Alltag

Südafrika | 29.01.2010 04:55 | tina

Flüchtling, Kellner, Soccer-Fan

Dass Shawn vor Robert Mugabe und seiner Misswirtschaft nach Südafrika floh, ist ein Teil der Geschichte. Ein anderer, dass wir Europäer wenig von der Armut dort verstehen

Dass der 21-Jährige vor Robert Mugabe und seiner Misswirtschaft ans Kap davon gelaufen ist, ist ein Teil dieser Geschichte. Ein anderer, dass wir Westeuropäer wenig von Armut in Afrika verstehen


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Wie fühlt es sich an, jeden Abend Champagner für 300 Euro die Flasche zu servieren und selbst im Monat nichtmal die Hälfte davon zu verdienen? Shawn bewegt sich im ,,La Perla”, als stehe er über dieser Frage. Ausgesucht freundlich führt er die Besucher zu ihren Tischen – natürlich mit Meerblick. ,,Guten Abend, meine Name ist Shawn, ich werde für heute Abend ihr Kellner sein, bitte scheuen Sie sich nicht, mich in Anspruch zu nehmen, wenn Sie Wünsche oder Beschwerden haben.” Das alteingesessene Restaurant an Kapstadts Vorzeigepromenade im Stadtteil Seapoint weiß: Auf guten Service kommt es im Konkurrenzkampf um Touristen und die wohlhabende anspruchsvolle Oberschicht an. Und Shawn, nun Shawn garantiert guten Service.

Dabei sind Etikette ihm nicht in die Wiege gelegt worden. Shawn wurde geboren auf einer Farm im Nachbarland Zimbabwe, einstmals Kornkammer des südlichen Afrika und hoffnungsvoller Aufsteiger unter Afrikas wenigen Demokratien. Doch schon bald musste der Junge aus einem kleinen Dorf in der Nähe der Hauptstadt Harare erfahren, dass Wahlfreiheit relativ ist, solange nur eine Partei auf dem Stimmzettel vertreten ist, und Reichtum Privileg derer, die zur richtigen Zeit am richtigen Ort geboren sind. Robert Mugabe? Nach Zimbabwes Diktator gefragt, der die einstmals blühenden Landschaften seiner Heimat in den letzten Jahren systematisch zugrunde gerichtet hat, schüttelt Shawn den Kopf. ,,Wir haben jedes Jahr gebetet, dass die Ernte nicht verdirbt. Und selbst, wenn sie nicht verdorben war. Sie reichte immer seltener für die hungrigen Menschen.”

Der Herr an Tisch sieben wedelt ungeduldig mit den Händen. ,,Ich hatte ein Gezapftes bestellt, das hier ist Flaschenbier!”, beschwert der Gast sich lautstark. Er trägt Shorts, Tennissocken und Joggingshuhe. ,,Entschuldigen Sie, Sir, ich werde Ihnen sofort das gewünschte Getränk bringen.” Shawn trägt einen schwarzen Anzug. Dennoch: Wer in diesem System wer ist, darüber kann auch keine Kleiderordnung hinwegtäuschen. Als der Querulant befriedigt ist, hat Shawn noch einen Moment für das Ende der Geschichte. ,,Ich bin mit 15 Jahren aus Zimbabwe geflüchtet.” Seine Familie, seine Freunde? ,,Ich weiß nicht, ob sie noch leben. Ich habe seit Jahren keinen Kontakt mehr zu ihnen.”

Hundertausende Flüchtlinge aus nahezu allen 53 Staaten des Kontinents leben zurzeit in Südafrika, viele von ihnen illegal. Im Jahr 2008 kam es in Johannesburg mehrfach zu rassistisch motivierten Gewalttaten vor allem gegen Flüchtlinge aus Zimbabwe. Die Schlagzeile ,,Xenophobia (Fremdenhass, Anm. d. A.) in South Africa” diktierte Medien im In- und Ausland. ,,Ja”, bestätigt Shawn, ,,Spannungen gibt es.”

Und dann verschwindet er wieder im Innern des Etablissements, das mit zunehmender Dunkelheit immer belebter wird. Der Ozean rollt gegen den Pier, inzwischen ist die Strandbeleuchtung eingeschaltet. Nach einer Weile kommt Shawn doch nochmal zurück und beantwortet die Frage nach seinem Verdienst. ,,Ich lebe hauptsächlich von den Trinkgeldern. Wenn es gut läuft, komme ich auf 3500 Rand (300 Euro, Anm. d.  A.) im Monat.” Er habe keinen Grund sich zu beschweren, ,,das ist mehr als die meisten in meinem Township.” Denn dort lebt er, wenn er nicht im La Perla Champagner ausschenkt, in einer Baracke in Philippi, einem der ärmsten Viertel Kapstadts. Eine Stunde dauert die Anfahrt nach Seapoint jeden morgen, und eine Stunde die Rückfahrt nach Mitternacht, und der Transport ist teuer. ,,Aber wir haben hier einen Mitarbeiterservice. Und wir haben bald die Fußball-WM!" Shawn setzt sein Kellnerlächeln auf. ,,Wir haben es besser, als die meisten unserer Nachbarn.”





 
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