darauf eine Weile zu verzichten, ohne  hungern zu müssen. Luxuriös bedeutet: nutzlos. Bedeutet: Urlaub. Ich bin ein freier Journalist auf Urlaub.

Wie aufgeräumt ich bin

Also verdaddel ich meine Zeit: Ich räume meinen Computer auf.  Ich räume die Wohnung auf. Ich räume die Kinder auf (samt Schultaschen und Gesprächsbedarf, der so lange aufgeschoben wurde). Ich räume mein Herz auf, ich räume die Ehe auf. Alles wird ordentlich. Ich räume. Sogar in meinen Daddel-Beiträgen im Netz sorge ich dafür, dass kein Missverständnis entsteht, versorge die Community-Kommentare inflationär mit Smileys, damit ein jeder mitbekommt, wie aufgeräumt ich bin. Mensch! Bloß keine Trübsal blasen. Schließlich habe ich Urlaub. Außerdem bin ich ziemlich krank gewesen und genese. Ganz in Ruhe. Müßig. Auszeit!

Aber… es gibt da auch immer so viele Abers... Die lauern an der Schreibtischkante… kauern in jedem Wort… Wenn man Zeit hat, kommt man noch mehr ins Grübeln als sonst… und möchte so gern etwas  Sinnvolles tun. Eine Bürgerstiftung gründen, ein Projekt beginnen, den Kleinbäuerinnen in Afrika spenden, den Hunger bekämpfen, damit er mir nicht länger den Appetit verdirbt. Ich möchte mich reinwaschen, von jeder Schuld der „Ersten Welt“, am liebsten jetzt sofort. Geben.  Alles. Und noch mehr. Aber… Aber wo landet das. Und… die Schuld bleibt sowieso.  Aber… Man sollte!

Jedenfalls etwas für Kinder machen. Den eigenen geht es gut – was ist mit den anderen?

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Für den guten Menschen ist der Mensch die falsche Besetzung

So  räume ich meinen Kopf auf: Was kann ich? Was will ich? Wohin? Und nicht zuletzt: Wovon könnte man leben, während man Unverkäufliches schriebe? Wovon Kleidung kaufen für die rasant wachsenden Nachkommen, während man unentgeltlich Gutes täte? (Entgeltlich Gutes tun verbietet sich… warum eigentlich?) Und ach, was wäre schon gut

…. bei all den quälenden Unterlassungssünden, die man immer wieder zu begehen genötigt ist? Denn man kann ja nicht überall sein. Nicht alles (be)denken. Man kann einfach nicht gut sein. Wie soll das überhaupt  gehen! Für den guten Menschen ist der Mensch die falsche Besetzung. Und ich?  Ich bin doch nicht gut! Ich bin freier Journalist! Auch wenn sich der Markt für meine Produkte gerade selbst kannibalisiert und nur noch Platz lässt für die großen Ich-Zeiger, die „Ich-Ich-Ich, gebt-den-Auftrag-mir!“-Blöker. Ich kann das nicht. Ich finde: Journalisten sollten nicht blöken, sich nicht selbst vermarkten müssen. Schon gar nicht verkaufen müssen. Sondern sich auf ihren Job konzentrieren dürfen. Aber hier ist nicht der Journalistenhimmel. Hier ist die Erde, und hier ist die Frage: Warum sollte jemand zu mir kommen und etwas von mir kaufen wollen, wenn ich zu eigensinnig bin, dafür zu werben?  Mit Stolz tut man weder etwas Gutes, noch verdient man Geld, schon gar nicht als freier Journalist…

Eis gegen die soziale Kälte

Vielleicht sollte ich besser einen Eisladen eröffnen. Bei mir bekäme jedes Kind, das kein Geld hat, ein Eis für lau. Zahlt sich das nicht auch irgendwann aus? In meinem literarischen Eisladen – eine Marktlücke! jedenfalls eine Nische!  - gibt es außerdem ein bisschen Kaffee, ein paar Croissants und im Winter etwas Warmes dazu, Ingwertee zum Beispiel – und hey, da gibt mir doch bestimmt jede Bank sofort einen Sofort-Kredit: für Klaras Eisleseladen. EiLéLa  wirkt, auch gegen die soziale Kälte – allerdings muss jeder Kundengast ein Stück Wärme mitbringen und allen im Laden davon abgeben, sonst werfe ich ihn raus. Das Geschäftsziel: Eis essen und lesen. Das Ziel hinter dem Ziel: Sehnsucht wecken und erfüllen. Weil Lesen mindestens so viel Spaß macht wie Eis essen und manchmal sogar – das käme auf die Geschichte an – schmeckt. Jeder, der ein paar Zeilen liest, darf ein Eis essen. Oder jeder, der ein Eis nimmt, darf ein Buch lesen. Wenn er noch nicht mit Lesen fertig ist, wenn sein Eis alle ist, darf er sitzen bleiben, bis er nicht mehr lesen mag. Und wer nur die Buchumschläge anschauen mag, bekommt einen Lutscher. Einzige Ausnahme: die Erwachsenen. Die müssen zahlen. Wir veranstalten Vorlesetage, vermitteln Lesepaten, entwickeln eine kleine Lese-Eis-Communité… EiLéLa … Wer alte Bücher mitbringt, bekommt – na, klar: ein Eis!

Wir machen Eis-Ess- und Schreibwettbewerbe, vergeben den EiLéLa –Spezial-Preis an besonders verdiente Eisleser, entwickeln Kooperationen mit den umliegenden Schulen, Bibliotheken, Familienzentren, Großfamilien, Kirchengemeinden…  Vielleicht stellt der Freitag ja sogar Werbeplätze für EiLéLa  bereit! Dafür liegt der Freitag dann auch im Laden aus – mit Abo-Lock-Formular! Unser Lese-Eis wird ein ebensolcher Renner wie unsere Eis-Lese. Wir vergrößern uns!  Vergeben und verschenken mehr Eis! Noch mehr Leselust! Wir schaffen ein flächendeckendes Lese-Eismeer in den Großstädten, Berlin, Dresden, München, Rostock, Köln, Wittenberge… ein  EiLéLa -Fest, das schließlich aufs Land überschwappt, in die eiszeitliche Diaspora…

Nur…

… Wann komme ich dann noch zum Schreiben? Immerhin bin ich doch, naja, freier Journalist. Morgens und abends vielleicht? EiLéLa  öffnet schließlich nur zu kinderrelevanten Uhrzeiten: in der Schulzeit 13 bis 18 Uhr und nach Verabredung. Oder ich notiere, wenn gerade keiner kommt, an meinem Eistresen rasch ein Geschichtchen, für die EiLéLa-Zeitung  „Klaras EiszeitUNG“.  Damit die Künstlersozialkasse mich nicht eiskalt rauswirft. Aus dem Kiez für den Kiez, powered by „Klaras Eiszeit“. So heißt der Laden. Er finanziert mehr Eis, mehr Buch, mehr Freiheit, mehr Wärme –  und investiert – aber ja! – in ein weiteres genüsslich lesendes Kind. Lecker! Und dazu schreib ich dann wieder was. Wär ja nicht das erste Mal, dass ich neu und wieder einsteige. Im Grunde ist mein ganzes Leben ein einziger kalter Wiedereinstieg. Aus anderen Umständen in andere Umstände. Unter solchen  Umständen bin ich frei. Umstandslos.  Und schreibe meine eigenen Erfolgsgeschichten: „Klaras Eiszeit“ – das Zuschussgeschäft der Zukunft!  Das Buch zum Eis. Gibt es hier  im Laden.

 

 
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