Alltag

Jens Albinus | 20.11.2009 15:58 | Mikael Krogerus

„Oh, Gott!“

Jens Albinus ist Dänemarks begnadetster Schauspieler. Jetzt spielt er in "This is Love" einen Pädophilen. Und er ist so gut, dass man den Film lieber nicht sehen will

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Zwanzig Minuten nach der Premiere seines neuen Films This is Love treffen wir Jens Albinus im Foyer eines Berliner Luxushotels. Er sieht gut aus. Entspannt und lässig. Erst als er zu sprechen beginnt, erkennt man den verstörten Pädophilen aus dem Film This is Love.

Der Freitag: Herr Albinus, ich habe gerade Ihren neuen Film gesehen, This is Love.

Jens Albinus: Oh, Gott.

Ja.

Ich weiß genau, wie es Ihnen geht. Ich habe den Film nur einmal gesehen. Der Regisseur, Matthias Glasner, hat mich während des Schnitts immer wieder angerufen und vorsichtig gefragt: „Willst du nicht mal vorbei kommen? Ich denke, es wäre gut, wenn du ihn mal siehst.“ Aber ich fand nie Zeit dafür. Die Dreharbeiten waren fast zwei Jahre her. Ich war in der Zwischenzeit Vater geworden … Und dann sah ich den Film zum ersten Mal in einem riesigen Kinosaal in San Sebastian anlässlich der Filmfestspiele 2009. Ich hatte völlig vergessen, was für ein harter, furchtbarer Film das ist. Und als der Film zu Ende war, wurden die Scheinwerfer auf mich gerichtet – ich war sprachlos. Ich möchte den Film ein paar Jahre nicht wieder sehen.

Sie spielen einen Mann, der ein thailändisches Kind aus der Prostitution retten will. Er bringt sie nach Europa. Wird eine Art Vaterfigur. Der Konflikt: Er ist selber pädophil. Was hat Sie an dieser Rolle gereizt?

Zunächst mal der Regisseur. Ich sah Der Freie Wille von Matthias Glasner in einem Programmkino in Kopenhagen und war schockiert. Und begeistert. Später schrieb mir der Regisseur einen langen Brief und fragte, ob ich Interesse hätte, mit ihm zu arbeiten. Ich dachte: Mit dem will ich arbeiten, egal was. Wir trafen uns dann in Kopenhagen, alles war sehr herzlich, bescheiden, fast familiär. Meine Frau kochte etwas, wir gingen spazieren, sprachen über Literatur. Und dann las ich einen ersten Entwurf des Drehbuchs. Ich verstand nicht alles. Mir war nicht klar, was in dem Film passieren wird. Aber mir war klar, dass ich mit Glasner arbeiten will.

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Was macht den Film so schrecklich?

Der Regisseur hat uns mal gesagt, dass der Film von Ausweglosigkeit handelt. Und davon, dass die Menschen durch die Liebe vielleicht mehr Unglück als Glück erfahren.

Ihre Figur, Chris, weiß, dass er nie glücklich werden wird, weil er eine Sehnsucht nach Kindern hat, dieses Gefühl aber nicht will.

Richtig, er trägt einen extremen Widerspruch in sich. Er ist bereits am Anfang des Films am Ende. Damit ist er eine sehr houellebecqsche Figur.

Er sagt irgendwann den starken Satz: „Es heißt, man sollte nie die Hoffnung aufgeben. Aber dabei ist es die Hoffnung, die uns kaputt macht.“

Dramaturgisch ist hier die Frage, was man mit diesem Konflikt macht. Konventionelle Dramaturgie hat die Tendenz, Konflikte aufzulösen. Gerade das moderne, so gefeierte skandinavische Kino ist so verdammt gut darin geworden, Konflikte zu lösen. Aber wenn man sich sein eigenes Leben anschaut, dann besteht es vor allem aus nicht gelösten Konflikten, aus unglaublichen Widersprüchen. Und der Film This is Love handelt genau davon: Was passiert, wenn man Konflikte nicht löst. Ich fand es spannend, das zu spielen.

Warum ist der Film so hoffnungslos?

Da ist schon auch Hoffnung.

Aber kaum wahrnehmbar. Müssen gute Filme immer extrem sein?

Nein, aber sie dürfen nie gleich-gültig sein.

Sie wurden mit einem ganz anderen Film weltberühmt. Idioten von Lars von Trier. Was sind Ihre Erinnerungen an den Film?

Der Film hat alles für mich verändert. Er war persönlich und beruflich ein Wendepunkt. Ich kam vom Theater und wusste nichts über Film. Kannte keine Tricks, wusste nicht, wie man mit der Kamera spielt, verstand nicht mal die einfachsten Regeln. Fälschlicherweise dachte ich damals, so wie Lars von Trier Idioten gemacht hat, das ist Film. Später verstand ich dann, dass Film auch sehr konventionell sein kann.

Was haben Sie von Lars von Trier gelernt?

Alles. Er hat mir Film beigebracht.

Und Sie ihm Theater. Es heißt, Sie seien sein Cheftheoretiker, das Mastermind von zum Beispiel Dogville.

Naja, als er Dogville plante, bat er mich eines Tages, ihm alles über Theater zu erklären. Ich habe dann versucht, ein sehr guter theoretischer Lehrer zu sein, und er hat natürlich sehr lars-mäßig alles auf den Kopf gestellt.

Sie sind heute Freunde, gehen gemeinsam Angeln. Fragen Sie ihn auch um Rat wenn es um Filme geht?

Nein.

Wen fragen Sie um Rat?

Ich bin recht dogmatisch, rede wenig mit Menschen über meine Rollen. Selbstverständlich mit dem Regisseur und den Leuten am Set, aber ansonsten versuche ich mich vom Urteil Dritter unabhängig zu machen. Das ist etwas, was mir an Glasner gefällt. Er ist eigenständig. Eigenwillig. Er kopiert nicht, er will nicht gefallen. Sein Blick auf Kinderprostitution ist irgendwie anders. Er benutzt kein Schema, er ruht sich nicht aus, er macht keinen „typischen Film“. Er macht nicht den Fehler, den so viele dänische Filme machen.

Was ist Ihr Problem mit dänischen Filmen? Alles, was in den letzten 15 Jahren aus Dänemark gekommen ist – Pusher, Italienisch für Anfänger, Das Fest, The Boss of it All, Nach der Hochzeit – ist beeindruckend.

Ich habe den Eindruck, dass die dänischen Filmemacher so gut geworden sind, dass sie trivial werden.

Das Problem ist, dass sie zu gut sind?!

Ja! Ich weiß, dass das merkwürdig klingt, aber es gibt zu viele Produktionen, die versuchen eine bestimmte Art Film zu kopieren, der gerade Erfolg hat. Drogenmilieu? Können wir. Inzest? Klar, das geht so und so. 17-Jähriger, unglücklich verliebt? Kein Problem, das hat der und der gemacht, das machen wir auch so. Besonders die Drehbuchautoren beherrschen ihr Handwerk: Der Zuschauer bekommt einen Konflikt präsentiert, der ihn berührt und perfekt gelöst wird.

Was haben Sie denn gegen Filme, die uns mit einem warmen Gefühl aus dem Kinosaal entlassen?

Ich interessiere mich für eigenwillige Stimmen. Und wer wirklich eine eigenständige, widerständige Geschichte erzählen will, der setzt sich der Gefahr aus, dass das ­Publikum sagt: Was soll der Scheiß? Davor haben wir Angst. In Dänemark haben wir die Bereitschaft verloren, Fehler begehen zu wollen.

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Kommentare
KiraMohn schrieb am 24.11.2009 um 12:02
Vielen Dank für das Interview mit Jens Albinus zu Herrn Glasers neuem Pädophilen-Film. Sehr aufschlussreich, wie J. Albinus erzählt, dass der Dreh der Szene, wie der Mann zu dem Kind ins Bett steigt, weder vorher noch nachher zwischen Hauptdarsteller und Regisseur besprochen oder anderwärtig irgendwann reflektiert wurde. Das scheint mir symptomatisch für den gesamten Umgang mit dem Thema zu sein, der auf mich wenig durchdacht wirkt und so, als sei dem Regisseur sein Film einfach „passiert“.
Herr Glaser entwirft einen Erwachsenen, der zwar Kindern sexuell Gewalt antut, aber bußfertig ist und also sein Handeln bereut. (Was für eine Wunschphantasie!) Was mich aber vielmehr beschäftigt ist, dass der Regisseur diesem Erwachsenen ein Kind gegenüberstellt, dass bereits als Prostituierte arbeitet, und den Erwachsenen somit bewusst verführt. Das bedeutet aber, dass Glaser die Verantwortung des Erwachsenen für das Geschehen vermindert, und dem Kind eine Mitverantwortung auflädt für das, was es durchleiden wird.
Der Erwachsene wird entlastet, das Kind zur Verführerin.
Und genau das entspricht dem, was Menschen oft denken, die als Kinder von sexueller Gewalt betroffen waren, bevor sie einen bewussten Umgang mit dem Erlebnis finden: Der Erwachsene, den das Kind meistens sehr gut kennt und den es vor allem liebt, soll es doch nicht so schlimm gemeint haben, ‚und eigentlich‘, denkt der Missbrauchte, ‚bin ich es doch, der das alles zugelassen hat, ich habe mich ja da mit hinein begeben und mich gar nicht gewehrt...‘ So verkleinert der Betroffene den kaum zu ertragenden Verrat, den der geliebte Erwachsene an ihm begeht, und deckelt den furchtbaren Schrecken, den diese Erlebnisse begleiten und den man am liebsten für immer und ewig vergessen möchte.
Leider sind die Folgen dieser Verdrängung meist gravierend. Wer sich dann mit dem Erlebten auseinandersetzt, wird erneut den Schrecken, aber auch die enorme Wut und die Trauer aushalten müssen, dass das eigene Leben durch verantwortungslose Erwachsene beschädigt (und für manche zerstört) wurde.
Deshalb empört mich, dass Herr Glaser in seinem Film eine Konstellation wählt, die dem Erwachsenen Schonung einräumt. Das Wissen um die lebenslangen Folgen sexueller Gewalt, verbietet vielmehr eine Entlastung der Erwachsenen von ihrer Verantwortung gegenüber Kindern. (Wen die Folgen sexueller Gewalt
interessieren, dem seien die Dokumentarfilme „Laut und deutlich“ von Maria Arlamovsky, oder „Wenn einer von uns stirbt, gehe ich nach Paris“ von Jan Schmitt empfohlen, der gerade im Kino läuft.)
Magda schrieb am 24.11.2009 um 12:58
"Der Erwachsene wird entlastet, das Kind zur Verführerin."

Diese Muster tauchen immer wieder auf und ich bin jedesmal genau so erschreckt und empört, wie Sie.

Danke für den profunden Kommentar
erato schrieb am 27.11.2009 um 20:05
ich hab den film noch nicht gesehen, finde aber, dass der satz
"Der Erwachsene wird entlastet, das Kind zur Verführerin."

als vorwurf vollkommen ungerechtfertigt ist. denn gerade _weil_ kinder [und auch solche, die nicht als prostituierte arbeiten mussten], wenn sie ihre sexuelle identität entdecken, tatsächlich mit erwachsenen "flirten" und grenzen austesten, hat der erwachsene in dieser phase noch mehr verantwortung dafür, dem kind diese entwicklung in _geschütztem_ rahmen zu ermöglichen und gleichzeitig grenzen aufzuzeigen.
Mikael Krogerus schrieb am 27.11.2009 um 21:24
Ich glaube Sie, KiraMohn, tun Herrn Glaser etwas Unrecht. Haben Sie den Film gesehen? Denn dass der Erwachsene, in diesem Fall Chris gespielt von Jens Albinus, entlastet wird, also davon kann nun wirklich nicht die Rede sein. Vielmehr versucht Glaser, glaube ich, die Verzweiflung von Chris zu thematisieren. Chris ist pädophil, er will dagegen ankämpfen und versagt dann letztlich kläglich. Dass das Kind ihn verführt hätte – nun ja, da spielt natürlich mit rein, dass das Kind im Film als Prostituierte ausgewachsen ist und niemand sie aufgeklärt hat, was daran falsch ist (das kommt im Film mehrfach vor), aber letztlich kann man die Verführungsszene auch ganz anders lesen, nämlich: als Verführung erlebt es der pädophile Chris. Das ist aber kein Verteidigungsplädoyer für Kindesmissbrauch. Sondern eher eine Innenansicht seiner kranken Psyche.
Marc Biskup schrieb am 29.11.2009 um 13:28
Sie tun Herrn Glasner alle ersteinmal Unrecht, indem sie das "n" in seinem Namen vergessen.

Ansonsten möchte ich Mikael Krogerus zustimmen. Genauso habe ich den Film auch gelesen. Letztendlich ich doch das die Kontroverse, dass Jenjira einfach nich aus ihrer Rolle herauskommt. Und das, wie Mikael Krogerus korrekterweise sagt, weil es ihr nie anders vermittelt wurde. Holger erkennt das schon eher. Chris muss es erst schmerzlich erfahren. Er verspürt nämlich mehr als die körperliche Liebe.
KiraMohn schrieb am 29.11.2009 um 14:46
Ja, Herr Krogerus, ich habe mich entschieden Herrn Glasners Film nicht anzusehen, aus den Gründen, die ich im Kommentar oben beschreibe.
Marc Biskup schrieb am 27.11.2009 um 14:39
Ich frage mich seit Tagen, ob ich falsch lag. Überall liest man von Thailand - ich hatte immer Vietnam im Hinterkopf. Aber www.thisislove.kinowelt.de gibt mir dankender Weise wieder Recht. Jenjira wird aus Saigon geholt. Mein Gehirn ist doch nicht kaputt.
Mikael Krogerus schrieb am 27.11.2009 um 18:55
Sie haben Recht, lieber Marc Biskup. Eine völlige unnötige Ungenauigkeit – danke für die Korrektur.


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