Alltag

Kreative Landschaften | 10.12.2009 15:15 | Christoph Links/Kristina Volke

Shakespeare im Schweinestall

Der Osten kommt einfach nicht in die Gänge − dieses Klischee ist nicht totzukriegen. Wer aber genauer ­hinschaut, trifft auf viele Ideen und Initiativen

Der Verlag zum Buch

Zukunft erfinden - Kreative Projekte in Ostdeutschland

Im Umgang mit Krisen hat der Osten Erfahrung: Der gesellschaftliche Umbruch nach 1989 brachte nicht nur Verbesserungen, sondern auch ungeahnte ökonomische, demographische und soziale Probleme, für die es bisher kaum befriedigende Lösungen gibt. Wo die große Politik eher ratlos scheint, haben Menschen vor Ort die Krise als Herausforderung begriffen und neue Wege beschritten. In der internationalen Debatte werden sie "changemaker" genannt.
Im vorliegenden Buch werden 30 Projekte und Akteure aus den unterschiedlichsten Bereichen vorgestellt, die kreativ und unkonventionell Veränderungen in Gang setzen. Berichtet wird von neuen lokalen Energiekonzepten und ungewöhnlichen Nutzungsideen für leerstehende Häuser, von Modellversuchen mit Bürgerarbeit und Belegschaftsinitiativen zur Übernahme stillgelegter Betriebe, von Regionalwährungen und Medizinnetzwerken, von Kulturprojekten und umgewandelten Landschaften.
Die Politik täte gut daran – so das Resümee der Herausgeber – diese Initiativen zu fördern und bürokratische Hindernisse abzubauen.

Leseprobe

Anlässlich der Jubiläen des Mauerfalls und der deutschen Einheit steht der Geist des Aufbruchs noch einmal vor aller Augen. 1989 schien alles möglich, denn die Tage im Herbst veränderten das Land auf eine Weise, wie es schier unvorstellbar schien. Doch die Euphorie von damals verebbte, als der Alltag in das Leben im neuen Deutschland Einzug hielt und die Revolution zur Vereinigung, die Vereinigung zum Beitritt, der Beitritt zum normalen Geschäft wurde.

Schnell zeichnete sich ab, dass die Dinge anders laufen würden als gedacht. Die Privatisierung der Staatswirtschaft war mehrheitlich nicht mit einer Sanierung verbunden, sondern mit der massenhaften Schließung von Betrieben. Die Region wurde weitgehend dem freien Spiel der Marktkräfte überlassen, was bedeutete, dass sie vorrangig als Absatzgebiet interessant war. Konkurrierende Produktionsstätten verschwanden zu einem großen Teil, die Arbeitslosigkeit stieg auf das Doppelte des westlichen Durchschnitts an, in den Kommunen und Ländern reichte das Steueraufkommen nicht aus, um die notwendigen Aufgaben zu erledigen.

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Schnell machte das Wort von der Krise die Runde. Es trat an die Stelle der „blühenden Landschaften“, die Bundeskanzler Helmut Kohl im Wahljahr 1990 versprochen hatte, weil es angesichts der verfallenen Innenstädte und der heruntergewirtschafteten Betriebe in Ostdeutschland ja gar nicht anders kommen konnte als besser. 1993 entschied sich die Bundesregierung wegen des Abschwungs im Osten zu einem ersten Solidarpakt, mit dem ab 1995 für zehn Jahre enorme Mittel als „Fehlbetragsergänzungszuweisungen“ in den Osten flossen. Damit wurde der Aufbau moderner Infrastrukturen unterstützt, die meisten Stadtkerne konnten saniert werden, neue Einrichtungen entstanden...


© Christoph Links Verlag GmbH

 

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