In der O2-Arena in Berlin sind am Samstagabend gefühlte 110 Prozent Männer. Kein Wunder, ist der Grund ihres Kommens doch das „Super Six World Boxing Classic“, eine Art Champions-League des Boxens. Sechs Boxgrößen aus vier Ländern nehmen teil – mindestens vier Siege sind nötig, um der Beste im Supermittelgewicht zu sein. Der Auftaktfight: ein ehemaliger US-Weltmeister, Jermaine Taylor, gegen den derzeit vielleicht stärksten Boxer, den für Deutschland boxenden Armenier Arthur Abraham.
Tatsächlich aber sind rund ein Viertel der Zuschauer weiblich. Vermutlich mehr Frauen als bei einem Fußballspiel. Warum? Alt-Komiker Karl Dall, ohne Frau, sitzt auf einem der teuren Ringside-Plätze und hat eine Erklärung für das Phänomen.
„Es herrscht die gleiche Luftfeuchtigkeit und es ist die gleiche Zielgruppe wie bei einem Howard-Carpendale-Konzert.“
„Sind die Frauen freiwillig hier?“
„Manche sind natürlich Lebensabschussgefährtinnen, die sind nächstes Mal nicht mehr dabei. Aber schauen Sie dahinten“, er zeigt auf ein afroamerikanisches Mädchen, das wie 15 aussieht, „das ist die Freundin von Michael Buffer“, er gestikuliert in Richtung des legendären Ringsprechers. „Die ist jünger als sein Sohn. So ist Boxen.“
Unweit von Dall sitzt Ebby Thust, eine Legende des deutschen Boxsports, jahrelang eine der wichtigsten Figuren im Boxgeschäft, er ist ein echter Kenner.
„Herr Thust, wer ist der bessere Boxer?“
„Als Fachmann muss ich leider sagen: Der Taylor ist der stärkere Boxer. “
„Und wer gewinnt?“
„Abraham natürlich. K.o. in der neunten Runde. Er hat einen fürchterlichen, sehr harten Schlag. Er ist gefährlich.“
Der Mann mit der blaugetönten Achtziger-Jahre-Brille schaut freundlich, bedankt sich für das Gespräch. Er ist von allen Promis, mit denen wir sprechen, der bescheidenste.
Vor dem Kampf sind sich alle einig, wie es laufen wird. ARD-Moderator Waldemar Hartmann, die Sportcracks von Faz und Bild, alle sagen: Wenn es nach Punkten geht, gewinnt Taylor. Aber Abraham wird ihn in der neunten Runde ausknocken.
Die Journalisten aus aller Welt hämmern auf ihre Laptops, sprechen in Kopfsets. Gewaltige Kameras sind auf den Ring gerichtet. So viel Aufmerksamkeit für zwei kämpfende Männer. Wir befinden uns in einer schweren Wirtschaftskrise, Nationen bekriegen sich, die Polarkappen schmelzen – und doch sind hier 14.200 Menschen versammelt, um zwei halbnackte kämpfende Männer in einem seilumspannten Quadrat zu sehen. Die Welt ist irre.
Auftritt Jermaine Taylor, ein muskulöser Mann in rotem Bademantel, der zu “Beat it“ von Michael Jackson einläuft, die Fäuste schwingen in der Luft, der Oberkörper pendelt hin und her. Vereinzelt pfeifen Zuschauer. Dann wird es dunkel, auf einer plötzlich grell erleuchteten Bühne beginnen die Scorpions zu spielen. Während Klaus Meine ins Mikrofon röhrt, wird Abraham auf einem riesigen Podest in die Halle gehievt. Die Zuschauer schreien, brüllen, gieren – unsere Herzen schlagen schneller, so als hätte jemand einen gigantischen Crackklumpen entzündet und 14.000 Menschen atmeten gleichzeitig den Rauch ein.
Die ersten Runden gehen an den beweglichen US-Amerikaner, für einen kurzen Moment nach der zweiten Runde spürt man Unruhe bei den Zuschauern, während Taylors Mutter und Freundin ihren Favoriten bejubeln – wobei die Mutter während des Kampfes ihren Kopf hin- und herpendeln lässt, als müsse sie für ihren Sohn den furchtbaren Schläge ausweichen.
Plötzlich ist es still
Aber dann zeigt sich: Für mehr als die ersten Runden reicht es bei Taylor nicht. Abraham übernimmt die Kontrolle, mit schweren Kombinationen aus einer sicheren Doppeldeckung. Taylor stochert hilflos mit der Führhand. In Runde sieben verlässt seine Mutter ihren Platz und geht in die Katakomben. Sie ahnt, was kommen wird. Immer wieder trifft Abraham Taylor, dessen Kopf in einer Szene in der neunten Runde brutal nach hinten fliegt, wie in einem Rocky-Film. In der zwölften Runde, sechs Sekunden vor Schluss, erwischt Abraham Taylor mit einer rechten Geraden am Kinn. Der Amerikaner fliegt auf die Bretter. Jubel. Dann plötzlich Ruhe. Abraham erkundigt sich nach dem Wohlbefinden seines Kontrahenten. Taylor liegt lang am Boden. Irgendwann bewegt er sich, hält seine Hände vors Gesicht, wie ein Kind, beschämt, verletzt, geschlagen.
Beim Rausgehen stehen wir plötzlich neben Mikkel Kessler. Er ist einer der Super-Six-Boxer. Jener Boxer, dem man am ehesten zutraut, Abraham gefährlich zu werden. Er sieht etwas mitgenommen aus.
„Wo sind Abrahams Schwächen?“
„Er ist technisch schwach. Und man sieht sie kommen, Stunden, bevor er zuschlägt.“
Was Kessler meint: Lange Zeit boxt Abraham verhalten, dann plötzlich verändert sich sein Gesichtsausdruck und er kommt mit windmühlenartig rudernden Armen und völlig offener Deckung auf den Gegner zu und verprügelt ihn. Ein bisschen wie der junge Tyson. Kessler ist einer, der es vielleicht schaffen könnte, einfach zur Seite zu steigen und Abraham auszukontern. Vielleicht ergeht es ihm aber auch wie Taylor, den Abraham krankenhausreif prügelte. Der Amerikaner muss bis zum Dienstag in Berlin bleiben. Gehirnblutung.
Es war, boxerisch gesehen, ein großartiger Auftakt für ein vielversprechendes Turnier. Gleichzeitig war es ein furchtbarer Abend. Der Anblick von Taylors Körper, der minutenlang regungslos im Ring lag, während seine verzweifelte Freundin neben uns betete, gab einem das Gefühl, nicht an einem Boxring, sondern an einem Tatort zu stehen.
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Ich darf mich an dieser Stelle als Boxfan outen. Ich war bei Abrahams letzem Kampf in der Max-Schmeling-Halle und am Samstag 12 Runden unbewegt vor dem Fernseher. Schade, dass Du Abrahams Mantel nicht erwähnst. Stilsichere Berater hat er in Sachen Mode nicht. Vielleicht ist das eine Art Thomas Gottschalk Effekt: als Frau schaltet man zumindest kurz ein, um zu sehen, was er wieder Törichtes anhat. Ebenso bezweifle ich, dass Abraham selbst auf die Idee gekommen wäre, die Scorpions auszusuchen, oder wie beim Male davor, die Simple Minds.
Auch wenn die Musikauswahl also etwas rückwärtsgewandt scheint, mit dem Super-Six-Turnier geht der Boxsport ein weiteres Stück in die Richtung, ein breiteres Publikum anzusprechen. Der Frauenanteil dürfte also weiterhin steigen. |
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Sehr gelungene Beschreibung des Kampfes, sowohl in atmosphärischer wie in technischer Sicht! Abraham dürfte derzeit wirklich den härtesten Punch haben, aber ich teile Ihre Andeutung, dass Kessler ihn austaktieren könnte. Kessler hat einen harten, wenngleich keinen Hammerpunch, aber er ist unglaublich beweglich und schnell. Das dürfte das Highlight der ganzen Veranstaltung werden! Bin jedenfalls sehr gespannt.
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lieber mikael, deine berichterstattung hat etwas. mir sind die deutlichen hinweise auf das furchtbare der veranstaltung nicht entgangen. darf mich dafür bei dir bedanken. der "Tatort" ist der ort eines verbrechens. noch immer ist aber gleichzeitig noch von "Boxsport" die rede. das passt wie faust aufs auge...
was ich vermisse, was aber nicht in so eine reportage geht, ist die erklärung am konkreten 'fall', dass so ein fight ein fenster auf die barbarische gesellschaft ist, in der so etwas stattfindet und gefeiert wird. du hast es fein verteilt im artikel angedeutet, aber nicht ausgesprochen. boxen ist ein fall für den staatsanwalt, denn es erfüllt den tatbestand der vorsätzlichen körperverletzung - mit nicht selten gravierenden folgen ("Gehirnblutung"). eine gesellschaft ohne ethische maßstäbe, eine kriegsgesellschaft, machts wie im alten rom, wo die gladiatoren und die tiere zum ergötzen der zuschauer hingeschlachtet werden. dass der anteil frauen unter den zuschauern steigt, ist nur bemerkenswert, wenn man das altüberlieferte frauenbild mit sich herumträgt. |
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@ tessa und schlesinger: Ah, also wenigstens zwei echte Boxfans unter Freitag-Lesern! ja, der Mantel war eine echte Katastrophe. Früher war ja Abraham durchaus selbstironisch unterwegs, da lief zu "We are the Smurfies" auf, verkleidet als Pappa-Schlumpf. Dass er jetzt zu den Scorpions als "King Arthur" aufläuft war natürulich nicht seine Idee, sondern die von den Sauerlands. Egal. Kessler-Abraham wird der entscheidende Kampf, das denke ich auch. Wobei ich im Moment einen Vorteil bei Abraham sehe, der Kampf gegen Taylor war ein unheimlich starkes Signal.
@ yuren: ich weiss, sie wollen von mir, dass ich Boxen denunziere. Tut mir Leid, bei allen Bedenken, die ich bei diesem Sport habe, ich schaue ihn mir doch immer wieder an. Durchaus freiwillig. Sollte sich dies ändern, werde ich es hier schreiben. |
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nein, lieber mikael, nicht denunzieren, das ist es nicht, was ich mir wünsche, sondern noch realistischer und weniger mit den wölfen heulend das spektakel sehen und schildern. bemerkenswerte ansätze hatte ich ja schon entdeckt und darauf hingewiesen.
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Ich durfte Arthur Abraham 2006 kennen lernen, als ich damals mit einem Jogger im Grunewald ins Gespräch kam, der wohl keine Lust aufs Lauftraining hatte und nebenbei erwähnte, dass er Boxweltmeister sei. Ich war nie ein Boxfan und hab' ihn deshalb nicht erkannt, aber die 10 Minuten mit diesem sympatischen Sportler haben mich zu einem Abraham-Fan werden lassen.
Arthur Abraham fing damals gerade sein monatelanges Training an für einen Kampf, der als die "Schlacht von Wetzlar" deutsche Boxgeschichte schrieb (der blutige gebrochenen Kiefer!). Er trug zu der Zeit vor seinen Kämpfen noch das Schlumpfkostüm zum Lied von Vadder Abraham, wenn er die Halle betrat, doch das Königliche passt da heute viel besser. Kurzum: Boxen nein, Arthur Abraham ja... |
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Richtig, viel zu wenige kennen Sportler als Menschen.
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friedland, es ist keine frage, dass boxer, wenn sie nicht im ring stehen, ein menschliches gesicht haben. aber bei der frage nach der gesellschaftlichen funktion solcher boxveranstaltungen wie eben in berlin geht es nicht um den einzelnen faustkämpfer, sondern um ihre ausbeutung und das angebot ans große publikum und seine primitiven instinkte.
die persönliche bekanntschaft mit einem sympathischen boxer darf nicht die tür öffnen fürs öffentlich wie in altrom exerzierte blutlecken. dein entschiedenes nein zum boxen lässt keine hintertürchen fürs boxen offen. die eindeutigkeit ist mir wichtig. danke. |
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12.Klasse Schulsport:Boxen. Eine Stunde mit diesen Handschuhen gegen Sandsäcke, Spiegelboxen, Beinarbeit. Wir waren schon die Champions. Anschließend konnte ich den Federhalter nicht mehr halten. So zitterten die Hände.
Dann der Kampf. Ich glaube zwei mal zwei Minuten. Dabei habe ich einen Schlag an den Kopf bekommen. Das war keine rasend schnelle Profigerade. Das war eher ein leidlich "gelungener" Versuch eines Klassenkameraden, eigene Treffer zu vermeiden. An den Schmerz jedenfalls kann ich mich heute noch erinnern. Ein übles Stechen und Reißen im Kopf. Umgefallen bin ich nicht. Er hat dann wohl auch gemerkt, daß es so nicht weitergehen kann. So haben wir noch ein wenig mit diesen lächerlichen Handschuhen herumgefuchtelt und darauf geachtet, dem anderen nicht weh zu tun. Und dann nie wieder. Dem Sportlehrer, ein Guter, war es wohl auch unheimlich. Jeder bekam 'ne Zwei fürs Protokoll. Dann wieder Laufen, Basketball,... (Einer hatte es nicht begriffen und ist mit seinen Boxkünsten zur Kreisspartakiade gegangen. Er hätte es besser nicht tun sollen. Er soll längere Zeit im Ring gelegen haben.) Es gibt eine, leider oft anzutreffende Art von Frauen, die schicken die Männer ganz gern in den Krieg. Und es gibt eine, leider ebenfalls oft anzutreffende Art von Männern, die lassen sich ganz gern in den Krieg schicken. Wenn sie es denn nicht schon von sich aus tun. Und wenn die Eingeweide dann zerfetzt und die Eier abgeschossen sind, dann... Ich halte das für ein absolut verheerendes Verhängnis, mit dem Typen wie Bush und seine ebenfalls gestörten Gesinnungsgenossen aller Länder ihre dreckigen Interessen realisieren. Leider funktioniert das eben auch im Jahr 2009 nach Christus immer noch. |
Ausgabe 20/2012
16.05.2012
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Na, wie war's in der Schule